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Man from Beirut

Geschrieben von Peter Gutting am 26. Mai 2020

Autokinos waren fast ausgestorben und feiern in der Corona-Krise ihre Wiederauferstehung. Früher spielten sie meist Filme, die ihren Start schon ein paar Tage hinter sich hatten. Aber mit dem zweiten Spielfilm von Christoph Gampl läuft jetzt ein Streifen an, der seine Deutschland-Premiere auf den Parkplätzen mit der Riesenleinwand feiert. Auf das Echo darf man gespannt sein, denn „Man from Beirut“ ist ein eigenwilliger Mix aus Film Noir, Kunstkino und B-Movie-Spielerei bis hin zum Trash.

Das Meer: ein rätselhafter Sehnsuchtsort. Kamerafrau Eeva Fleig filmt die mächtige Brandung von vorn, von der Seite, von oben und unter Wasser. Dazu spricht ein Off-Kommentar nicht minder mysteriöse Sätze über Leben und Tod, über das Töten und den Moment des letzten Schreis. Mit der Handlung hat das Meer nichts zu tun, es ist weit weg vom Tatort Berlin. Aber immer wieder werden die Wellen zwischen die eigentliche Geschichte geschnitten, als eine Art Meditation, als raunende Stimme, die etwas Ernsthafteres, Tiefgründigeres anzudeuten scheint als die stark stilisierte, in Schwarz-Weiß gehaltene Oberfläche.

Das hat der im altmodischen Look inszenierte, aber im heutigen Berlin spielende Thriller auch nötig. Denn die Handlung ist dünn. Sie wurde entweder aus Geldmangel oder ganz bewusst als B-Movie-Hommage aus Versatzstücken der Filmgeschichte zusammengeklaubt. Die „Erzählung“, wenn man das so nennen möchte, dreht sich um den Auftragskiller Momo (Kida Khodr Ramadan), der sich mit einem neunjährigen Mädchen, gespielt von Ramadans Tochter Dunya, anfreundet. Die Idee scheint bei „Léon, der Profi“ (1994) von Luc Besson geklaut, aber Regisseur Christoph Gampl weist eine bewusste Kopie in Interviews von sich.

Gewollt ist hingegen der Verweis auf „Zatoichi – Der blinde Samurai“ (2003) von Takeshi Kitano, denn Killer Momo ist ebenso wie der japanische Schwertkämpfer blind. Zudem spielt die Stilistik der ruhigen, durchkomponierten Einstellungen auf den Klassiker „Der eiskalte Engel“ (1967) von Jean-Pierre Melville an. Als weitere Referenz nennt Gampl „Gloria, die Gangsterbraut“ (1980) von John Cassavetes. Wie dessen Hauptdarstellerin und der ihr anvertraute kleine Junge werden auch Momo und das Mädchen gejagt. Denn der Killer hätte das Mädchen töten müssen. Sein Mitleid macht ihn vom Täter zum Opfer.

Große Namen also, quer durch die Filmgeschichte. Was lässt sich damit anfangen, wenn man ein Herzensprojekt realisieren will, aber im deutschen Fördersystem wegen des Genre-Ansatzes erstmal auf taube Ohren stößt? Gampl und sein Hauptdarsteller Ramadan versuchen erst gar nicht, ihren Vorbildern nachzueifern. Sie setzen gezielt auf den Charme des Unperfekten und Unkorrekten, in der Hoffnung, dass der Zuschauer den parodistischen Ansatz schon kapieren wird. Ein blinder Auftragskiller – ist das nicht allein schon ein Heidenspaß? Ja und Nein, muss man sagen.

Ja, denn die disparaten Elemente und die absurde Handlung fügen sich wenigstens atmosphärisch zu einem Ganzen. Für die nihilistische Tristesse einer farblosen Stadt haben die Filmemacher ein Händchen, auch für witzige Details und kabarettreife Einlagen. Der Spannungsbogen kommt ohne vordergründige – und vermutlich viel zu teure – Action aus, er speist sich allein aus Timing, Minimalismus und der Rätselhaftigkeit der Charaktere.

Aber das reicht nicht, um eine ernsthafte Identifikation mit Momo zu erlauben. Zu konstruiert sind die Versuche, aus dem Nichts heraus in die Ersatzvaterrolle zu schlüpfen. Zu aufdringlich wirkt das Spiel mit der Frage, ob denn der Killer tatsächlich blind sein kann. Und zu hergeholt erscheint der Bezug auf soziale Probleme, wenn die verschiedenen arabischen oder ins Arabische wechselnden Akteure ihrem Hass auf die fremde Stadt freien Lauf lassen. Anfreunden kann sich mit solchen Handlungsbrüchen nur, wer von vorherein ein B-Movie erwartet und darauf gefasst ist, dass alles nur irgendwie billig zusammengerührt wird.

„Man from Beirut“ ist ein Film, der in keine Schablone passt. Freunde der Parodie und des B-Movies werden sich möglicherweise mit dem absurden Motiv eines blinden Auftragskillers anfreunden. Aber wer Erwartungen an eine nachvollziehbare Handlung und glaubhafte Charaktere hegt, dürfte enttäuscht werden. Und ob das Publikum der Autokinos mit den stilisierten Bildern und dem für einen Thriller fast schon entspannten Rhythmus etwas anfangen kann, bleibt ebenfalls fraglich.

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Copyright: Filmwelt Verleihagentur GmbH, Eeva Fleig

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Länge: 82 min

Kategorie: Crime, Drama

Start: 20.05.2020

cinetastic.de Filmwertung: (5,5/10)

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Info

Man from Beirut

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 82 min
Kategorie: Crime, Drama
Start: 20.05.2020

Bewertung Film: (5,5/10)

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