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Bohnenstange

Geschrieben von Peter Gutting am 11. Mai 2020

Mit erst 28 Jahren war der russische Regisseur Kantemir Balagov schon zwei Mal in Cannes vertreten, jeweils in der Nebensektion „Un certain regard“. Warum der junge Mann, der bei Altmeister Alexander Sokurov studierte, so erfolgreich ist, lässt sich an seiner aktuellen Arbeit hervorragend ablesen. Ungeheuer stilsicher, schält Balagov aus ergreifenden Charakterstudien das Universelle heraus. Sein Blick in das Leningrad kurz nach dem Zweiten Weltkrieg ist daher nicht nur ein grandios gefilmtes Zeitdokument, sondern auch beklemmend aktuell.

Das Gewusel eines Krankenhauses. Frauen laufen umher, rufen sich etwas zu. Nur eine steht still, wie eine Salzsäule. Ihre Augen sehen starr ins Leere, das Gesicht ist bleich, die Mimik geistesabwesend. Der ganze Körper wirkt wie eingefroren. Sekundenlang geht das so. Andere Frauen rufen Iya (Viktoria Miroshnichenko) etwas zu, eine greift ihr sogar ins Gesicht. Fährt mit dem Finger über ihre Nase. Reaktion? Keine. Iya, die alle nur mit ihrem Spitznamen „Bohnenstange“ ansprechen, entgleitet für bange Sekunden in eine andere Welt, wie bei einem epileptischen Anfall, nur ohne Zucken, ohne jede Regung. Eine der Frauen gibt Entwarnung. Das hat „Bohnenstange“ von Zeit zu Zeit, es geht vorüber. Dann bewegt sie sich wieder, als sei nichts gewesen.

Die hoch gewachsene Frau, die sogar Männer überragt, pflegt die Kriegsversehrten in einem Leningrader Krankenhaus im Herbst 1945 – und ist selbst versehrt. Eine Kopfverletzung, erlitten an der Front, wo mit ihr 800 000 Soldatinnen der Roten Armee gegen die deutschen Nazi-Besatzer kämpften – ein Faktum weiblichen Heldenmuts, das selbst in Russland kaum bekannt ist. Nicht zuletzt deshalb wollte der Regisseur diesen Film machen. Er stieß auf die Geschichte weiblicher Soldaten in Swetlana Alexijewitschs Dokumentar-Roman „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“. Weil ihn das Buch nicht mehr losließ, möchte er die Geschichte unter anderem seinen Altersgenossen erzählen, die 75 Jahre nach Kriegsende genauso ahnungslos sind wie er.

Iyas Verletzung führte zur vorzeitigen Entlassung aus der Armee. Mit nach Hause brachte sie den kleinen Pashka (Timofey Glazkov), den alle für ihren Sohn halten. An der Front zurück blieb Mascha (Vasilisa Perelygina), Kriegskameradin und beste Freundin, heiß ersehnt. Aber als Mascha endlich auftaucht, verhält sich die stille und schüchterne Iya selbst für ihre Verhältnisse merkwürdig verschlossen. Kurz zuvor, bei einer neuerlichen Schockstarre, hatte die große Frau beim Herumtollen über dem kleinen Jungen gelegen, der in Wahrheit Maschas Sohn ist, und ihn erstickt. Es war ein Unfall, niemand zweifelt daran. Aber wie kann die Frauenfreundschaft eine solche Belastung aushalten?

Aufgrund der Handlung würde man ein realistisches Sozialdrama erwarten. Und in gewisser Weise spielen Regisseur und Kameramann (Kseniya Sereda) auch auf dieser Klaviatur. Das Krankenhaus ist überfüllt und heruntergekommen. Not, Armut und Schmerzen lassen sich mit Händen greifen. Wie es einem Kind wie Pashka geht, zeigen bestürzende Miniaturen. Etwa wenn der Junge zum Ratespiel „Welches Tier bin ich?“ dazukommt und ihn die Erwachsenen auffordern, einen Hund oder ein Schwein zu mimen. Er weiß nicht, welche Töne ein Hund von sich gibt, stellen die Erwachsenen fest. Alle Hunde sind während der Aushungerung von Leningrad gegessen worden.

Aber den Filmemachern gelingt ein kleines Wunder. Inmitten des Realismus – in genau den abgerissenen Kostümen und der schäbigen Ausstattung – erzählen sie etwas anderes. Es ist eine Geschichte von Menschlichkeit, von Freundschaft, von Würde. Sie spielt sich nicht jenseits der Wirklichkeit ab, nicht in Traumsequenzen oder Ausflügen in die Natur. Sondern entfaltet sich in den Farben. Etwa in den eigentlich düsteren Braun- Beige- und Sepiatönen, die normalerweise Tristesse verströmen, hier aber aufgeladen werden von einem stillen Leuchten, einer warmen Harmonie. Und erst recht in satten Rot-und Grüntönen, die unaufdringlich etwas Symbolisches anklingen lassen: Leidenschaft und Hoffnung. Denn Balagov umschmeichelt diese traumatisierten Frauen, gibt Ihnen die Humanität zurück, die sie im Krieg verloren haben. Immer wieder spüren empathische Großaufnahmen Gefühlen im Duett nach, vereinzeln die Gesichter nicht, sondern lassen sie zusammenrücken, wie in einem Tanz, in dem sich ganz unterschiedliche Empfindungen Bahn brechen, Zärtlichkeit und Wut, Hoffnung und Enttäuschung.

Kantemir Balagovs Nachkriegsdrama reiht sich ein in andere große Frauenporträts der jüngsten Zeit. Es steht in seiner stilistischen Meisterschaft auf einer Stufe mit Karim Aïnouz‘ „Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão“ und Céline Sciammas „Porträt einer jungen Frau in Flammen“. Wie die beiden anderen Filme entfaltet „Bohnenstange“ seine Aktualität gerade wegen des detailgetreuen Eintauchens in die Vergangenheit. Wie sich traumatische Gesellschaftskatastrophen überleben lassen, ist natürlich ein Thema der Stunde – auch wenn Balagov das während des Filmdrehs nicht ahnen konnte.

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Wir vergeben daher 8 von 10 Filmpunkten.

Copyright: Eksystent Verleih

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Länge: 130 min

Kategorie: Drama, War

Start: 10.09.2020

cinetastic.de Filmwertung: (8/10)

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Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 130 min
Kategorie: Drama, War
Start: 10.09.2020

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