cinetastic.de - Living in the Cinema

Pelikanblut – Aus Liebe zu meiner Tochter

Geschrieben von Peter Gutting am 5. August 2020

Das schaffen nicht viele deutsche Nachwuchstalente: Sowohl mit ihrem Debüt als auch mit ihrem zweiten Film lief Katrin Gebbe bei den wichtigsten Filmfestivals der Welt. In der Reihe „Un certain Regard“ zeigten die Filmfestspiele Cannes „Tore tanzt“ (2013). Der Nachfolger eröffnete beim Festival in Venedig die Sektion „Orizzonti“. Vermutlich hat der internationale Erfolg mit der Kompromisslosigkeit zu tun, mit der die einstige Kunststudentin (Jahrgang 1983) ihre Geschichten und Figuren in Extreme treibt. Das ist kein braves deutsches Gremienkino. Das sind verstörende, aufwühlende, kontroverse Filme.

Ein Reiterhof, irgendwo in abgeschiedener ländlicher Idylle: Eines der Pferde dreht durch, wirft die Reiterin ab, greift sie sogar an. Kein gutes Omen für ein Tier, das den Polizeidienst antreten soll. Selbst bei gewalttätigen Demonstrationen müsste es dort Ruhe bewahren, mitten in Tränengasgranaten und brennenden Barrikaden. Für die Leiterin der Einsatzstaffel, die hier draußen bei Wiebke (Nina Hoss) ihre Tiere trainieren lässt, ist der Fall klar. Der ungezähmte Wildfang muss weg. Doch Wiebke erweist sich als Pferdeflüsterin. Stundenlang kümmert sie sich allein um den Hengst, und als es schon dunkelt, ruft sie die abgeworfene Reiterin erneut in die Koppel: „Jetzt ist er bereit, mit dir zu arbeiten“.

Vorrangig geht es nicht um Pferde in „Pelikanblut – Aus Liebe zu meiner Tochter“. Trotzdem wird der Hengst immer wieder zwischen das Familiendrama geschnitten, das den Kern der Handlung ausmacht. Und das nicht nur der reizvollen, westernartigen Optik wegen – mit einer Nina Hoss, die mit ihrem Cowboyhut geradewegs aus dem Western „Gold“ (2013) hergeritten zu sein scheint. Nein, das Pferdeflüstern steht für den irrationalen, verstandesmäßig nicht zu erfassenden Teil der Handlung. Es symbolisiert das Wunder, wie aus einem wilden Tier ein Freund werden kann, wenn man die emotionalen Zeichen richtig zu deuten weiß.

Mindestens so wild wie der Hengst ist Raya (Katerina Lipovska), das Adoptivkind, das die alleinerziehende Wiebke als Schwester für die ebenfalls adoptierte Nicolina (Adelia-Constance Ocleppo) aus Bulgarien holt. Raya kann mit ihren blonden Haaren und der liebenswerten Zahnlücke lächeln wie ein Engel. Aber schon bald nach der Rückkehr nach Deutschland zeigt sie ihre dunkle, bitterböse Seite. Sie verwandelt das Esszimmer in ein Schlachtfeld, brüllt minutenlang wie am Spieß, beißt und drangsaliert andere Kinder. Kurz: Sie ist genauso gewalttätig wie „Benni“ aus Nora Fingscheidts „Systemsprenger“ (2019). Ein Kind, das sehr früh derart schlimme Dinge erlebt hat, dass es emotional niemanden mehr an sich heranlässt. Und dadurch für keine Pflegefamilie, keine Kita, kein Heim mehr tragbar ist. „Mit Liebe allein können Sie Raya nicht helfen“, warnt der Psychologe. Und erinnert die Adoptivmutter an ihre zweite Tochter, deren Leben durch Raya extrem gefährdet ist.

Wiebke schlägt diese Warnungen in den Wind. Nicht, weil sie stolz wäre auf ihre Erfolge als Pferdeflüsterin und die beruflichen Prinzipien platt auf das Private übertragen würde. Sie weiß sehr wohl, dass ein Empathie-unfähiges und zugleich angstfreies Kind eine ganz andere Herausforderung bedeutet als ein wildes Pferd. Wiebkes Motive bleiben im Dunkeln, genauso wie die auffällige Narbe unter ihrem rechten Auge und ihr ängstliches, fast panisches Zurückweichen vor verliebten Männern. Aber das irrationale, vor Extremem nicht zurückschreckende Verhalten hat seinen rechten Platz in einem Film, der naturalistische Abbildung von Anfang an mit surrealen, dem Thrillergenre entlehnten Motiven unterläuft. Ist die Pferdeflüsterin eine Heilige, eine Seelenverwandte zum Protagonisten von „Tore tanzt“? Ist sie eine Frau mit wahnhaft übersteigertem Mutterinstinkt? Oder wurde sie selbst seelisch derart verwundet, dass sie diesen Schmerz niemand anderem antun kann? Das bleibt –so viel sei verraten –auch nach Filmschluss offen.

Anders als „Systemsprenger“ setzt „Pelikanblut“ nicht allein auf sozialen Realismus und die Anklage an eine Gesellschaft, die solchen Kindern nicht helfen kann. Der Film geht einen deutungsoffenen Weg jenseits von Wahrscheinlichkeiten, sozusagen einen Weg der Wünsche, der im Kino etwas möglich macht, was man dem Alltagsleben nicht zutraut. Das tut er mit traumwandlerischer Sicherheit so, als gäbe es nirgendwo eine Grenze zwischen vernünftigen Erziehungsprinzipien und extremen, sich selbst und andere gefährdenden Alleingängen. Dabei verhindert die Spannungsdramaturgie, die Identifikation mit der herausragenden Hauptdarstellerin auch nur eine Sekunde aufzugeben. Die szenische Intensität lockt den Zuschauer in Bereiche, in die er sich freiwillig wohl nicht begeben hätte. Denn es handelt sich nicht um billigen Abklatsch von Horror- oder Esoterikmotiven, von denen man sich dank Genre-Erfahrung innerlich leicht distanzieren könnte. Sondern um ein glaubwürdiges, wenn auch verstörendes Durchdeklinieren eines außergewöhnlichen Charakters in schier aussichtsloser Lage.

„Pelikanblut“ hat das Pech, erst nach „Systemsprenger“ ins Kino zu kommen, der das Thema des schwerst traumatisierten und darum nicht sozialfähigen Kindes als erster besetzte. Aber das muss kein Nachteil sein. Anders in Stilistik und Handlungsführung, eröffnet der zweite Film von Katrin Gebbe eine Alternative, wie sich das Sujet ebenso ergreifend aufbereiten lässt. Man darf gespannt sein, ob ihr Film beim Publikum auch so gut ankommt wie „Systemsprenger“. Verdient wäre es.

  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1

Wir vergeben daher 7,5 von 10 Filmpunkten.

Copyright: DCM

Kommentare

Keine Kommentare vorhanden.

Mit Facebook Anmelden um zu Posten!

Anmelden

Länge: 121 min

Kategorie: Drama

Start: 24.09.2020

cinetastic.de Filmwertung: (7,5/10)

  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1

Leser Filmwertung: (nan/10)

  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10

Film bewerten!

Gewinnspiele

Gewinne Kinokarten, BluRays, DVDs,
Fan Packages und mehr!

Gleich mitmachen

Info

Pelikanblut – Aus Liebe zu meiner Tochter

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 121 min
Kategorie: Drama
Start: 24.09.2020

Bewertung Film: (7,5/10)

  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1

Leser Filmwertung: (nan/10)

  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10

Film bewerten