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Anton Bruckner – Ein verkanntes Genie

Geschrieben von Peter Gutting am 29. Juni 2020

Als Produzent hat Reiner E. Moritz 1972 einmal am Konzertfilm von Pink Floyd „Live at Pompeii“ mitgewirkt. Aber ansonsten dreht sich das Werk des Musikjournalisten und Dokumentarfilmers nicht um Pop. Sein Fach ist die Hochkultur, sowohl in der Musik wie in der bildenden Kunst. 1981 drehte er fürs Fernsehen die Serie „100 Meisterwerke der großen Museen der Welt“. Zu seinen jüngeren Arbeiten im Musikbereich zählen Porträts der Pianistin Hélène Grimaud (2009) und des Komponisten Dmitri Schostakowitsch (2015). Nun hat er sich das Leben und Werk des österreichischen Romantikers Anton Bruckner (1824 bis 1896) vorgenommen. Trotz des eindeutigen Untertitels handelt es sich nicht um reine Heldenverehrung, sondern um eine gründliche, ebenso musikwissenschaftlich untermauerte wie allgemeinverständliche Einführung.

Sanft erhebt sich die Kamera vom Boden in den hohen Raum der reich geschmückten Basilika im österreichischen St. Florian. Sie nimmt sich Zeit, sämtliche Dimensionen auszumessen, schwebt nur langsam auf die Orchestermusiker am anderen Ende des ausladenden Kirchenschiffes zu. Erst nach einer gefühlten Minute der Schnitt auf die Musiker und den Dirigenten. Die visuelle Strategie enthüllt eine zentrale inhaltliche Botschaft, von den zahlreichen Experten mehrfach wiederholt: Bruckner hat seine Musik auf den Raum hin entworfen, in dem sie gespielt werden soll. Das Pathos und die Wucht seiner Sinfonien erklären sich aus seinen Anfängen als Organist, als Virtuose und Improvisator auf einem Instrument, das alle Register ziehen kann, vom donnernden Schmettern der Trompeten bis zu den leisen, melodischen Klängen der Flöten.

Heute gilt Bruckner ähnlich wie seine Zeitgenossen Johannes Brahms und Richard Wagner als einer der wirkungsmächtigsten Komponisten des späten 19. Jahrhunderts. Zu seinen Lebzeiten wurde er jedoch vor allem als Organist geschätzt, während seine Sinfonien umstritten waren. Das lag vor allem an einem Schubladendenken und einer Art Kulturkampf zwischen den Anhängern Brahms‘ einerseits und den Wagnerianern andererseits. Bruckner gehörte zu keinem der beiden Lager, wurde jedoch von dem einflussreichen Wiener Musikkritiker und Brahms-Anhänger Eduard Hanslick als Wagnerianer betrachtet und niedergemacht.

Dennoch kann man kaum sagen, dass Bruckner zu Lebzeiten völlig verkannt gewesen sei. Immerhin war er bei seinem Tod ein reicher Mann, was nicht allein mit seiner bescheidenen Lebensweise zu erklären ist. Besser passt daher der englische Titel des Films, der nicht so sehr auf mangelnder Anerkennung herumreitet: „A Giant in The Making“, also etwa „ein Riese in seiner Entstehung“.

Zeitweise folgt der Film einer amerikanischen Reisegruppe von Bruckner-Liebhabern. Sie fahren zu den Stätten seiner Geburt, seiner Lehrjahre und seines Wirkens, etwa nach St. Florian, Linz und Wien. In ähnlicher Weise nimmt Regisseur Reiner E. Moritz den Zuschauer bei der Hand. Er führt ihn chronologisch durch Leben und Werk, kommentiert von ausgewiesenen Experten wie der Bruckner-Biografin Elisabeth Maier, mehreren Musikwissenschaftlern sowie Organisten, Chorleitern und den Dirigenten Kent Nagano und Valery Gergiev. Auch Simon Rattle kommt zu Wort, jedoch nur mit einem Satz: „Seine Musik übersteigt den menschlichen Geist“.

Größer kann das Lob wohl kaum ausfallen, doch der Film setzt durchaus auf den Geist. Detailliert wird vorgeführt, worin die Neuerungen liegen, mit denen Bruckner das sinfonische Schaffen auf eine neue Stufe gehoben hat. So erklärt ein Organist einmal, inwiefern der Komponist typische Orgel-Schemata in die Sinfonie eingebracht hat. Er spielt das Beispiel auf der Orgel vor, schaut dann Richtung Kamera und sagt: „Und so hört sich das mit Orchester an“. Schnitt: Wir sehen Valery Gergiev mit den Münchner Philharmonikern genau dieselbe Passage spielen. Der Russe, der kürzlich alle neun Sinfonien als Gesamtzyklus eingespielt hat, kommt übrigens von den Dirigenten am häufigsten zu Wort. Den wichtigsten Kommentar aber gibt Kent Nagano ab. Für ihn ist Bruckner ein Komponist, der auch heute noch jungen Leuten etwas zu sagen hat. Und zwar wegen seiner Originalität, die sich nicht um Tradition scherte, sondern immer weiter zu neuen Ufern drängte, bis hin zur Antizipation der Zwölftonmusik.

„Anton Bruckner – Ein verkanntes Genie“ steht in der Tradition des Bildungsauftrags von Fernsehen und Kino. Auch für den Laien verständlich, wird ausführlich und im Detail erklärt, worin das Neue in Anton Bruckners Sinfonien lag. Da sich Reiner E. Moritz dabei vom Gedanken der Vollständigkeit leiten lässt, können die einzelnen Werke nur angespielt werden. Das ist schade und erfordert der Konzentration einiges ab. Gerade in ermüdenden Momenten wünscht man sich einen weniger didaktischen und stärker filmischen Ansatz.

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Copyright: Arsenal

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Länge: 90 min

Kategorie: Documentary

Start: 23.07.2020

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Anton Bruckner – Ein verkanntes Genie

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 90 min
Kategorie: Documentary
Start: 23.07.2020

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