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Eine größere Welt

Geschrieben von Peter Gutting am 18. Juni 2020

Frauen im Ausnamezustand prägen die Filme der Französin Fabienne Berthaud. Sie erkundet Verhaltensstörungen („Barfuß auf Nacktschnecken“ 2010), Psychiatrieerfahrungen („Frankie“ 2005) und Selbstfindungstrips im „Wilden Westen“ („Sky – Der Himmel in mir“, 2015). Kein Wunder, dass sie sich von einer Exkursion in die Mystik des Schamanismus sofort angesprochen fühlte. Obwohl es sich zum ersten Mal in ihrer Filmografie um einen Stoff handelt, den sie sich nicht selbst ausgedacht hat. Er basiert vielmehr auf den realen Erlebnissen der Französin Corine Sombrun.

Tief in der Mongolei, nahe der Grenze zu Sibirien: Corine (Cécile de France) hat es aus beruflichen Gründen hierher verschlagen. Für eine fast fertige Doku soll die Tontechnikerin noch ein paar Gesänge, Alltagsgeräusche und exotische Klänge einfangen. Dank ihrer Dolmetscherin Naraa (Narantsetseg Dash) darf sie sogar einer schamanischen Sitzung beiwohnen. Kaum schlägt die Heilerin Oyun (Tserendarizav Dashnyam) ihre Trommel, geschieht etwas Unerwartetes. Corine fängt an zu zucken, zittert am ganzen Leib, verdreht die Augen, stößt markerschütternde Schreie aus. Entsetzen auf den Gesichtern der Kinder, die dabei sitzen. Corine fällt zu Boden, wirkt wie bewusstlos. Vor ihrem inneren Auge wird es schwarz, in der Ferne flackert ein weißes Licht, wird größer, kommt näher, scheint zu tanzen und zu locken. Kein Zweifel: Corine ist in Trance versunken, ohne es zu wollen. Sie hat etwas erlebt, das eigentlich nur den Schamanen vorbehalten ist.

Für die Mongolin Oyun gibt es nur eine Erklärung: Auch Corine ist eine Schamanin, aber ohne es zu wissen und ohne dafür ausgebildet und unterwiesen worden zu sein. Das ist in den Augen der religiösen Heilerin höchst gefährlich: „Du musst lernen, deine Kräfte zu kontrollieren. Wenn dein Geist in die dunkle Welt geht, musst du auch zurückkehren können.“ Corine soll bei den Tsaatan bleiben, einem Nomadenvolk von Rentierhirten, um die Ausbildung zur Schamanin zu absolvieren. Die vollkommen unesoterische Frau denkt gar nicht daran. Schon am nächsten Tag reist sie zurück nach Paris. Doch die gemachten Erfahrungen lassen sie nicht los.

Über ihre Erlebnisse und die dann doch erfolgte Ausbildung hat die „reale“ Corine Sombrun das Buch „Mein Leben mit den Schamanen“ geschrieben. Es geht ihr hier und in weiteren Veröffentlichungen um den Nachweis, dass Trance ein Bewusstseinszustand ist, der auch westlich geprägten Menschen den Zugang in „eine größere Welt“ ermöglicht. Der Kreativität fördert und zur Linderung psychischer Störungen eingesetzt werden kann, ähnlich wie die verwandten Methoden Hypnose, Achtsamkeitstraining und Meditation. Aber das ist nicht das zentrale Anliegen der Regisseurin, selbst wenn sie die Autorin stark in die Filmarbeit eingebunden hat. Für Regisseurin Fabienne Berthaud geht es um den Lebensweg einer Frau, um die Befreiung aus starren Normen, um den Aufbruch in wildes, unsicheres Terrain. Sie verschärft die Ausgangslage. Nicht eine enge Freundin ist gestorben, als die Filmfigur Corine in die Mongolei reist, um sich durch Arbeit abzulenken, sondern ihr Mann, ihre große Liebe. Das Erkunden der Trance ist zugleich Trauerarbeit, Loslassen, den Schmerz aushalten und sich ihm stellen.

Fabienne Berthaud und ihre Kamerafrau Nathalie Durand finden dafür unverbrauchte Bilder zwischen dokumentarischem Realismus, poetischer Verdichtung und surrealer Annäherung an eine unsichtbare, nur in Trance erfahrbare Welt. Die Schönheit der unberührten Natur verkommt nie zur Postkartenidylle, der Dreh mit dem wirklichen Hirtenvolk nie zum Ethnokitsch. Fabienne Berthaud scheint sich den Respekt vor dem Fremden bei den Ethnologen abgeschaut zu haben. Sie beobachtet, ohne zu werten. Sie nimmt teil, ohne zu bevormunden. Sie möchte etwas kennlernen, ohne es gleich in Schubladen zu stecken.

So entgeht ihr Film dem Dilemma, entweder jedem rational denkenden Menschen die Haare zu Berge stehen zu lassen oder sich die Häme von Esoterikern einzufangen, dass man vom Schamanismus keinerlei Ahnung habe. „Eine größere Welt“ wahrt Abstand, ohne in Distanz zu verfallen – eine neugierige, sympathisch zugeneigte, aber nicht kopflose Offenheit für das Unbekannte. Ganz anders Hauptdarstellerin Cécile de France: Sie stürzt sich mit Haut und Haaren in die Gefühle einer Figur, die durch die Hölle geht und irgendwann den Himmel wiederfindet.

Die Französin Fabienne Berthaud fügt ihren ungewöhnlichen Frauenbildern eine weitere, sehr faszinierende Facette hinzu. Sie wagt sich einmal mehr an die Grenze des Sagbaren und Sichtbaren, indem sie in die Erlebnisse der realen Corine Sombrun eintaucht, die den Schamanismus für sich entdeckte. Eine ästhetisch ansprechende, ohne Esoterik auskommende Reise in Grenzerfahrungen des Menschseins.

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Wir vergeben daher 8 von 10 Filmpunkten.

Copyright: MFA, Haut et Court, Nathalie Durand

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Länge: 99 min

Kategorie: Drama

Start: 09.07.2020

cinetastic.de Filmwertung: (8/10)

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Eine größere Welt

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 99 min
Kategorie: Drama
Start: 09.07.2020

Bewertung Film: (8/10)

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