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What you gonna do when the World’s on fire

Geschrieben von Peter Gutting am 9. Juli 2020

Eigentlich sollte es eine Musikdoku werden. Regisseur Roberto Minervini fuhr nach New Orleans, weil er sich für die Wurzeln der afroamerikanischen Folk- und Bluesmusik interessierte. Doch der alltägliche Rassismus der USA wollte es anders. 2016 wurde der schwarze CD-Händler Alton Sterling in Louisiana aus nächster Nähe von einem weißen Polizisten erschossen, fast schon vergessen angesichts der Ermordung von George Floyd vor wenigen Wochen und der darauf folgenden Massenproteste. Wegen der Aktualität von Minervinis Dokumentation entschloss sich der Verleih, den 2017 gedrehten Films schneller als geplant in die deutschen Kinos zu bringen. Das ist nachvollziehbar und könnte dennoch auf eine falsche Fährte führen. „What you gonna do when the World’s on fire“ ist kein Agitpropkino, sondern eine emotionale Reise ins Herz der afroamerikanischen Seele.

Boxtraining mit einfachen Mitteln; Ronaldo (14) wickelt seinem neunjährigen Bruder Tito ein paar Stofffetzen um die Fäuste. „Schwing deine Linke“ fordert er ihn auf, seine eigenen Hände wie ein Sparringspartner hinhaltend. Klar, könnte man denken, typische Ghetto-Kids, die nichts als Gewalt im Sinn haben. Aber weit gefehlt. Bevor er ihn unterrichtet, gibt der Ältere dem Jüngeren bemerkenswerte Regeln mit auf dem Weg. Sich zu prügeln, sei nie gut, erklärt Ronaldo. Außer wenn man dazu gezwungen werde.

Dem Ärger lässt sich allerdings nicht aus dem Weg gehen, wenn man aufwächst wie Ronaldo und Tito. Der Vater sitzt im Knast, drei ihrer Cousins auch. Bei all ihrer Kindlichkeit wissen die Brüder, wie gefährdet sie sind, auf die schiefe Bahn zu geraten. „Sie wollen dich scheitern sehen“, sagt die allein erziehende Mutter zu ihrem Ältesten, als dieser sich vom Lehrer schlecht behandelt fühlt. Aber gerade deshalb das eindringliche, von einer ruhigen Kamera eingefangene Gespräch: Sei stark, mein Junge, lass‘ dich nicht provozieren, geh‘ dem Ärger aus dem Weg und zeig‘ ihnen, dass du mehr draufhast als sie einem Schwarzen zutrauen.

Es ist rührend zu sehen, wie Ronaldo, der Ältere, dem Jüngeren den Vater ersetzt, den er doch selbst nötig hätte. Wie er sich um ihn sorgt, früh erwachsen, ohne doch seine eigenen Bedürfnisse komplett zu verraten. Wie er selber Blödsinn macht, in Schwierigkeiten gerät und sich von den Ermahnungen der Mutter noch beeindrucken lässt. Warum müssen sie zu Hause sein, wenn es dunkel wird? Weil erst letzte Woche fünf Leute bei einer Schießerei ums Leben kamen, nur wenige Hundert Meter entfernt von ihrer Wohnung. So jung sie sind, so tief haben sich die Gefahren des Schwarzseins in den USA bereits in sie eingegraben.

Ronaldo und Tito sind der eine Erzählstrang der kunstvoll montierten Kollage über die Auswirkungen des Rassismus auf das Alltagsleben, auf Ängste, Zorn und mögliche Überlebensstrategien. Die beiden anderen scheinen dazu zunächst recht quer zu stehen. Der eine erzählt von Judy, einer 50-jährigen Sängerin, die gerade eine Bar aufgemacht hat – eine Art Lebenstraum nach schwierigen Jahren. Ihr Kampf um einen Neuanfang ist das geheime Zentrum des Films, auch weil sie ein bewundernswertes Charisma ausstrahlt – die innere Ruhe eines Kämpferherzens, das schon viel durchgemacht hat. Die dritte Geschichte ist die von Aktivisten der „New Black Panther Party“. Sie halten eine Mahnwache zum Todestag von Alton Sterling, verteilen Sandwiches an Obdachlose (auch an Weiße) und lassen den Betrachter an ihren Gruppenreffen teilhaben. Das ist eine kleine Sensation, denn eigentlich wollen die Black Panther seit 30 Jahren mit den Medien nichts mehr zu tun haben.

Erst nach und nach wird deutlich, wie viel die drei ganz unterschiedlichen Geschichten miteinander zu tun haben. Roberto Minervini (Jahrgang 1970), der in Italien aufgewachsen und der Liebe wegen in die USA ausgewanderte, nimmt sich viel Zeit für die Unterschiede und Eigenheiten seiner Protagonisten. Er will sie als Menschen kennenlernen, nicht als Statthalter für politische Positionen. Auch nach vielen Jahren in den USA besitzt der Regisseur noch den Blick des Außenseiters, des beinahe ethnologischen Beobachters, der verstehen will und dafür den Menschen ganz nahe kommt. Aber nicht nur das. Indem er ihnen eine Stimme gibt, verleiht er ihnen eine sehenswerte Würde. Nicht von ungefähr ist der Film in einem kontrastreichen, leuchtenden Schwarz-Weiß gedreht, so wie die Meisterwerke des italienischen Neorealismus.

Die meist nahen, oft auch intimen Einstellungen machen allein durch ihre Bildsprache Hoffnung, dass diese Menschen den widrigen Umständen trotzen werden, aller Benachteiligung und Ungerechtigkeit zum Trotz. Aus gewöhnlichen Menschen werden so Helden des Alltags, Ikonen des Widerstands, in ihrer Schönheit vergleichbar dem Spielfilm „Moonlight“ (2016) von Barry Jenkins. Eines Kommentars bedürfen die ästhetisch ausgefeilten Bilder nicht. Sie sprechen für sich selbst, auch wenn sich politische Aktivisten angesichts der aktuellen Ereignisse vielleicht einen lauteren Trommelwirbel für die gute Sache gewünscht hätten.

„What you gonna do when the world’s on fire“ geht mit seinen leisen Tönen unter die Haut. Indem der Film die Besonderheiten seiner Protagonisten in den Mittelpunkt stellt, fordert er den Betrachter auf, das sie Verbindende selbst zu entdecken. Die intime Studie über die seelischen Folgen des Rassismus, die ursprünglich eine Musikdoku werden sollte, lebt von ihrem Rhythmusgefühl, ihren Zwischentönen und einer unerschütterlichen Lebensfreude.

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Copyright: Grandfilm

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Länge: 123 min

Kategorie: Documentary

Start: 23.07.2020

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What you gonna do when the World’s on fire

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 123 min
Kategorie: Documentary
Start: 23.07.2020

Bewertung Film: (7,5/10)

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