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Ronnie Wood – Somebody up there likes me

Geschrieben von Peter Gutting am 29. Juni 2020

Wer von den „Rolling Stones“ spricht, denkt meist an das legendäre Duo Mick Jagger und Keith Richards. Nach dem frühen Tod von Mitgründer Brian Jones galten dessen Nachfolger lange Jahre nur als Ersatzleute. Selbst Ronnie Wood, nunmehr seit 45 Jahren bei den „rollenden Steinen“, gilt manchen eingefleischten Fans noch immer als eine Art zweite Wahl. Womöglich trägt er sogar selbst dazu bei, indem er die Vorherrschaft von Jagger und Richards niemals in Frage stellte. Welche Verdienste sich der Songschreiber, Sänger, Gitarrist und Bassmann Ronnie Wood um die Rockmusik erworben hat, rückt Regisseur Mike Figgis in seiner neuen Doku ins rechte Licht.

Ein Mann schaut konzentriert auf seine Staffelei. In sich versunken setzt er die Striche, immer wieder zur Seite auf sein Modell schauend, das die Kamera nur schemenhaft in den Blick nimmt. Die Malerei ist die zweite große Leidenschaft des Musikers Ronnie (bzw. Ron) Wood. Das überrascht auf den ersten Blick, denn der lebenslustige Typ mit der schwarzen Wuschelfrisur ist eher für einen exzessiven Lebensstil bekannt, für Alkohol- und Drogenexzesse oder Schlagzeilen wegen seiner drei Ehen und diversen Affären. Dank Regisseur Mike Figgis lernen wir jedoch einen Menschen mit ganz anderen Facetten kennen als denen, auf die sich die Boulevardpresse stürzt. Dabei drückt der Filmtitel das Wesentliche aus: „Irgendjemand da oben mag mich“. Das Schicksal meinte es gut mit Wood, ließ ihn sein wildes Leben und zuletzt auch den Lungenkrebs vor drei Jahren überleben.

Der mittlerweile 73-Jährige zählt zu einer Generation von Rockstars, die Geschichte schrieben und von denen jeder einzelne ein filmreifes Leben lebte, egal ob sie daran zerbrachen oder nicht. Ron Wood sah die Stones bereits in den frühen 1960ern bei einem Konzert und dachte sich, auf dieser Bühne möchte ich auch mal stehen. Nur wenige Jahre später wäre es beinahe schon so gekommen. Nach dem Tod von Brian Jones rief Jagger bei den Kollegen von „The Faces“ an und wollte Ronnie abwerben. Allerdings ging Faces-Bassist Ronnie Lane ans Telefon und sagte, Ronnie fühle sich sehr wohl in der Band, in der er zusammen mit Rod Stewart die treibende Kraft war, und wolle nicht weg. Erst viele Jahre später hat Ronnie davon erfahren. 1975, nach dem Weggang von Mick Taylor, war es dann aber soweit. Jagger, Richards und Schlagzeuger Charlie Watts, die für den Film interviewt werden, finden nur gute Worte für den damals neuen Kollegen. Er habe Spaß mitgebracht, sich gut eingefügt und das ineinander verwobene Zusammenspiel der beiden Gitarren (Richards und Wood) sei maßgeblich für den speziellen Sound der Stones gewesen.

Wie das aussah, kann man in einem jener langen Konzertmitschnitte verfolgen, die dem Film von Mike Figgis das Flair der 1960er und 1970er verleihen. Neben den Stones kann man zum Beispiel den bereits erwähnten Rod Stewart bewundern, damals noch ohne Stachelfrisur. Oder die Jeff Beck Group, in der Wood zuvor spielte. Oder die Birds, seine erste Band. Alle Songs dieser alten Aufnahmen werden fast ganz ausgespielt, sie verleihen dem Film seine angenehme Ruhe und Übersichtlichkeit. Vielleicht am schönsten ist ein Konzert mit einem Song von Woods erstem Soloalbum. Da steht der Mann, der sonst neben oder hinter dem Sänger agiert, ganz vorne am Mikro. Irgendwann kommt dann ein ähnlich kantiger und schwarzmähniger Typ in den Blick, rechts hinter Wood. Man traut seinen Augen kaum: Es ist der leibhaftige Keith Richards, sozusagen in dienender Funktion für den Frontmann. Das war noch vor den Stones und bezeugt eine lange Freundschaft.

Mike Figgis (Leaving Las Vegas“, 1995), nur ein Jahr jünger als Wood, stand übrigens vor seiner Filmkarriere selbst als Rock- und Jazzmusiker auf der Bühne, im „Swinging London“ der Sechziger bis weit in die Siebziger. Das erklärt, warum er so einfühlsam und auf Augenhöhe mit den heutigen Rockopas parlieren kann, die ihm entspannt und offenherzig Auskunft geben. Zwar erfindet Figgis den Dokumentarfilm nicht neu, er erzählt eher brav und traditionell von den wilden Zeiten. Aber er schneidet Interviews und Archivmaterial so elegant ineinander, dass die Biografie des „vierten Stone“ nie langweilig wird. Und er konnte Wood dazu überreden, für den Film einen eigenen Song zu komponieren und vor der Kamera einzuspielen. Gewiss, die Skandale und Affären werden in der zugeneigten Betrachtung raffiniert umschifft. Aber das erklärt sich nicht aus blinder Heldenverehrung, sondern aus der Konzentration auf die titelgebende Überlebenskunst. So thematisiert Figgis den drohenden Rauswurf Woods durch Jagger wegen Drogenproblemen vor mehr als zehn Jahren nicht explizit. Stattdessen lässt er Schlagzeuger Charlie Watts versöhnlich sagen: „Mick hat Ronnie nie aufgegeben“.

„Ronnie Wood – Somebody up there likes me“ ist eine Dokumentation auf Augenhöhe. Wer sich für die Ursprünge der Rockmusik interessiert, wird an dem Ausflug in die Aufbruchsstimmung des „Swinging London“ seine Freude haben. Regisseur Mike Figgis holt in seiner einfühlsamen Biografie den „vierten Stone“ aus dem Schatten, in dem er seiner Malerei und seinen Soloplatten frönen kann.

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Wir vergeben daher 7,5 von 10 Filmpunkten.

Copyright: pieceofmagic

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Länge: 82 min

Kategorie: Documentary, Biography, Music

Start: 09.07.2020

cinetastic.de Filmwertung: (7,5/10)

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Ronnie Wood – Somebody up there likes me

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 82 min
Kategorie: Documentary, Biography, Music
Start: 09.07.2020

Bewertung Film: (7,5/10)

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