cinetastic.de - Living in the Cinema

Monos- Zwischen Himmel und Hölle

Geschrieben von Peter Gutting am 5. Juni 2020

Etwa ein halbes Jahrhundert herrschte Bürgerkrieg in Kolumbien. Auch nach dem Friedensschluss zwischen Regierung und Rebellen im Jahr 2016 bleibt die Lage weiterhin gespannt. Es ist dieser in Europa nur schwer vorstellbare staatliche Verfall, das Fehlen von Zukunftsperspektiven und einem normalen Leben ohne Angst, das den kolumbianisch-ecuadorianischen Filmemacher Alejandro Landes zu seinem zweiten langen Spielfilm inspirierte. Doch sein Antikriegsdrama ist nicht nur realitätsgesättigt, sondern überformt von Metaphern und Anspielungen auf die Romane „Herr der Fliegen“ und „Herz der Finsternis“. Das macht das bildgewaltige Werk zu einer universellen Parabel über das dünne Eis der Zivilisation und die darunter lauernden Antriebskräfte von Gewalt, Herrschsucht und Korruption.

Am Anfang spielen sie Fußball – auf eine besondere Art. Alle der acht jugendlichen Soldaten haben die Augen verbunden. Nur mit den Ohren erspüren sie, wohin die als Spielgerät dienende Blechdose fliegt. Und trotzdem: Irgendwann schießt einer ein Tor, zu erkennen an einem schrillen Klingeln, wie bei einer Türklingel. Die Szene mutet spielerisch an, aber der Ernst der Lage schwingt selbst hier mit. In der Wildnis kann man sich nicht immer nur auf das Sehorgan verlassen. Alle Sinne müssen geschärft werden im Überlebenskampf.

Ihre Kampfnamen lauten zum Beispiel „Rambo“, „Lady“ oder „Schwedin“, die bürgerliche Realität der Möchtegern-Kämpfer scheint einem früheren Leben anzugehören. Doch sie ist keineswegs ausgemerzt, dazu sind die Nachwuchsrebellen einfach zu jung. Die typischen Bedürfnisse und Konflikte der Pubertät sind mehr als präsent: Die Dynamik der Gruppe, das Austesten der Sexualität, die Suche nach sich selbst. Aber was, wenn all das mit Kalaschnikows ausgetragen wird? Wenn Existenzangst, militärischer Drill und das nackte Überleben in der Wildnis das Jungsein überformen? „Monos“ nennt sich die mit fünf Jungs und drei Mädchen bestückte militärische Einheit. Ihre Aufträge und Befehle bekommt sie von einer nicht weiter konkretisierten „Organisation“. Übermittler der Befehle ist ein kleinwüchsiger „Bote“, der in unregelmäßigen Abständen vorbeischaut und die Truppe erst einmal ordentlich zusammenstaucht.

Ansonsten aber herrscht Freiheit. Kein Erwachsener wacht über die jungen Leute. Neben dem regelmäßigen Fitness- und Waffentraining für nicht näher bestimmte Kämpfe hat „Monos“ nur zwei Pflichten: Eine „Doctora“ genannte US-Geisel bewachen und auf eine Kuh aufpassen, die der „Organisation“ heilig zu sein scheint, vielleicht sogar noch wichtiger als die Geisel. Schon bald vermasselt der Trupp in typisch jugendlichem Übermut den Auftrag. Nach einer wilden Party ballern die halben Kinder mit den Maschinenpistolen herum, töten die Kuh, provozieren durch den Lärm einen feindlichen Angriff und müssen von einem kargen Hochplateau mit der Geisel in den Dschungel fliehen.

Spätestens mit dem Auftritt der Kuh bekommt die Szenerie einen doppelten Boden. Realismus mischt sich mit Märchenhaftem, die Härte der Entbehrungen wird unterwandert vom überall lauernden Wahn. War das Leben in der bizarren Betonruine auf dem Plateau noch geprägt von jugendlicher Naivität, zerfällt mit dem Abstieg in den Dschungel das einstige Cliquengefühl. Nach und nach erodiert die Gruppe von innen, zerfressen von Machtkämpfen, Eifersüchteleien und niederen Instinkten. Der Gang in die Hölle hat etwas vom Abdriften in den Irrsinn, ins Reich des Surrealen. Schon von Anfang hatte die Kamera von Jasper Wolf mit solchen Doppeldeutigkeiten gespielt, hatte sich verliebt in die Wolkenformationen des Hochplateaus, in den Nebel des sumpfigen Gebiets. Jetzt, im Dschungel, gerät sie in ein hypnotisches Flirren, lässt sich gleichermaßen treiben von der Schönheit wie von der Grausamkeit der Wildnis.

Bei aller stilistischen Meisterschaft ist dennoch klar: Ein Wohlfühlfilm wird das nicht mehr. Auch die Geisel hat längst erkannt, dass die Reise in die Finsternis zu nichts als einer Spirale der Gewalt führt. Sie versucht zu fliehen, die Grausamkeit der Wildnis erscheint als kleineres Übel gegenüber der zunehmenden Brutalität der in Einzelkämpfer zerfallenden Gruppe. Entsprechend der Individualisierung wechselt nun die Erzählperspektive, nimmt mal den einen, mal den anderen Kämpfer ins Visier. Sympathischer werden sie einem dadurch nicht, aber einen Rest von Mitleid wird der Zuschauer trotzdem nicht los. Dafür sorgt die soghafte Inszenierung, die den Gang ins „Herz der Finsternis“ als visuellen Rausch feiert.

„Monos – Zwischen Himmel und Hölle“ erzählt vom Schrecken des Krieges in schaurig-schönen Bildern. Der als Metapher für die Jugend Kolumbiens sowie für das ganze Land gemeinte Film weitet sich zu einer universellen Botschaft über den Verrat an allen kommenden Generationen, die ihrer Zukunft und Menschlichkeit beraubt werden. Dennoch dürfte man vieles noch besser nachempfinden können, wenn man aus Kolumbien oder einem ähnlich zerrütteten Land stammt.

  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1

Wir vergeben daher 6,5 von 10 Filmpunkten.

Copyright: DCM

Kommentare

Keine Kommentare vorhanden.

Mit Facebook Anmelden um zu Posten!

Anmelden

Länge: 102 min

Kategorie: Adventure, Drama, Thriller

Start: 04.06.2020

cinetastic.de Filmwertung: (6,5/10)

  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1

Leser Filmwertung: (nan/10)

  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10

Film bewerten!

Gewinnspiele

Gewinne Kinokarten, BluRays, DVDs,
Fan Packages und mehr!

Gleich mitmachen

Info

Monos- Zwischen Himmel und Hölle

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 102 min
Kategorie: Adventure, Drama, Thriller
Start: 04.06.2020

Bewertung Film: (6,5/10)

  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1

Leser Filmwertung: (nan/10)

  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10

Film bewerten