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Il Traditore – Als Kronzeuge gegen die Cosa Nostra

Geschrieben von Peter Gutting am 16. Juni 2020

Filme über die Mafia müssen sich meist entscheiden. Entweder sie verherrlichen den oder die „Paten“, oder sie loten ihr Thema sozialrealistisch aus. Das neue Werk des mittlerweile 80-jährigen Marco Bellocchio steht irgendwo dazwischen. Es zeichnet weitgehend faktentreu das schillernde Leben des sizilianischen Mafioso Tommaso Buscetta nach, der als erster Kronzeuge gegen die organisierte Kriminalität in Italien aussagte. Und es blickt in den Abgrund eines Landes, das sich in den 1980er und 1990er Jahren von einem Krebsgeschwür zu heilen versuchte, das weite Teile von Gesellschaft und Politik bis hinauf zum Ministerpräsidenten befallen hatte.

Direkt am Meer liegt die großbürgerliche Villa, in der nobel herausgeputzte Frauen und Männer ein rauschendes Fest feiern. Schwere Ölgemälde zieren die Wände und die Muttergottes wirft einen gütigen Blick auf die ausgelassen Tanzenden, die die heilige Rosalia hochleben lassen, Schutzpatronin von Palermo. Doch so fromm wie sie scheinen, sind die Männer in den Smokings und weißen Maßanzügen nicht. Sie haben das traditionelle religiöse Fest zum Anlass genommen, um die jeweiligen Machtsphären der verschiedenen Clans innerhalb der Cosa Nostra abzustecken. Auf einen „Frieden, der nicht enden darf“, erhebt einer der „Familien“-Oberhäupter sein Glas. Und doch durchzieht eine merkwürdige Spannung die opulent gefilmte Szenerie – eine Doppeldeutigkeit, deren meisterhafte Verschmelzung den ganzen Film auszeichnet.

Tommaso Buscetta (Pierfrancesco Favina) macht eine sauertöpfische Miene zum teuflischen Spiel. Und er wird Recht behalten. Der angebliche Waffenstillstand ist reine Heuchelei – ein Täuschungsmanöver der Corleonesi im Kampf um die Macht. Die „Familie“ der Porta Nuova, zu der Buscetta gehört, hat längst verloren. Der ebenso charismatische wie rätselhafte Mafiosi weiß das. Er verschwindet nach Brasilien, um der Ermordung durch den konkurrierenden Clan zu entgehen. Während er in seiner Villa hoch über den Stränden von Rio den vorzeitigen „Ruhestand“ genießt, zeigen Parallelmontagen, wie seine Freunde brutal abgeschlachtet werden, auch seine beiden erwachsenen Söhne aus einer früheren Ehe. Als Buscetta in Rio verhaftet und nach Italien ausgeliefert wird, reift in ihm der Entschluss, mit Richter Giovanni Falcone (Fausto Russo Alesi) zu kooperieren, dem wohl legendärsten Mafia-Jäger dieser Zeit. Danach verwandelt sich „Il Traditore – Als Kronzeuge gegen die Cosa Nostra“ über weite Strecken in einen Gerichtsfilm, in dem das Schicksal eines ganzen Landes verhandelt wird.

Marco Bellocchio, der in Deutschland weniger bekannt ist als sein italienischer Regiekollege und Altersgenosse Bernardo Bertolucci, schreibt in einem Regiekommentar, es sei ihm mehr um die Person Buscettas gegangen als um die Cosa Nostra. Doch das stimmt nur zu Teil. Am stärksten ist der Film, wenn er die Geschehnisse der Jahre 1983 bis 2000 als Zeugnis einer gesellschaftlichen Traumatisierung begreift, ähnlich der Entführung Aldo Moros durch Terroristen der „Roten Brigaden“ wenige Jahre zuvor, über die Bellocchio ebenfalls einen Film gedreht hat („Buongiorno notte – Der Fall Aldo Moro“, 2003). Freilich interessiert sich der Regisseur nicht für eine bloße Nacherzählung, eher für einen durch surreale Einschübe illustrierten Alptraum und den Versuch, das Trauma zu heilen.

Bei aller Vielschichtigkeit ist der Mafia-Thriller selbstverständlich vor allem ein persönliches Porträt und eine Filmbiografie von Tommaso Buscetta, da kann man dem Regisseur und Co-Autor nicht widersprechen. Allerdings bringt dieser Fokus auch eine gewisse Zwiespältigkeit mit sich. Der historische Mafioso ist nämlich nicht nur der „Ehrenmann“ gewesen, als der er sich in den Vernehmungen durch Richter Falcone und vor Gericht präsentierte. Dass die „gute alte Mafia“ Werte verkörperte, die die Corleonesi dann verraten hätten, ist eine Legende, der der Film über weite Strecken folgt. Vielleicht kann ein Überläufer, der mit Hilfe der Justiz Rache an einem verfeindeten Clan übt, nur dank der Verzerrung von Tatsachen noch in den Spiegel schauen. Dann wäre der Film ein Stück weit auch eine psychologische Studie über die Mechanismen des Verrats. Dennoch zeichnet der Regisseur seinen Helden in einem Ausmaß als Sympathieträger, das den Morden und dunklen Geschäften Buscettas nicht gerecht wird.

„Il Traditore – als Kronzeuge gegen die Mafia“ ist ein spannendes, opulent ausgestattetes Sittengemälde mit einem faszinierenden Hauptdarsteller. Das eigentlich Herausragende des Spätwerks von Marco Bellocchio ist dabei die Vielschichtigkeit seiner Erzählung, die Gesellschaftsanalyse mit Biografischem und Psychologischem vereint.

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Länge: 153 min

Kategorie: Biography, Crime, Drama

Start: 13.08.2020

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Il Traditore – Als Kronzeuge gegen die Cosa Nostra

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 153 min
Kategorie: Biography, Crime, Drama
Start: 13.08.2020

Bewertung Film: (7.5/10)

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