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Giraffe

Geschrieben von Peter Gutting am 29. Juni 2020

Bereits mit ihrem Abschlussfilm „Limbo“ (2014) schaffte es die Dänin Anna Sofie Hartmann auf bedeutende Festivals wie San Sebastian oder Rotterdam. Zugleich erhielt die Geschichte über eine unerwiderte Liebe zu einer Lehrerin aber auch ratlose oder kopfschüttelnde Kritiken, die mit dem Minimalismus der „Berliner Schule“ nichts anfangen konnten. Diesem Regiestil bleibt die Nachwuchsregisseurin auch bei ihrer zweiten Arbeit treu, weshalb der Zuschauer keine Erwartungen an eine „normale“ Filmhandlung mitbringen sollte. Zwischen Doku und Fiktion changierend, besteht die Qualität der filmischen Reflexion vor allem im genauen, unvoreingenommen Blick auf einen Ort, an dem sich die Widersprüche der Globalisierung wie unter einem Brennglas bündeln.

Die kürzeste Verbindung zwischen Hamburg und Kopenhagen führt übers Meer. Käthe (Maren Eggert) arbeitet auf einer der Fähren, die die Reisenden von Puttgarden zur dänischen Insel Lolland bringen. Während der 45-minütigen Überfahrt hat die Kellnerin Zeit, die Gäste zu beobachten. Käthe liebt es, sich Geschichten zu Gesichtern auszumalen. Ob sie wohl in den Safari-Park wollen, in dem sie die titelgebende Giraffe sehen könnten? Ob sie noch tausende Kilometer hoch in den skandinavischen Norden vor sich haben? Oder ob sie einfach nur unglücklich verliebt sind, weil sie so traurig aufs Wasser schauen und sich für sonst nichts zu interessieren scheinen? Käthe hat es nicht eilig, sie kann den Blick schweifen lassen, genauso wie die Fahrgäste, die sich mit der Langsamkeit abfinden müssen, wenn sie sie schon nicht genießen. Für die Warenströme zwischen Nord- und Zentraleuropa ist Fährenromantik jedoch Zeitverschwendung. Noch dieses Jahr soll mit dem Bau des Fehmarntunnels begonnen werden. In zehn Minuten wäre man dann in Dänemark.

Wie die Frau auf der Fähre, so der Film. „Giraffe“ nimmt sich Zeit fürs Beobachten, Assoziieren, Tagträumen. Zu sehen sind Landschaften, ein verlassenes Bauernhaus, polnische Wanderarbeiter und Menschen, die vertrieben und enteignet werden, weil ihre Häuser der Autobahn weichen müssen, die zum Tunnel führt. Zusammengehalten werden die losen Geschichten und Einzelschicksale von Dara (Lisa Loven Kongsli). Sie stammt aus Lolland (wie die Regisseurin), hat seit langem ihren Lebensmittelpunkt in Berlin (auch das eine biografische Parallele) und arbeitet als Ethnologin. Im Auftrag eines Museums soll sie die Spuren der verschwindenden Häuser und die Geschichte der vertriebenen Menschen für die Nachwelt festhalten. Ein paradoxer Job: Dara liebt die Landschaft ihrer Kindheit, sie kann sich stundenlang in den Spuren eines Hauses verlieren, aber sie trägt zu dessen Verschwinden bei. „Dokumentation abgeschlossen, Abrissgenehmigung erteilt“ heißt es dann. Andererseits: Wird der Tunnel nicht auch ihr das Pendeln zwischen alter und neuer Heimat erleichtern?

Dara liebt ihren Job, aber sie ist eine Unbehauste, ein Kind der Globalisierung. Das hat sie mit Lucek (Jakub Gierzal) gemein, dem polnischen Wanderarbeiter, von dem sie ein Klassenunterschied trennt. Lucek und seine realen, wie in einer klassischen Doku interviewten Arbeitskollegen könnten mit ihren prekären Ausbeutungsverhältnissen auch aus einer der deutschen Fleischfabriken stammen, die derzeit so viel Aufsehen erregen. Doch über soziale Differenzen und Altersunterschiede hinweg beginnt Dara (sie ist zwölf Jahre älter) mit Lucek eine Affäre. Was sie damit bezweckt, bleibt unklar. Aber es fühlt sich natürlich an in diesem Sommer im Niemandsland, ein Stück Geborgenheit für beide.

Es könnte sein, dass die Ethnologin das immer so macht, wenn sie für ein Projekt monatelang fern von ihrem Lebensmittelpunkt arbeitet. Dass sie das Machtgefälle zwischen ihr und dem Mann nicht sehen will, das sie zu ihrem Vergnügen ausnutzt und ihn damit ins Unglück stürzt. Aber das klärt der Film so wenig wie die Haltung der Regisseurin zur Globalisierung. In der Tradition der Berliner Schule (Valeska Grisebach wird im Abspann als dramaturgische Beraterin genannt, Maren Ade bei den Produzenten) fordert „Giraffe“ den Zuschauer auf, die mosaikartigen Handlungsteile selbst zusammenzusetzen. Dafür wird ihm in langen Einstellungen Zeit gelassen, sich umzuschauen in den kunstvoll arrangierten Bildkompositionen, die oft mit Totalen oder Halbtotalen arbeiten.

Wenn man sich ein wenig eingesehen hat, ist das ein Vergnügen für sich. Dann entfalten die Bilder einen ganz eigenen Sog. Der Wind in den Feldern erzählt etwas über das bäuerliche Leben, das obsolet geworden zu sein scheint. Eine Kamerafahrt entlang unzähliger Lastwagen vor der Fährabfertigung vermittelt einen Vorgeschmack auf den Verkehr, der hier künftig durchbrettern wird. Und das nächtliche Wetterleuchten über dem Meer erzählt etwas von einer schwerelosen Ferienstimmung auf Lolland, die es zumindest in diesem Landstrich bald nicht mehr geben kann. „Ich will mich nicht über Veränderungen beschweren oder sehne mich nach der guten alten Zeit zurück“ sagt Regisseurin Anna Sofie Hartmann (Jahrgang 1984) im Interview. Dennoch agiert sie wie ihre Filmfigur, die Ethnologin: Sie schaut genau hin und registriert den Verlust.

Obwohl der Begriff „Berliner Schule“ schon lange keine fest umrissene Gruppe von Regisseuren mehr bezeichnet, verrät der visuelle Stil Anna Sofie Hartmann deutlich, wer ihre Vorbilder sind. Wer nicht immer alles auserzählt haben möchte und das genaue Hinschauen liebt, wird an „Giraffe“ sein Freude haben. Fans des klassischen Erzählkinos dürften mit der gelungenen Verschränkung von Realität und Fiktion jedoch ihre Probleme haben.

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Copyright: Grandfilm

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Länge: 82 min

Kategorie: Drama

Start: 06.08.2020

cinetastic.de Filmwertung: (7/10)

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Giraffe

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 82 min
Kategorie: Drama
Start: 06.08.2020

Bewertung Film: (7/10)

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