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Master Cheng in Pohjanjoki

Geschrieben von Peter Gutting am 26. Mai 2020

Die finnischen Brüder Kaurismäki haben keine Scheu vor fremden Kulturen. Auch nicht davor, sich aus aller Welt das Beste zusammen zu klauben. Aki, der ältere, erklärte vor einigen Jahren, eigentlich hätten die Finnen den Tango erfunden und ihn dann, großzügig wie sie sind, nach Argentinien exportiert. Das war natürlich glatt gelogen, gab aber Anstoß zu der amüsanten Doku „Mittsommernachtstango“ (2014) von Viviane Blumenschein. Akis älterer Bruder Mika, ebenfalls Filmemacher, hat nun das chinesische Essen für sich entdeckt. Bewaffnet mit nicht als einem edlen Messer und ein paar Gewürzen, schickt er einen Koch in die lappländische Pampa, wo die Küche fast ausschließlich aus Wurst und Kartoffeln besteht.

Die Kamera von Jari Mutikainen hat einen Drang nach oben. Sie verspottet die Schwerkraft, schwebt in die Lüfte wie ein Ballon, dessen Leinen man losgemacht hat. Sie verschafft sich einen Überblick, lässt den Blick schweifen über ausladende finnische Seen und Wälder, über sanfte Hügelketten und endloses Grün. Für Fremde ist das ein Paradies, die Einheimischen in dem winzigen Dorf mit dem unaussprechlichen Namen Pohjanjoki sehen ihre Lage indes nüchterner. Sie haben ihre Sorgen hier, wie anderswo auch in Gegenden, in denen sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Die Männer des Dorfes sind alt und krank. Das kleine Restaurant, in dem sie sich treffen, hat auch schon bessere Tage gesehen.

Ausgerechnet hier, quasi am Ende der Welt, steigen eines Tages zwei Chinesen mit Koffern aus dem Bus. Cheng (Pak Hon Chu) und sein Sohn Nunjo (Lucas Hsuan) gehen ins besagte Lokal und suchen einen gewissen „Fongtron“. Inhaberin Sirkka (Anna-Maija Tuokko) und ihre Stammgäste staunen nicht schlecht, als sie den Mann und den Jungen sehen. Irgendwie muss er sich verlaufen haben, vielleicht wollte er in die nahegelegene Stadt, wo es mehr Ausländer gibt. Nur eines ist sicher: Einen „Fongtron“ gibt es hier in Pohjanjoki bestimmt nicht, schließlich kennt man seine Leute. Aber die Chinesen, deren Englisch so schlecht ist wie das der Einheimischen, bleiben einfach im Restaurant sitzen, essen irgendwann was und schlafen schließlich ein.

Aus Mitleid vermittelt Ihnen Sirkka ein Zimmer für die Nacht. Mit dem Ergebnis, dass sie am nächsten Tag wieder vor der Tür stehen und alle Gäste nach „Fongtron“ fragen. Dann geschieht etwas Unerwartetes. Ein Reisebus voller Chinesen möchte Essenspause in Sirkkas Lokal machen, rümpft aber die Nase über die diversen Würste plus „Gummikartoffeln“. Da stellt sich heraus, dass Cheng von Beruf Koch ist – und kein schlechter. Seine Künste sprechen sich herum, immer mehr Busse mit Chinesen steuern den kleinen Ort an. Bald finden selbst die Einheimischen Geschmack an der anfänglich als „Kaninchenfutter“ abgelehnten Qualitätskost.

„Kein weißer heterosexueller Mann wird das essen“, verkündet einmal der wohlbeleibte Romppainen (Kari Väänänen). Das ist unbestritten lustig. Doch gerade am Anfang laufen solche Sprüche Gefahr, Kaurismäkis kulinarische Liebeskomödie in die abgenutzten Muster des „Culture Clashs“ abrutschen zu lassen. Gewiss, die finnische Sprache ist mindestens genauso schwierig und humortauglich wie die chinesische. Und ja, die Finnen lieben Sauna, Schnaps und Tango, so wie die Chinesen Tai Chi, grünen Tee („bitte nur 80 Grad“) und höfliche Umgangsformen schätzen. Aber wie schade wäre es gewesen, hätte sich Mika Kaurismäkis Komödienkunst, die übrigens längst nicht so lakonisch ist wie die seines Bruders Aki, in stereotypen Gegensätzen erschöpft.

Zum Glück zieht der Finne einen zweiten, tiefgründigeren Boden in seine nichtsdestotrotz sommerlich-leichte Wohlfühlkomödie ein. Es ist die aufrichtige, warmherzige Liebe zu anderen Lebensformen und kulinarischen Prägungen, die Neugier und Offenheit, die am besten in einem weiteren Spruch des Stammgastes Romppainen zum Ausdruck kommt: „Mein Motto ist: Lebe gefährlich“. Sagt’s und probiert unerschrocken eine chinesische Fischsuppe. Mit erstaunlichen Folgen: Irgendwann lehrt der Prototyp eines weißen Mannsbilds seine Landsleute sogar Tai Chi. Was ihn jedoch nicht davon abhält, weiterhin die nordischen Traditionen hochzuhalten und dem Chinesen die finnische Variante der Weisheit beizubringen. Er macht es im Grunde wie die Brüder Kaurismäki: sich einfach bei den Vorzügen verschiedener Kulturen bedienen. Aki verbringt den Winter gern in Spanien, Mika liebt Brasilien und drehte dort den Dokumentar- und Musikfilm Brasileirinho (2005).

Ähnlich wie der ebenfalls im Juli startende „Love Sarah“ ist „Master Peng in Pohjanjoki“ kulinarisches Sommerkino, das nicht nur den Gaumen, sondern auch das Herz kitzelt. Trotz ihrer simplen Zutaten würzt Mika Kaurismäkis Liebeskomödie ihre leichte Kost mit fein austarierter Hingabe sowohl zur Heimat wie zur Fremde.

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Länge: 114 min

Kategorie: Comedy, Drama

Start: 30.07.2020

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Master Cheng in Pohjanjoki

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 114 min
Kategorie: Comedy, Drama
Start: 30.07.2020

Bewertung Film: (7/10)

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