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Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden

Geschrieben von Peter Gutting am 5. August 2020

Eigentlich sei dieser Roman unverfilmbar, befand die spanische Produzentin Leire Apellaniz. Und doch gab sie das Buch von Antonio Orejudo dem Nachwuchsregisseur Aritz Moreno. Der las den bisher nur auf Spanisch erhältlichen Roman „Ventajas de viajar en tren“ und war begeistert. Obwohl es sein erster langer Spielfilm ist, wollte der Regisseur unbedingt die komplexe Erzählstruktur und das virtuose Spiel mit Surrealismus, schwarzem Humor und Horrorvisionen auf die Leinwand bringen. Herausgekommen ist einer der ungewöhnlichsten Filme der letzten Jahre. Das kann man – je nach Genrevorlieben – für ein Kompliment oder eine Warnung halten.

Zumindest der Ausgangspunkt eines wilden Ritts durch mehrere, miteinander verflochtene Erzählstränge erscheint einigermaßen real. Jeder hat das vielleicht schon erlebt. Man sitzt im Fernzug, hat mehrere Stunden vor sich, die man mit Lektüre, Schlaf oder dem Blick aus dem Fenster verbringen möchte. Und dann kommt da dieser Mann, der sich direkt gegenübersetzt und unverzüglich in einen aberwitzigen Redeschwall verfällt. So geht es der Verlegerin Helga (Pilar Castro), die es sich gerade auf ihrem Platz gemütlich gemacht hat.

„Wollen Sie meine Lebensgeschichte hören“, fragt Ángel (Ernesto Alterio), ein intellektuell wirkender Mann im gelb-grün karierten Sakko, mit Vollbart und langem, aber gepflegtem Grauhaar. Er stellt sich als Psychiater vor und ist fasziniert von den Verrückten und insbesondere von den Geschichten, die sie erzählen. Ehe Helga Luft holen kann, finden sie und der Zuschauer sich schon umzingelt von den Wahnvorstellungen eines gewissen Martin (Luis Tosar). Ohne Rücksicht auf Lüge oder Wahrheit biegt das Erzählen in eine weitere Geschichte ab, folgt dann erneut einer anderen Person, bis man sich fragt, wo eigentlich Martin geblieben ist. Aber keine Angst, der taucht schon wieder auf.

Einen „Erzähler“, der nicht ganz zuverlässig ist, kündigt das Filmplakat an. Das ist ungewöhnlich, denn eigentlich beruht der Reiz des unzuverlässigen Erzählens darauf, sein Geheimnis erst am Ende zu verraten. Aber hier werden die Verdachtsmomente von Anfang an breit gestreut. Da ist zum einen die schockartige Großaufnahme, wenn Ángels Gesicht dem Zuschauer dämonisch grinsend auf die Pelle rückt. Stellt man sich so tatsächlich einen Psychiater in seiner Freizeit vor, geradezu besessen von all dem Seelenmüll, den die Patienten Tag für Tag bei ihm abladen? Und was soll man von einer Verlegerin halten, die sich derart zuballern lässt? Ist die vielleicht Spezialistin für Schundromane, für billige Krimis und perverse Horrorstorys?

Wie dem auch sei, zu viel von dem Stoff, der einem da vor die Füße gekippt wird, sollte man nicht verraten. Sonst ist es vorbei mit der Stärke des Films, die in dem Sog und der Eleganz besteht, mit der die kuriosesten, schrägsten und bizarrsten Geschichten ineinander verschachtelt werden, ohne dass es den Film aus der Kurve trägt. Nicht von ungefähr legen der Regisseur und sein Drehbuchautor Javier Gullón im Visuellen und den Dialogen ein ähnliches Affentempo vor wie der angebliche Psychiater Ángel, dessen Name – „Engel“ – natürlich auch Teil des genüsslich verströmten schwarzen Humors ist. Bevor man über die ganzen Absurditäten nachdenken kann, ist man schon mit der nächsten Groteske konfrontiert. Und weil alles zugleich auf die Schippe genommen wird, kann – ähnlich wie in manchen Horrorfilmen – der Tabubruch umso deftiger ausfallen. Regisseur Aritz Moreno spielt mit der Angstlust des Zuschauers. Mal dreht er kurz vor dem ultimativen Schock ab, mal setzt er ihn quälend lange ins Bild. Und deshalb ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass der Film in Deutschland erst ab 18 Jahren freigegeben ist, also Jugendverbot hat.

Unübersehbar reiht sich die schwarze Komödie in die Tradition des surrealistischen Erzählens ein. Aber anders als etwa Luis Buñuel verfolgt sein jüngerer Landsmann keine gesellschaftskritische Absicht. Es geht ihm nicht darum, das Unbewusste aus der Verdrängung zu befreien oder den „Diskreten Charme der Bourgeoisie“ (1972) zu entlarven. Aritz Moreno scheint das Spiel mit der Kunst der Verschachtelung und den Möglichkeiten des Kinos als Selbstzweck zu lieben. Zwar könnte man eine der drei Hauptgeschichten als eine groteske Übertreibung von Herrschaftsstrukturen in Liebesverhältnissen deuten. Aber zu viel sollte man in die Unterwerfung einer Frau, die sich beinahe in eine Hündin verwandelt hätte, nicht hineininterpretieren. Vermutlich war auch hier der Reiz des Tabubruchs – und das Lustigmachen darüber – das primäre Motiv. „Glaubwürdigkeit interessiert mich nicht“ lässt Moreno einmal die Filmfigur Martin sagen, als es um das Geschichtenerzählen geht. Der Film, so ist zu befürchten, schert sich darum genauso wenig.

„Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden“ ist eine Komödie, die den schwarzen Humor über die bislang gängigen Tabubrüche hinaus treibt. Trotz seiner raffinierten Erzählstruktur und der visuellen Eleganz, die lustige, schreckliche und traurige Momente stilsicher ausbalanciert, verliert sich der Film in der Spielerei um der Spielerei willen. Wer sich fragt, ob sich hinter dem optischen Glanz substantielle Einsichten verbergen, dürfte in das grinsende Gesicht eines falschen Engels schauen.

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Copyright: Neue Visionen

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Länge: 106 min

Kategorie: Comedy, Mystery, Thriller

Start: 20.08.2020

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Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 106 min
Kategorie: Comedy, Mystery, Thriller
Start: 20.08.2020

Bewertung Film: (6/10)

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