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Corpus Christi

Geschrieben von Peter Gutting am 5. August 2020

Kaum zu glauben: In Polen gab es tatsächlich den Fall, dass sich ein 19-Jähriger als falscher Priester ausgab. Drei Monate ging das gut, bevor die Sache aufflog. Drehbuchautor Mateusz Pacewicz  schrieb einen Artikel und ein E-Book über die unwahrscheinliche Täuschung. Für den dritten Film von Jan Komasa veränderten Autor und Regisseur die Geschichte jedoch in einigen Punkten. Ihnen geht es nicht um Hochstapelei, sondern um die Utopie von einer Kirche, die durch unkonventionelle Methoden zu echter Menschlichkeit zurückfindet.

Ein Jugendgefängnis der brutalen Art: Wer hier überlebt, muss ein harter Hund sein – oder wird dazu gemacht. Das weiß auch Gefängnispfarrer Tomacz (Lukasz Simlat), der sich für reine Pflichtveranstaltungen zu schade ist. Wer den Gottesdienst nur absitzen will, soll lieber gleich den Saal verlassen, sagt er seinen schweren Jungs, die betreten sitzen bleiben. Nur einer nimmt die Mission des Evangeliums wirklich ernst: Der 20-jährige Messdiener Daniel (Bartosz Bielenia) hat sich während der Haft vom Gewaltverbrecher zum Gläubigen gewandelt. Er hängt an den Lippen von Priester Tomacz, als ginge es um sein Leben. Beiläufig lässt der Geistliche einen Satz fallen, der dem Messdiener besonders tief unter die Haut geht: „Jeder von uns ist ein Priester Christi“.

Auf Bewährung kommt Daniel frei. Er muss in einem Sägewerk arbeiten, ohne sich etwas zuschulden kommen zu lassen. Er fährt in den kleinen Ort am anderen Ende des Landes, meldet sich aber nicht sofort bei der Arbeit, sondern sieht sich das Dorf an, geht in die Kirche. Er begeht den Betrug nicht aus Vorsatz, aber Zufall häuft sich auf Zufall und die im Scherz dahingesagte Behauptung, er sei Priester, wird Realität. Es ist, als hätten sie hier auf ihn gewartet wie auf einen Messias, der sie von ihren Leiden und ihren Schuldgefühlen erlöst. Jeder kann ahnen, dass Daniel kein echter Priester ist, manche scheinen es insgeheim sogar zu wissen. Aber sie wollen der Wirklichkeit nicht ins Auge sehen, möchten sich lieber mitreißen lassen von den unkonventionellen Methoden des jungen Mannes. Daniel spricht in seinen Predigten indirekt von sich, von seiner Schuld, seiner Bitte um Vergebung, seinem inneren Kampf. Damit trifft er die Herzen der Kirchgänger ins Mark.

Regisseur Jan Komasa lässt den Zuschauer ebenso durch die Geschichte taumeln wie seinen Helden. Er lässt ihn mitfiebern: Was geschieht, wenn Daniel erstmals die Beichte abnehmen muss? Wird er die üblichen religiösen Formeln wissen? Kennt er den rituellen Ablauf der heiligen Messe? Was ist, wenn ihm die Worte ausgehen? Auf dem Gesicht des überragenden Nachwuchsschauspielers Bartosz Bielenia spiegeln sich das Zögern, das Nachdenken, die Angst. Aber immer wieder lässt der Kameramann (Piotr Sobociński Jr.) ein helles Licht auf das Antlitz des jungen Mannes fallen. Es taucht die kantigen Züge, die in anderen Momenten eine veritable Verbrechervisage abgeben, in engelsgleiche Milde, vergleichbar der Jesusgestalt, die direkt hinter ihm hängt und zu der er sich demütig hinwendet.

Doch das Licht ist nicht von Dauer. Nur hin und wieder durchbricht es die entsättigten, leicht schmutzigen Grün- und Brauntöne. Mit der freundlichen Aufnahme Daniels ist der Kampf zwischen Gut und Böse, Hell und Dunkel, Gott und Teufel nicht vorbei. Jeden Augenblick kann die Stimmung umschlagen, was dem Film eine knisternde Spannung verleiht, die sich auch in den wenigen lustigen Szenen nicht auflöst. Was genau in dem Dorf passiert, soll daher nicht verraten werden. Nur so viel: Die Gemeinschaft steckt seelisch in einer Sackgasse, die Daniel aus anderen Gründen sehr gut kennt. Seine Ankunft verspricht so etwas wie Heilung, löst aber zugleich heftige Widerstände aus, denn zum Überwinden des Traumas müssen die Dorfbewohner ihre Feindbilder aufgeben und der Wahrheit ins Auge blicken. Das tut weh.

Im katholisch geprägten Polen kam die kirchenkritische Botschaft des Films überraschend gut an, sowohl beim Publikum wie bei der Kritik. Bei den polnischen Filmpreisen errang das Drama elf von 15 möglichen Trophäen, inzwischen ist es für den Auslandsoscar nominiert. Aber der Film  spricht keineswegs nur innerkirchliche Themen oder Probleme von tief katholischen Ländern an. Seine vielschichtigen und nie ganz ausdeutbaren Botschaften sind universell. Sie drehen sich um Versöhnung, Ehrlichkeit sich selbst gegenüber und Überwindung von Einsamkeit.

„Corpus Christi“ ist ein ebenso spannendes wie aufwühlendes Drama. Die Geschichte um einen falschen Pfarrer führt in Dimensionen gelebter Nächstenliebe, die nicht allein religiös oder moralisch zu verstehen sind. In der Hauptrolle glänzt der Theaterschauspieler Bartosz Bielenia, dessen innere Dämonen ebenso sichtbar werden wie seine engelsgleiche Versenkung in eine Art Urchristentum.

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Wir vergeben daher 8 von 10 Filmpunkten.

Copyright: Arsenal

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Länge: 115 min

Kategorie: Drama

Start: 03.09.2020

cinetastic.de Filmwertung: (8/10)

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Corpus Christi

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 115 min
Kategorie: Drama
Start: 03.09.2020

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