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Die schönsten Jahre eines Lebens

Geschrieben von Peter Gutting am 16. Juni 2020

Seit 60 Jahren dreht der Franzose Claude Lelouch Filme. Doch nie wieder konnte er einen derartigen Erfolg landen wie 1967 mit „Ein Mann und eine Frau“, ausgezeichnet mit der Goldenen Palme von Cannes und zwei „Oscars“. Und so kam ihm bei der Feier zum 50. Jubiläum dieses Klassikers eine Idee, als er die Hauptdarsteller Anouk Aimée und Jean-Louis Trintignant ins Gespräch vertieft sah. Wie wäre es, wenn das Liebespaar von damals sich erneut wiedersähe? Schon einmal (1986) hatte Lelouch eine Fortsetzung gewagt, damals mit mäßigem Erfolg. Der dritte Teil der ungeplanten Trilogie hat sicher mehr Chancen auf eine positive Resonanz, vor allem, weil es so etwas wie ein Abschiedsfilm von Trintignant werden könnte. Das Original, das hier ausführlich zitiert wird, bleibt allerdings unerreicht.

Was für ein Gesicht, welche Ausstrahlung noch in einem Alter von fast 90 Jahren! Lange verweilt die Kamera auf der versteinerten Miene von Trintignant, der einen unglücklichen Pflegeheim-Bewohner spielt. Leer der Blick, ohne Regung, hilflos, gequält, von der aufkommenden Demenz schwer gezeichnet. Doch je länger der alte Mann wie angekettet im Garten des Luxusheimes sitzt („Das Beste vom Schlimmsten)“, desto mehr erobert ihn das Leben zurück. Im Off erklingt ein Chanson, womöglich hört er die Melodie im Kopf, und das Gesicht verjüngt sich, die Züge werden weicher, die Augen beginnen zu leuchten. Träume sind das, was dem ehemaligen Berufsrennfahrer geblieben ist, am Tag wie in der Nacht. Am liebsten erinnert sich der Frauenheld an verflossene Liebschaften – und immer wieder schiebt sich dann ein einziges Gesicht vors innere Auge: Die Frau auf dem Foto, das er seit mehr als 50 Jahren bei sich trägt.

Dem liebevollen Sohn Antoine (gespielt von Antoine Sire, demselben Sohn-Darsteller wie in „Ein Mann und eine Frau“) entgeht nicht, wie oft der Vater von Anne Gauthier (Anouk Aimée, damals wie heute) schwärmt. Antoine glaubt, es würde seinem gesundheitlich gebeutelten Vater helfen, Anne noch einmal zu sehen. Er findet sie tatsächlich. Als Anne dann vor ihm steht, fragt Jean Louis zunächst: „Sind Sie neu hier?“. Die Frau, nur zwei Jahre jünger, aber gesundheitlich noch wie in ihren 70ern, ist irritiert und gerührt zugleich. Sie leistet ihm Gesellschaft und erfährt, was der Zuschauer bereits zuvor in der langen Großaufnahme erfahren konnte: Wie der alte Mann innerlich aufblüht, als er ihr erzählt, sie ähnele seiner großen Liebe. Das intensive, mit zärtlicher Anteilnahme gefilmte Gespräch zählt zu den Höhepunkten des mit feiner Ironie unterfütterten Altersdramas.

Man muss den ersten Teil der Trilogie nicht kennen, um „Die schönsten Jahre eines Lebens“ zu verstehen. Die kunstvoll eingewoben Szenen des alten Films funktionieren dann einfach als Rückblenden, in denen man wundersamerweise keine anderen Darsteller einsetzen musste. Aber es schadet nicht, sich an den Klassiker zu erinnern, um die Qualitäten beider Filme besser würdigen zu können. Hier wie dort ist es weniger die (einfach gestrickte) Geschichte, die den Reiz ausmacht. Es sind vielmehr das spontan wirkende Agieren der Schauspieler, die Zärtlichkeit der Kamera, die stimmungsvolle Montage und der Rhythmus gebende Einsatz von Chansons und Filmmusik. Lelouch schafft damit Bilder, die Emotionen sprechen lassen, ohne sie eindeutig zu identifizieren: eine Mischung von Gefühlen, verworren und manchmal widersprüchlich, leicht melancholisch und manchmal ausgelassen, in jedem Fall von großer ästhetischer Kraft.

Sehr bewusst will der 82-jährige Regisseur sein Alterswerk nicht als nostalgische Veranstaltung verstanden wissen. Deshalb stellt er den Film unter ein Motto von Victor Hugo: „Die schönsten Jahre eines Lebens sind die, die man noch vor sich hat“. Der Film behandelt seine teils gebrechlichen Helden so, als hätten sie noch etwas vor sich. Dafür arbeitet er mit falschen Fährten, Verschmelzung von Traum und Wirklichkeit und doppelten Böden, die allzu einfachen und schnulzigen Auflösungen die Selbstironie des Kinos entgegensetzen. Nicht zufällig hat die Figur von Anouk Aimée vor 50 Jahren als Skriptgirl gearbeitet und war später als Produzentin von Arthouse-Filmen tätig, womit sie dann Pleite ging. In der Realität jedoch haben die meisten Arthouse-Produzenten glücklicherweise überlebt. Und vor allem die älteren Zuschauer werden es genießen, solche Legenden wie Anouk Aimée und Jean-Louis Trintignant noch einmal gemeinsam spielen zu sehen.

„Die schönsten Jahre eines Lebens“ knüpft an den größten Erfolg von Regisseur Claude Lelouch an. Die Stärke des Alterswerks liegt weniger in der einfach gestrickten Geschichte als in dem Verdienst, ein Wiedersehen mit zwei der bedeutendsten französischen Schauspielern des Nachkriegskinos zu feiern. Zwar bleibt das Original unerreicht. Dennoch besticht die späte Fortsetzung durch feine Ironie und typisch französisches Flair.

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Copyright: Wild Bunch

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Länge: 90 min

Kategorie: Drama

Start: 02.07.2020

cinetastic.de Filmwertung: (7/10)

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Die schönsten Jahre eines Lebens

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 90 min
Kategorie: Drama
Start: 02.07.2020

Bewertung Film: (7/10)

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