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Schwarze Milch

Geschrieben von Peter Gutting am 5. Juni 2020

Von den Deutschen mit Migrationshintergrund sagt man gern, sie lebten zwischen zwei Kulturen. Oft hat das einen zwiespältigen Beiklang, im Sinne von „zwischen den Stühlen“, ohne feste Identität. Die Deutsch-Mongolin Uisenma Borchu versucht in ihrem zweiten Spielfilm hingegen, aus den Unterschieden von Herkunft und aktuellem Lebensmittelpunkt positives Kapital zu schlagen. In der halbbiografischen Geschichte kehrt sie zu den Nomaden der Wüste Gobi zurück, wo sie als Baby noch gelebt hatte. Es ist eine Erfahrung jenseits gängiger Schubladen.

Ironischerweise steckt die Namensgebung der Figuren voller Klischees. Als „Wessi“ – sie heißt tatsächlich so -, gespielt von der Regisseurin selbst, in der Steppe eintrifft, ist ihre Schwester „Ossi“ (Gunsmaa Tsogzol) wenig begeistert. Die Begrüßung vor der Jurte fällt traditionell und kühl aus. Man fasst sich bei den Armen und gibt sich ein zaghaftes Küsschen. Ossi lebt hier mit ihrem Mann auf engem Raum, für die Mahlzeiten und die Vorräte haben sie noch eine zweite Jurte. Der nächste Nachbar ist etwa einen Kilometer weg. Er heißt Terbish (Terbish Demberel) und wird von Ossi misstrauisch betrachtet, weil er unverheiratet und auch sonst ein Eigenbrötler ist.

Ansonsten gibt es hier nur karge Steppe, nicht weit davon fängt die Sandwüste an. Aber Ossi und ihr Mann leben keineswegs für sich. Weitere Familienangehörige und gute Nachbarn sind eingeladen, um Wessis Heimkehr zu feiern. Es ist ein traditionelles Treffen, geprägt von Regeln und gemeinsamen Gesängen. Nur auf sich gestellt, würde hier draußen keiner überleben. Erst kürzlich haben Wölfe die Tiere angegriffen, von denen Ossi und ihr Mann leben: Ziegen, Schafe, Pferde. Besonders die Stutenmilch stellt eine wichtige Lebensgrundlage dar.

Als Uisenma Borchu vier war, gingen die Eltern aus der Mongolei in die damalige DDR. Die Mutter studierte in Ost-Berlin und holte die Familie nach. Auch der Vater hat einen akademischen Abschluss, er ist Pädagoge und bildender Künstler. Trotzdem habe die Familie in der Plattenbausiedlung mongolisch gelebt, schreibt die Migrantin in ihrem Regiestatement. „Der deutsche Einfluss war groß, aber die Art und Weise des Redens, Essens und des Liebens war mongolisch“.

Dennoch ist die halbfiktive filmische Ankunft ein Kulturschock für beide Seiten. Die (fiktive) Schwester, gespielt von Borchus Cousine, ist neidisch auf die Freiheiten, die Verwöhntheit und den Luxus der Fortgegangenen. „Natürlich sind wir uns fremd“, sagt sie, voller Unverständnis über die Anmaßung, nach Jahren der Abwesenheit einfach so zu tun, als gehöre man noch zu den Nomaden und ihrem bescheidenen Leben. Aber Wessi lässt sich nicht abwimmeln, stellt ihre Lernfähigkeit beim Stutenmelken unter Beweis und lässt irgendwann auch den Lippenstift weg, der so gar nicht zur Nomadenexistenz passt. Nur eines tut sie nicht: Ihre feministisch geprägten Überzeugungen über Bord zu werfen. Die Herrschaft der faulen und trunksüchtigen Männer in der Steppe prangert sie an. Ossis Stiefvater, gespielt von Borchus realem Vater, bekommt ihren Widerspruchsgeist zu spüren.

Karg wie die Landschaft ist der Inszenierungsstil nach eigenem Drehbuch. Jenseits von Steppenromantik konzentriert sich Sven Zellners Kamera auf dokumentarisch genaue Details. Sie lässt die Enge der Jurte genauso spüren wie die bedrohliche Leere der windgepeitschten Steppe. Sie ist nah bei den Gesichtern, liest an ihnen die familiären Spannungen ebenso ab wie die durch nichts zu zerstörende Vertrautheit der Schwestern. Das muss sie auch, denn vieles bleibt unausgesprochen im arbeitsreichen Alltag der Schwestern und des oft abwesenden Mannes.

Das Nichtgesagte trägt viel zu der spröden, verwirrenden Schönheit der Bilder bei – zu der Klarheit und Einfachheit, die sich nicht in Worte fassen lässt. Der Minimalismus der Erzählweise lässt den Zuschauer an der elementaren Erfahrung teilhaben, der sich die Hauptdarstellerin aussetzt: sich einlassen auf Grundbedingungen des Menschseins, die der Zivilisationsprozess verdrängt hat, auf Unsicherheit, Abhängigkeit von der Natur und den Zwang, weiterzuwandern, wenn das spärliche Grün die Tiere nicht mehr ernährt. Ob dieses „Zurück zur Natur“ tatsächlich den Horizont erweitert, kann wohl nur der beurteilen, der sich der Erfahrung tatsächlich aussetzt. Dennoch ist es in Uisenma Borchus Film glaubwürdig nachzuvollziehen. Daran hat die schonungslose Hingabe und Offenheit der Filmemacherin einen wichtigen Anteil.

„Schwarze Milch“ ist eine Identitätssuche der optimistischen Art. In ihrem zweiten Spielfilm lässt die Deutsch-Mongolin Uisenma Borchu den Zuschauer an sehr persönlichen Erfahrungen teilhaben. Gerade dadurch schafft sie Anknüpfungspunkte an die universelle Frage, wo man zuhause ist. Und wie sich Weggehen und Zurückkommen gegenseitig bereichern.

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Copyright: Alpenrepublik

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Länge: 91 min

Kategorie: Drama

Start: 23.07.2020

cinetastic.de Filmwertung: (7/10)

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Schwarze Milch

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 91 min
Kategorie: Drama
Start: 23.07.2020

Bewertung Film: (7/10)

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