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Ema

Geschrieben von Peter Gutting am 20. August 2020

Meist hat er den Blick zurück gewendet: Der Chilene Pablo Larraín hat mehrere Filme über die Militärdiktatur seines Landes gedreht, etwa „No!“ (2012) über eine Werbekampagne gegen das Pinochet-Regime. Später wandte er sich persönlichen Porträts bedeutender Persönlichkeiten zu, zum Beispiel dem Dichter und Politiker Pablo Neruda (2016). Erst jetzt, in seinem achten Film, nimmt er die Gegenwart in den Blick. Sein Sittenbild einer rebellischen Jugend und ihres Tanzstils „Reggaeton“ zählt zu den visuell und erzählerisch außergewöhnlichsten Werken des laufenden Jahres.

Ein Mann und eine Frau in einem Bett: nicht liegend, sondern auf den Oberschenkeln sitzend. Eine intime, berührende Szene. Er legt seinen Kopf in ihren Schoß, sie beugt sich zärtlich über ihn. Das Paar strahlt Traurigkeit aus, aber auch Verbundenheit. Dann fährt die Kamera zurück und enthüllt, dass es sich um ein Kinderbett handelt. Die Szene zu interpretieren, ist ein gewagtes Unterfangen. Vieles bleibt bewusst unscharf und offen. Aber so viel ist sicher: Ema (Mariana Di Girolamo) und der zwölf Jahre ältere Gastón (Gael García Bernal) haben vor kurzem ihren adoptierten Jungen verloren. Nicht durch einen Unfall, sondern weil Ema es so wollte. Der Achtjährige hatte mit Feuer gezündelt und Emas Schwester das halbe Gesicht verbrannt. Ein Ereignis und eine Entscheidung, die alles ins Wanken bringt: die Ehe, die künstlerische Verbindung – Gastón ist Choreograph, Ema tanzt in seiner Truppe – und Emas Job als Tanzlehrerin an einer Schule.

Es dauert eine gefühlte Viertelstunde, bis sich dieser einfache Sachverhalt aus einer Komposition betörender Bilder herausschält. Es sind Visionen, die zwischen Fantasie, Traum und künstlerischer Kreativität changieren. Gastón hat für seine neue Tanzinszenierung ein gigantisches Hintergrundbild gewählt. Ein riesiger Ball, erst blau (die Erde?) dann rot (die Sonne? Oder ein brennender, sich von innen heraus verzehrender Planet?). Davor tanzende Körper wie im Schattenriss, zuckend, ekstatisch, wie in Trance. Immer wieder werden die verstörenden künstlerischen Visionen zwischen real anmutende Szenen geschnitten: Wie Ema zu einer Soziarbeiterin geht und versucht herauszufinden, wie es dem verstoßenen Kind inzwischen geht. Und wie die Frau vom Amt verschlossen bleibt und Ema warnt, nicht noch mehr Unheil anzurichten.

Rein von der Handlungsebene her würde alles auf ein Familien- und Beziehungsdrama hinauslaufen. Aber Regisseur Larraín wählt einen anderen Weg. Wohin er führt, lässt sich in einer anderen, wunderschön stilisierten Szene ahnen. Die Kamera folgt Ema hinaus ans Meer, davor eine Mauer, auf der die Tänzerin lasziv ihre Hüften schwingt und vor den nächtlichen Lichtern der Stadt eine umwerfende Performance hinlegt. Wer diese Frau mit ihrer unkonventionellen, platinblondierten Frisur sieht, weiß: Das wird auch ein Film über einen nicht zu bremsenden Freiheitsdrang, der selbst vor Manipulation und Gewalt nicht zurückschreckt.

Schon in den ersten Sekunden macht „Ema“ klar, dass die Tonspur des Films genauso wichtig sein wird wie Kamera und Schnitt. Das betrifft Geräusche, atonale Verzerrungen, die wie eine schrille Satire auf die Handlung klingen. Und es betrifft natürlich die Musik, die Ema über alles liebt: „Reggaeton“. Ein Musikstil, an dem sich wohl die Geister zwischen Jungen und Älteren scheiden. Über Reggaeton sagt der Regisseur (Jahrgang 1976) im Interview, er habe daran wenig Interesse gehabt, bevor er an seinem neuen Film arbeitete. Aber im Zuge der Auseinandersetzung damit habe er verstanden, warum die junge Generation Chiles auf die sinnliche, erotische Energie abfahre, die in den teils unzweideutigen Tanzbewegungen steckt. Liest man bei Wikipedia nach, so ist die vor allem in Lateinamerika beliebte Musik eine Mischung aus Reggae, Hip-Hop, Merengue und Elektropop.

In seinem wie geträumt wirkenden Film erzählt Pablo Larraín mindestens dreierlei. Zum einen, wie Ema ihr Leben wieder auf die Reihe kriegen will. Zum anderen, wie eine lebenshungrige junge Generation tickt, die sich unter Selbstverwirklichung und Freiheit noch viel radikalere und individualistischere Lösungen vorstellen kann als etwa die 68er. Und zum dritten ist „Ema“ ein Tanzfilm, der sich mit musikalischen Kategorien besser beschreiben lässt als mit Inhaltsangaben. Ein Film, der vom Rhythmus lebt und vom Assoziationsreichtum, den die Musik anbietet. Was ausgedrückt werden soll, schillert ähnlich wie ein pulsierendes Instrumentalstück. Klar ist nur, dass es einen mitreißt, vorantreibt, mit Energie überschwemmt. Nie war die Binsenweisheit weniger abgegriffen als hier, dass vermutlich jeder einzelne Zuschauer einen anderen Film sehen wird.

Pablo Larraín erzählt von einer jungen chilenischen Generation, zu der er nicht mehr gehört. Aber der 44-jährige fühlt sich in seine Heldin so vorbehaltlos ein, dass man denken könnte, ein Dreißigjähriger hätte „Ema“ gedreht. Ein Film wie ein Rausch, voller Kraft und Rätsel. Auch wenn sich nicht jeder mit der fragmentierten Erzählweise wird anfreunden können – dem emotionalen Sog und der visuellen Poesie kann sich wohl niemand entziehen.

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Wir vergeben daher 8 von 10 Filmpunkten.

Copyright: Koch Films

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Länge: 107 min

Kategorie: Drama, Music, Romance

Start: 22.10.2020

cinetastic.de Filmwertung: (8/10)

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Ema

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 107 min
Kategorie: Drama, Music, Romance
Start: 22.10.2020

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