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David Copperfield – Einmal Reichtum und zurück

Geschrieben von Peter Gutting am 20. August 2020

Schon oft wurde „David Copperfield“, der achte Roman von Charles Dickens, für die große Leinwand adaptiert. Das fing an in der Stummfilmzeit, wurde fortgesetzt 1935 und mündete in zahlreiche TV-Bearbeitungen und Serien, die dem über 600 Seiten starken Wälzer dank ihrer Länge ausführlich gerecht werden konnten. Mit Blick auf die audiovisuelle Vorgeschichte dürfe man nun etwas Neues wagen, befand Satire-Spezialist Armando Iannucci („The Death of Stalin“, 2017). Der Regisseur und Komiker ließ sich bei seiner Lektüre des dicken Klassikers von den humorvollen Passagen inspirieren. Seine Version ist folglich eine Mischung aus Komödie und Märchen. Die sozialen Probleme Mitte des 19. Jahrhunderts, die Dickens am Herzen lagen, rücken dadurch naturgemäß in den Hintergrund.

Ein prachtvolles Rokoko-Theater, vollbesetzt. Das Publikum hat sich in Schale geworfen, wartet gutgelaunt auf den Helden des Abends. Dann kommt er, schreitet vornehm zum Rednerpult und beginnt aus seinem Roman zu lesen. Nach dem ersten Satz öffnet sich der Vorhang, gibt den Blick frei auf ein offenes Feld. Der Autor dreht sich um, verlässt das Pult und geht in das fiktive Bild hinein, direkt zur Szene seiner eigenen Geburt. Aber selbst als das Kind das Licht der Welt erblickt, verschwindet sein erwachsenes Alter Ego nicht, sondern blickt mit Mutter und Verwandten freudig ins Antlitz des Neugeborenen.

Das ist clever gemacht und deutet auf den filmischen Spieltrieb hin, der sich in den folgenden 110 Minuten ausleben darf. Von Anfang an ist klar: Mit dem literarischen Naturalismus, dem Charles Dickens (1812 bis 1870) zugerechnet wird, haben Regisseur Armando Iannucci und sein Drehbuchautor Simon Blackwell wenig am Hut. Nicht auf die bitteren Erfahrungen eines armen Jungen, der früh die Mutter verlor, kommt es ihnen an. Ebenso wenig auf die Ausbeutung der Arbeiter zu Beginn der industriellen Revolution und kaum auf die ärmlichen Lebensbedingungen der Deklassierten, die der junge Dickens am eigenen Leib kennengelernt hatte und in dem autobiografischsten seiner Romane verarbeitete.

Der britische Regisseur legt den Schwerpunkt auf das Abenteuerliche an David Copperfields Leben, auf die vielen spleenigen Freunde und Verwandten, bei denen er unterkommt und denen er immer wieder begegnet. Aus den düsteren Lebensbedingungen macht die filmische Fantasie ein farbenfrohes Wunderland mit magischen Einfällen, zauberhafter Verwunschenheit und skurrilen Begebenheiten, gerade so als hätte der britische David eine französische Schwester namens Amélie.

Vom Tellerwäscher zum Millionär, könnte man denken, wenn der gefeierte Autor zu Beginn vor sein Publikum tritt. Tatsächlich spielt Dev Patel aus „Slumdog Millionär“ (2008) diesen David Copperfield, der von seinem grausamen Stiefvater in die Fabrik gesteckt wird und nach dem Tod seiner Mutter bei der exzentrischen Tante Betsey (Tilda Swinton) und deren nicht minder kuriosen Cousin Dick (Hugh Laurie) unterschlüpft. Zuvor hatte er noch den ewig mittellosen, aber grundgütigen Mister Micawber (Peter Capaldi) samt Frau und Kindern kennengelernt. Auch im weiteren Verlauf seines Lebens wird es dem Helden eines Bildungsromans an typisch britischen Sonderlingen nicht fehlen.

Es ist vor allem dieses Kuriosenkabinett, das dem Humor eine zutiefst menschliche Note hinzufügt. Denn so verrückt diese Leute auch sein mögen, der Film schenkt ihnen dieses wunderbar milde Licht, in dem sie sämtliche Eigenheiten gerade deshalb ausleben dürfen, weil sie sie so liebenswert machen. Ansonsten setzt „David Copperfield – Einmal Reichtum und zurück“ auf ein atemberaubendes Tempo mit meist bewegter Kamera und vielen Reißschwenks, die den Zuschauer in denselben Taumel reißen, in den Davids Leben gerät. Dazu trägt auch bei, dass sich die Komödie auf besonders lustige Episoden aus dem Roman stürzt. Und sogar was eigentlich nicht komisch ist, wird komisch gemacht. Selbst bei Liebe, Tod und Unglück kann sich der Film eine Prise Slapstick oder einen Schuss Charakterkomik nicht verkneifen.

Bei aller Liebe zu den Figuren können diese jedoch nicht zu echten Charakteren mit facettenreichen Zügen reifen. Sie bleiben Typen, reduziert auf ihre absonderlichen Eigenschaften. Selbst der quicklebendig aufspielende Dev Patel kann seiner Figur nicht das Identifikationspotential verleihen, mit dem er den Straßenjungen Jamal aus „Slumdog Millionär“ ausstattete. Das ist die Kehrseite der Entscheidung, alles auf die Komödienkarte zu setzen. Als Mischung aus herrlich verrücktem Personenarsenal und Amélie-hafter Verzauberung allerdings funktioniert die eigenwillige Dickens-Interpretation überraschend gut. Dazu trägt vor allem das gut gelaunte Ensemble bei, allen voran Tilda Swinton, Hugh Laurie und Peter Capaldi.

„David Copperfield – Einmal Reichtum und zurück“ ist eine quietschfidele Abenteuerkomödie, die sich auch für Kinder eignet. Durch seine exzentrischen Figuren und die bunte Machart schlägt die Romanverfilmung einen Ton an, den Regisseur Armando Iannucci bei den bisherigen Dickens-Verfilmungen vermisste. Auf federleichten Füßen führt er sein Publikum an einen Klassiker der Weltliteratur heran.

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Copyright: Entertainment One Germany

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Länge: 119 min

Kategorie: Comedy, Drama

Start: 24.09.2020

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David Copperfield – Einmal Reichtum und zurück

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 119 min
Kategorie: Comedy, Drama
Start: 24.09.2020

Bewertung Film: (7/10)

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