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Der flüssige Spiegel

Geschrieben von Peter Gutting am 9. Juli 2020

Fast in allen Kulturen gibt es den Wunsch, der Tod möge nicht das letzte Wort über die Liebe haben. Besonders stark ist das Motiv im Mythos um den griechischen Sänger Orpheus, der in die Unterwelt stieg und um eine zweite Chance für seine getötete Frau bat. Der Filmemacher Alexander Kluge hat mit „Orphea“ (2020) daraus eine feministische Pop-Oper gemacht. Im Spielfilmdebüt des Franzosen Stéphane Batut wird die griechische Antike zwar mit keinem Wort erwähnt. Dennoch spielt der sinnlich betörende Film mit den Motiven des Todesflusses und des Boten, der die Gestorbenen ins Reich der Toten geleitet.

Eine Stadt im bläulichen Nachtlicht. Irgendwo rauscht Wasser. Nur Konturen sind zu erkennen, als Juste (Thimotée Robart) die Augen öffnet. Er hatte in raschelndem Laub gelegen. Man könnte an einen Friedhof denken, aber wo sind die Grabsteine? Der junge Mann rappelt sich auf, sichtlich mitgenommen und wacklig auf den Beinen. Er läuft ein paar Schritte, trifft irgendwann auf ein paar Jugendliche, die seine Hilferufe überhören. Mehr noch: Sie steigen gedankenlos über ihn hinweg, als er fällt und direkt vor ihnen liegt. Offensichtlich können sie Juste nicht sehen. Nur Alpha (Djolof Mbengue), den er wenig später trifft, scheint eine Art Verwandter im Geiste zu sein. Oder soll man an dieser Stelle schon sagen: Ein Geist wie er selbst?

Ja, man muss das so klar ausdrücken, sonst wird die zwischen Realismus und Fantasy changierende Handlung nicht verständlich. Man lasse also allen Skeptizismus fahren, erinnere sich an die alten Griechen, die ja auch an Götter und Geister geglaubt haben, und gehe von folgender Prämisse aus: Juste ist ein Geist. Er streift durch die Straßen von Paris, ohne von den Lebenden gesehen zu werden. Seine Aufgabe ist es, sich um diejenigen zu kümmern, die bereits dahingeschieden sind, aber in einer Art Zwischenreich umherirren, wie Zombies, nur viel friedlicher. Lediglich die Untoten können Juste, den Boten der anderen Welt, sehen. Wenn der blasse junge Mann einen frisch Gestorbenen trifft, bittet er ihn, ihm seine schönste Erinnerung an das vergangene Leben zu erzählen. Als Gegenleistung hilft er ihm über die Grenze ins Jenseits.

So vergehen die Tage, bis Agathe (Judith Chemla) auftaucht. Sie sprengt das bisherige Mythensystem. Denn Agathe ist, anders als von Juste anfangs befürchtet, keine Untote, sondern quicklebendig. Die junge Frau ist sicher, Juste schon einmal getroffen zu haben. Zehn Jahre ist das her, ihr Leben hat sich seitdem drastisch verändert. Sie lernte einen anderen Mann kennen, bekam eine Tochter, trennte sich, lebt nun als allein Erziehende in einem schönen Apartment nahe beim Fluss. Dennoch hat sie Juste nie vergessen. Und auch er scheint sich an die erste, unsterbliche Liebe zu erinnern, lässt sich auf sie ein, vergisst seine Pflichten, rebelliert gegen das eherne Gesetz des Sterbenmüssens.

In der Nacherzählung klingt das erste fiktive Projekt des vom Dokumentarfilm und vom Casting kommenden Stéphane Batut wie eine billige Kombination aus Fantasy und Love-Story. Aber mit einer solchen Vermutung verfehlt man den experimentellen Ansatz der filmischen Meditation, die 2019 in der Cannes-Reihe „ACID“ für den Independent-Nachwuchs lief und den Jean-Vigo-Preis für die Originalität ihres Stils gewann. Stéphane Batut spielt mit dem Motiv der Geisterwelt, um es für seine eigenen Zwecke zu gebrauchen: Um wie ein Fremder durch die Stadt zu flanieren, um Menschen zu treffen und mit ihnen abzudriften in Erinnerungswelten, die ebenso real wie ausgedacht sein können – oder irgendetwas dazwischen.

In „Der flüssige Spiegel“ geht es nicht darum, uralte Mythen nachzuerzählen oder zu modernisieren. Es geht um den Mythos des Kinos selbst: um das Vermögen der Filmkunst, Wirklichkeit und Übersinnliches in eins fließen zu lassen und so eine eigene Realität zu schaffen – eine Welt, die sich um die sonst üblichen Gesetze und Regeln nicht zu scheren braucht. Dabei fällt auf, wie sehr Batuts stilsichere Visualisierung von Geistern dem Tod seinen Schrecken nimmt – ganz im Gegensatz zu den Genres Horror, Zombiefilm oder Fantasy. Das Zwischenreich ist eine freundliche, romantisch ausgeleuchtete Welt, ein friedlicher, heller Ort, eine Art Sommer, der nie vergeht. Wie Juste seine „Klienten“, so nimmt auch der Film den Zuschauer bei der Hand, um ihn auf das unbekannte Terrain zu locken, in einer spielerischen, humorvollen, typisch französischen Eleganz.

Dem Betrachter steht es frei, so wie Juste das Unbekannte analytisch durchdringen zu wollen, immer auf der Suche nach trennenden Merkmalen zwischen Geistern und echten Menschen. Oder sich wie Agathe treiben zu lassen und die Geschehnisse nicht in die Schubladen von Realität, Erinnerung oder Traum zu stecken. Wofür man sich auch entscheidet – der Lohn ist in jedem Fall eine ungewöhnliche Seherfahrung. Vorausgesetzt allerdings, man kann sich mit den grundlegenden Annahmen über Geister, Tod und Abschiednahme anfreunden.

„Der flüssige Spiegel“ zählt zu jenen Filmen, die man nicht komplett unvorbereitet sehen sollte. Wer sich auf die Prämissen des Erzählexperiments einlässt, kann in die experimentell angelegte Verschmelzung von Realität und Fantasie eintauchen wie ein Schwimmer, der sich von der Strömung treiben lässt. Wer dagegen auf Faktenlogik pocht, wird es mit dem modernen Märchen schwer haben.

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Länge: 104 min

Kategorie: Drama, Fantasy

Start: 03.09.2020

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Der flüssige Spiegel

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 104 min
Kategorie: Drama, Fantasy
Start: 03.09.2020

Bewertung Film: (7/10)

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