cinetastic.de - Living in the Cinema

Dreiviertelblut – Weltraumtouristen

Geschrieben von Peter Gutting am 9. Juli 2020

Ist der Spruch nun tiefsinnig, albern oder makaber? „Wer früher stirbt, ist länger tot“ lautete der Titel des Spielfilmdebüts von Marcus H. Rosenmüller im Jahr 2006. Ein von Schuldgefühlen geplagter bayerischer Bub machte sich darin Gedanken über Tod, Fegefeuer und Unsterblichkeit. Die Filmmusik schrieb ein gewisser Gerd Baumann und auch die Band „Bananafishbones“ um den Sänger Sebastian Horn war mit von der Partie. 14 Jahre später schließt sich der Kreis. Baumann und Horn sind mittlerweile gemeinsam in der Band „Dreiviertelblut“ unterwegs. Und Rosenmüller dreht mit Co-Regisseur und Kameramann Johannes Kaltenhauser eine Musikdoku über die bayerisch singende Truppe. Darin verbeugt er sich vor den Musikern, indem er seine eigene filmische Handschrift zu den Eigenarten der Protagonisten in ein ebenso spannungsvolles wie spannendes Verhältnis setzt.

Schneetreiben, der Wind heult, einsam steht ein Baum auf weißem Grund. Dann ein Mann, Mütze tief über den Ohren, die Hände tief in den Taschen vergraben. Hier draußen im bitterkalten Wald fühlt sich Sebastian Horn, Sänger von „Dreiviertelblut“ wohl. Er sei davon überzeugt, sagt seine Stimme im Off, dass jegliche Kunst schon existiere und dass man sein Radio nur gut genug ausrichten müsse, um sie zu empfangen. Und: „Mein Radio ist hier draußen am besten eingestellt.“ Horn setzt sich in eine Hütte, die nach einer Seite offen ist. Gemütlich sieht das nicht aus. Aber der Mann mit der markanten Hornbrille und dem mächtigen Vollbart fühlt sich wohl. „Wir hocken hier und denken uns, alles ist still.“ Das zählt für ihn zu den tiefen Wundern des Lebens. Denn eigentlich rase die Erde ja mit Tausend Stundenkilometern um die Sonne.

Aha, könnte man denken, das ist vielleicht so eine Art Sinnieren, wie es der elfjährige Sebastian Schneider aus „Wer früher stirbt…“ betreiben würde, wenn er erwachsen wäre. Naive bis philosophische Weltbetrachtung, nun unterfüttert mit naturwissenschaftlichen Erkenntnissen. Tatsächlich, hier herrscht ein vergleichbarer Surrealismus: Kaum hat der Mann in der Hütte den Satz mit der unglaublichen Raserei der Erde im Weltall ausgesprochen, bebt der Boden vor der einsamen Waldhütte. Irgendetwas speit Feuer, macht einen schrecklichen Lärm. Es ist der Baumann Gerd mit seiner Rakete, der gerade aus den Tiefen des Raums genau hierher geflogen kam und in seinem Astronautenanzug eben noch durchgerüttelt wurde von den Dimensionen der Unendlichkeit.

Von dieser Art ist die Tragikomik der im Dialekt gesungenen Texte von „Dreiviertelblut“. Es geht um das ganz Große und das ganz Kleine. Also um das Glück des Augenblicks, die Schönheit des Moments, die beschauliche Ruhe des Waldes – und wie das in die Sinnlosigkeit einer Perspektive passt oder eben nicht passt, die unser Leben aus der Perspektive des Alls betrachtet. „Ois is koid“ (alles ist kalt) heißt einer der bekanntesten Songs, obwohl wir uns doch um die Sonne drehen. Aber der ist es egal, was wir auf unserem „blauen Stein“ treiben und ob wir dort bleiben. Das klingt ernst, aber Gerd Baumann kann der Betrachtung auch einen kabarettreifen Anstrich geben, wenn er dem Publikum erzählt, wie sich die beiden einmal bei der NASA beworben hätten.

„Folklorefreie Volksmusik“ nennen Baumann und Horn den Stil der 2012 zu zweit gegründeten Band, die inzwischen als Septett auftritt. Drei Studioalben und eine Live-CD sind bis jetzt erschienen. Mit ihrem etwas anderen Heimatverständnis reihen sie sich ein in die Tradition von Mundart-Rebellen wie „Biermösl Blosn“, „Kofelgschroa“, Georg Ringsgwandl oder Hans Söllner. Wichtige Höhepunkte ihrer Karriere waren die Konzerte im Münchner Circus Krone sowie ein gemeinsamer Auftritt mit den Münchner Symphonikern im Prinzregententheater. Besonders das Zusammenspiel mit dem klassischen Orchester bildet das Rückgrat des schwarz-weiß gedrehten Films. Dazwischen gibt es die üblichen Interviews, aber auch inszenierte Szenen, wie die erwähnten mit dem Astronautenanzug.

Einerseits sind Marcus H. Rosenmüller und Johannes Kaltenhauser den beiden Musikern sehr nah, die sie seit vielen Jahren kennen. Andererseits tun die Regisseure alles dafür, irgendeine Kumpelhaftigkeit oder Anbiederung zu vermeiden. Für einen schönen Verfremdungseffekt sorgt allein schon der Verzicht auf Farbe. Er dient der Distanz und vor allem der Poetisierung. Etwa bei einem Pilz im Wald, leuchtend in einem beinahe heiligen Licht, das ihn wie auf eine Bühne stellt. Oder die Trickszene mit Baumann als Astronaut ohne Raumschiff, wie er durch den Äther schwebt, die Erde immer näher kommt und die Kamera das Gesicht durch den Helm betrachtet, mit den Sternen im Hintergrund; losgelöst und schwerelos, vom gewöhnlichen Realismus des Dokumentarfilms so fern wie von der nächsten Galaxie – vermutlich eine kleine Anspielung auf „Gravity“ (2013). Ein filmischer Höhepunkt ist auch der Konzertmitschnitt von „Der Sturm“: Blick in die aufgerissenen Augen des Dirigenten, Vogelperspektive auf die panisch flackernden Scheinwerfer, Schnitt auf die kreischende E-Gitarre, dann der Schmerzensschrei des Sängers in der Detailaufnahme – eine Montage mit Gänsehautpotential.

„Dreiviertelblut –Weltraumtouristen“ geht über die üblichen Schemata der Musikdoku hinaus. Der Film von Marcus H. Rosenmüller und Johannes Kaltenhauser unterfüttert die Songs der Dialektkünstler mit eigenen Fantasien, spinnt Anregungen aus den Texten weiter und setzt filmische Kontrapunkte, die das musikalische Universum mit visuellen Mitteln erweitern. Wer von der Band noch nie gehört hat, kann sich dank der krassen Kombination aus Lebensphilosophie und Komik ein wenig an Woody Allen erinnert fühlen.

  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1

Wir vergeben daher 8 von 10 Filmpunkten.

Copyright: Südkino

Kommentare

Keine Kommentare vorhanden.

Mit Facebook Anmelden um zu Posten!

Anmelden

Länge: 87 min

Kategorie: Documentary

Start: 06.08.2020

cinetastic.de Filmwertung: (8/10)

  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1

Leser Filmwertung: (nan/10)

  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10

Film bewerten!

Gewinnspiele

Gewinne Kinokarten, BluRays, DVDs,
Fan Packages und mehr!

Gleich mitmachen

Info

Dreiviertelblut – Weltraumtouristen

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 87 min
Kategorie: Documentary
Start: 06.08.2020

Bewertung Film: (8/10)

  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1

Leser Filmwertung: (nan/10)

  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10

Film bewerten