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Wir beide

Geschrieben von Peter Gutting am 5. Juni 2020

Oft basieren Kinogeschichten auf wahren Begebenheiten, manchmal aber ist es umgekehrt und das Leben imitiert das Kino. Als Nachwuchsregisseur Filippo Meneghetti bereits am Drehbuch schrieb, erfuhr er zufällig von einem Paar, das seine lesbische Beziehung beinahe auf dieselbe Weise verheimlichte wie seine Protagonistinnen. Viele Filme gibt es inzwischen über rein weibliche Liebesgeschichten, aber nur wenige über solche zwischen älteren Frauen. „Die Erbinnen“ des Paraguayers Marcelo Martinessi ist einer davon. Knapp zwei Jahre später folgt das sensible Debüt des Italieners Meneghetti.

Mado (Martine Chevallier) kämmt ihr Haar vor dem Spiegel, macht sich schön für einen romantischen Abend zu zweit. Auch die Kamera blickt in den Spiegel. Sie beobachtet indirekt, wie sich Mado selbst voller Zärtlichkeit betrachtet. Das optische Auge schwenkt, und der Zuschauer sieht, wie Nina (Barbara Sukowa)- auf dem Bett sitzendend – ihrer Freundin verliebt zusieht. Dann steht Nina auf und die Kamera kehrt in die Ausgangsposition zurück. Nur vermittelt über den Spiegel kann der Zuschauer sehen, wie Nina die Freundin umarmt und liebkost.

Vieles wird sozusagen über Bande gespielt in diesem Film, der vom Geheimnis lebt. Das beginnt schon bei den Wohnungen von Mado und Nina. Sie wohnen gegenüber im obersten Stock eines Altbaus, irgendwo in der französischen Provinz. Niemand kommt sonst hier hoch, der nicht angemeldet wäre. Also können sie die Türen offenlassen, der Hausflur wird dann integraler Bestandteil einer einzigen großen Wohnung. Die doppelte Küche brauchen sie eigentlich nicht mehr, Ninas Kühlschrank steht seit Monaten leer, gekocht wird sowieso bei Mado. Kunstvoll spiegelt der Film die Wechselfälle des Intimen in den räumlichen Verhältnissen.

„Offiziell“ sind Nina und Mado lediglich gute Nachbarinnen. Mados erwachsene Kinder wissen nichts von der Liebschaft, die schon seit Jahrzehnten besteht, auch damals, als Mados Mann noch lebte. Seit dessen Tod ist das Arrangement mit den zwei Wohnungen nun eigentlich obsolet. Sowieso würden die Frauen am liebsten ganz offen lesbisch leben. In Rom zum Beispiel, dort, wo sie einander vor 20 Jahren kennlernten. Mado hat auch schon einen Makler kommen lassen, um ihre Wohnung zu verkaufen und damit die Bleibe in Italien zu finanzieren. Aber die ältere Frau zögert. Um ihren Wegzug zu erklären, müsste sie den Kindern alles gestehen: das Doppelleben, den Betrug, den wahren Grund für die Eheprobleme. Nina, alleinstehend, erträgt Mados ewiges Zaudern nur mit wachsender Wut. Als es zum großen Krach kommt, erleidet Mado einen Schlaganfall. Sie kann nicht mehr sprechen und vorerst auch nicht laufen.

Die Krankheit mag wie ein Schachzug des Drehbuchs anmuten, das der Regisseur zusammen mit Malysone Bovorasmy geschrieben hat. Aber sie erweist sich als gute Möglichkeit, Spannung in den eher dünnen Plot zu bringen und die sonst für einen Kurzfilm taugende Figurenkonstellation mit überraschenden Verwicklungen anzureichern. Regisseur Meneghetti benötigt für sein Liebesdrama lediglich diesen einen „Trick“, ansonsten verzichtet er auf sentimentale Zuspitzungen und Rührseligkeit. Er bleibt bei einer zurückhaltenden, mit Lücken arbeitenden Inszenierung, setzt weiterhin auf die subtile Staffelung des filmischen Raums, rückt die Kamera nah an die Gesichter, aber oft auch weit weg, in eine distanzierte, wie unbemerkt sich anschleichende Perspektive.

In klug komponierten Einstellungen schafft die Regie Raum für zwei großartige Schauspielerinnen, von denen der einen nach dem Schlaganfall nur noch minimale Ausdrucksmöglichkeiten bleiben. Völlig erloschen blicken Martine Chevalliers Augen ins Leere, als sie aus dem Krankenhaus kommt. Selbst ihre Geliebte scheint sie nicht mehr zu kennen, geschweige denn dass sie auf die Ansprache anderer reagiert. Umso berührender wirkt es, wenn in das erstorbene Gesicht Leben kommt. Fast zwei Drittel des Films gibt die erfahrene Theaterschauspielerin innere Regungen allein durch Blicke preis, ohne dass dies gekünstelt oder stereotyp wirken würde.

„Wir beide“ ist eine stille Verbeugung vor einer großen Liebe, die sich weder durch Heimlichtuerei noch durch Schicksalsschläge unterkriegen lässt. Das Debüt von Filippo Meneghetti besticht durch hervorragende Schauspielkunst und einen leisen Inszenierungsstil, der Rührseligkeiten elegant umschifft.

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Wir vergeben daher 7,5 von 10 Filmpunkten.

Copyright: Weltkino

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Länge: 95 min

Kategorie: Comedy, Drama

Start: 06.08.2020

cinetastic.de Filmwertung: (7,5/10)

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Wir beide

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 95 min
Kategorie: Comedy, Drama
Start: 06.08.2020

Bewertung Film: (7,5/10)

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