cinetastic.de - Living in the Cinema

The Great Green Wall

Geschrieben von Peter Gutting am 11. Mai 2020

So funktioniert Globalisierung im positiven Sinn: Bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro traf der brasilianische Regisseur Fernando Meirelles („City of God“, 2002) zufällig Alexander Asen, einen US-amerikanischen Filmproduzenten. Der erzählte ihm von der „großen grünen Mauer“ in Afrika, einem Mammutprojekt gegen die Folgen des Klimawandels. Meirelles hatte noch nie davon gehört und war total begeistert. Schnell war die aus Mali stammende und in Frankreich lebende Sängerin Inna Modja mit an Bord. Und weil Meirelles den Film nicht selbst drehen konnte, engagierte man den US-Regisseur Jared P. Scott, Spezialist für politisch packende Dokus. Herausgekommen ist ein schwungvoller, optimistischer Kampagnenbeitrag zu einem Problem, das noch lange nicht gelöst ist.

Der Flug über die Wüste sagt (fast) alles: Hohe Dünen, nichts als Sand, so wie man das aus tausend Filmen kennt. Und dann das Wunder, ein Grünstreifen mit Bäumen anstatt der Steppe, die normalerweise den Rand einer Wüste bildet. Die Anpflanzung ist Teil eines gigantischen Projektes der Afrikanischen Union (AU), das 2005 begonnen wurde. Quer über den ganzen Kontinent, vom Senegal im Westen bis nach Äthiopien im Osten soll über fast 8000 Kilometer ein Grüngürtel entstehen, etwa 15 Kilometer breit. Sein Ziel: die weitere Ausdehnung der Sahara nach Süden hin – eine Folge des Klimawandels – zu stoppen und den Menschen in der Sahelzone weiterhin ihren Lebensunterhalt als kleine Farmer zu sichern.

Aus PR-Gründen hatte man anfangs von einer durchgehenden „grünen Mauer“ gesprochen. Weil aber die Wüste sich in den elf Ländern, die den Plan des ehemaligen nigerianischen Präsidenten und AU-Präsidenten Olusegun Obasanjo unterstützen, auf ganz unterschiedliche Weise ausbreitet, sprechen die Experten heute lieber von einem „Mosaik“ oder einem Flickenteppich von lokal vorangetriebenen Wiederaufforstungs- und Kultivierungsmaßnahmen. 15 Prozent des Grüngürtels sind inzwischen angelegt. Der Rest ist eine Mammutaufgabe, die die ganze Welt angeht, will man nicht 60 Millionen Menschen zur Flucht zwingen.

Das Thema lässt eine wissenschaftlich untermauerte Dokumentation erwarten, mit trockenen Fakten, vielen Zahlen und widersprüchlichen Einschätzungen. Aber die Filmemacher gehen einen ganz anderen Weg. Sie begleiten die Sängerin Inna Modja auf ihrer Reise von West nach Ost. Modja, die 2011 in Frankreich mit „French Cancan“ einen Sommerhit landete, will ein neues Album aufnehmen, inspiriert von der Reise, in Kooperation mit anderen bekannten Musikerinnen und Musikern der jeweiligen Länder, und geprägt von der unterschiedlichen Musikstilen Afrikas.

Ohne den Ernst der Lage zu bagatellisieren, feiert die malisch-französische Sängerin den kulturellen Reichtum, die Buntheit und Lebensfreude der Sahelzone. Dem entspricht der visuelle Ansatz von Regisseur Jared P. Scott. Trotz einer Handkamera, die auf Augenhöhe bleibt, tendieren die Bilder nicht zum verwackelten Sozialdrama. Die Farben sind satt, die Einstellungen oft durch Zeitlupe wie aufgehübscht – eine Feier der Lebensfreude, unterstrichen durch die zahlreichen Musiksessions, zum Teil wie bei einem Musikvideo, aber auch in Tonstudios, öffentlichen Konzerten oder kleinen Sälen.

Inna Modja trägt den Film durch ihren persönlichen Blickwinkel, ihre Kindheit in der malischen Hauptstadt Bamako als eines von sieben Kindern, dessen musikalisches Talent vom Vater früh gefördert wurde. Seit 15 Jahren versteht sich die Sängerin auch als Aktivistin, die für Frauenrechte eintritt und Kampagnen gegen Genitalverstümmelung unterstützt, deren Opfer sie selbst wurde. Entsprechend kämpferisch, optimistisch und in einem erfrischenden Sinne subjektiv ist ihr Kommentar zu den Begegnungen und den Erlebnissen bei der Reise.

Für den Film bedeutet das: Kritische Einwände, eventuelle Rückschläge oder Skepsis bleiben außen vor. Im Zentrum steht die mit Charisma vorgetragene Botschaft eines tatkräftigen Afrika, das mit westlicher Unterstützung sein Schicksal in die Hand nimmt. Nirgends wird die optimistische Vision so anschaulich wie auf der letzten Station der Reise, in Äthiopien. Wo in den 1980ern schreckliche Hungerbilder um die Welt gingen, blühen heute grüne Landschaften. Ein Signal, dass Afrika insgesamt es schaffen kann, wenn es aus Katastrophen die richtigen Lehren zieht.

„The Great Green Wall“ ist das komplette Gegenteil einer klassischen Wissenschafts- oder Agrar-Doku. Der Film will mitreißen und Mut machen, ganz nach dem von Billy Wilder inspirierten Motto „Du sollst nicht langweilen“. Zielgruppe sind keine Spezialisten, sondern Menschen auf der ganzen Welt, gerade auch solche, die um das Thema Klimawandel lieber einen Bogen machen. Objektivität und eine neutrale Haltung muss der Zuschauer woanders suchen. Filme zum Klimawandel gibt es schließlich genug.

  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1

Wir vergeben daher 7 von 10 Filmpunkten.

Copyright: Weltkino

Kommentare

Keine Kommentare vorhanden.

Mit Facebook Anmelden um zu Posten!

Anmelden

Länge: 90 min

Kategorie: Documentary

Start: 24.10.2020

cinetastic.de Filmwertung: (7/10)

  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1

Leser Filmwertung: (nan/10)

  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10

Film bewerten!

Gewinnspiele

Gewinne Kinokarten, BluRays, DVDs,
Fan Packages und mehr!

Gleich mitmachen

Info

The Great Green Wall

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 90 min
Kategorie: Documentary
Start: 24.10.2020

Bewertung Film: (7/10)

  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1

Leser Filmwertung: (nan/10)

  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10

Film bewerten