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Auf der Couch in Tunis

Geschrieben von Peter Gutting am 11. Mai 2020

„Wird nur über Sex geredet?“ Diese Frage stellt ein kleines Büchlein mit dem Untertitel: „27 neugierige Fragen an die Psychoanalyse“. Antwort: Natürlich nicht nur, aber ganz ausschließen kann man es auch nicht. Das scheint gefährlich in einem Land, in dem ein Polizist droht: Reden über Sex bedeutet Gefängnis. Aber genau dort, nämlich in Tunesien, spielt das Debüt von Regisseurin Manele Labidi. Ideale Voraussetzungen also für eine Komödie, in der es nur so wimmelt von Gegensätzen, Unverträglichkeiten und aberwitzigen Konfrontationen.

Einzug in Tunis, in das kleine Häuschen, in dem der Onkel mit Frau und Tochter wohnt. Selma (Golshifteh Farahani) hat lange in Paris gelebt, ist aber hier aufgewachsen. Nun kehrt sie zurück, niemand versteht warum. Der Onkel (Moncef Ajengui) gibt ihr zwei Wochen, dann werde sie schon einsehen, dass es unmöglich ist, im Dachgeschoss ihrer Wohnung eine psychoanalytische Praxis aufzumachen. Aber Selma glaubt fest, dass sich die Tunesier nach der Vertreibung ihres Diktators im arabischen Frühling auch seelisch öffnen möchten für neue Erfahrungen. Und überhaupt gab es bei ihr in Paris zwölf andere Psychologen in derselben Straße, die Konkurrenz war einfach zu groß. Selma geht also Klinken putzen in Tunis, erklärt ihre Mission, trifft auf nichts als ungläubiges Staunen, verteilt trotzdem ihre Kärtchen. Wenige Tage später geschieht das Unglaubliche: Die Frisöse, die sich eben noch so verächtlich über Seelenklempnerei geäußert hatte, setzt sich als erste auf Selmas Couch. Und plötzlich steht eine riesige Menschlange vor der Praxis.

Weil Klischees natürlich nicht fehlen dürfen in der zwar ernst gemeinten, aber überwiegend humoristischen Betrachtung einer schwierigen Rückkehr, schleppt Selma ein Bild von Sigmund Freud mit sich. „Ist er ein Iman“, fragt der Onkel – der Bart spräche immerhin dafür. Nein, er ist Jude – kurzes Zusammenzucken beim Gesprächspartner. Und außerdem sei er ihr Chef. Kein Wunder, dass die Familie die ehemalige Pariserin für verrückt erklärt.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Manele Labidi treibt die Stereotypen nicht so weit, dass sie zum Steinbruch billiger Schenkelklopferei werden. Faule Tunesier, arrogante Franzosen, korrupte Afrikaner, neurotische Europäer – es ist alles da, aber es dient zu liebenswerten Charakterstudien, die immer auch mit dem Gegenteil dessen überraschen, was gerade noch als vermeintliche Karikatur erschien. Etwa die erwähnte Frisöse, hinter deren aufgedonnerter Fassade eine unerwartete Schwäche lauert. Oder Selmas Nichte Olfa (Aïcha Ben Miled), deren selbstbewusstes Feministinnengehabe vor einem Schleier nicht zurückgeschreckt. Oder Naïm (Majd Mastoura), scheinbar der einzige Polizist des Landes, der sich nicht schmieren lässt. Er fährt Selma ordentlich an den Karren, lässt ihre Praxis schließen, weil sie keine Zulassung hat. Und doch wirkt der Ordnungshüter wie hypnotisiert vom unkontrollierbaren Freiheitsdrang einer selbständigen jungen Frau.

Wie häufig bei Erstlingsfilmen, erzählt Manele Labidi in der Verfilmung des eigenen Drehbuchs ein Stück weit von sich selbst. Auch sie ist, wie ihre Protagonistin, halb Französin und halb Tunesierin. Und auch sie machte die Erfahrung, dass die tunesische Kultur den Gang zum Psychologen für etwas Unanständiges hält. Zugleich aber – das sieht man ihrem Film an – liebt sie die Vitalität, die Heißblütigkeit und den Lebenshunger der Nordafrikaner. Sie liebt die Familien, die sich ständig streiten und doch aneinander hängen. Sie mag die Nonchalance der Ordnungsbehörden, die nichts auf die Reihe kriegen, aber – mit Allahs Hilfe – doch irgendwie klarkommen. Und sie schätzt die Toleranz, die sich hinter offiziell homophoben und machohaften Allüren verbirgt.

Hinter der gut getimten Situationskomik, der hohen Gagdichte und den klugen Einfällen erzählt die Regisseurin von einer eigenständigen Frau, die ihren Frieden mit einem Land macht, das sie gar nicht haben will und in das sie aufgrund ihrer westlichen Sozialisation auch nicht mehr passt. Lange bewegt sich Hauptdarstellerin Golshifteh Farahani vor allem in Innenräumen, lange zieht sie ihre Augenbrauen verkniffen zusammen, lange strahlt ihr Körper etwas Abgekämpftes, Überarbeitetes aus. Aber irgendwann weitet die Kamera den Blick auf Stadt, Meer und Berge. Kurz zuvor hatte die Analytikerin eine seltsame Begegnung mit einem Mann, der Sigmund Freud täuschend ähnlich sah. Irgendwie erweist sich die Rückkehr selbst als eine Art Therapie.

„Auf der Couch in Tunis“ ist eine liebenswerte Sommerkomödie, die das abgenutzte Schema des Zusammenpralls zweier Kulturen nicht überdehnt. Die Stärken von Manele Labidis Debüt liegen im bunten Ensemble eigenwilliger Charaktere und darin, dass sie die unwahrscheinliche Konstruktion ihrer Grundidee mit Erfahrungen füllt, die aus eigenem Erleben stammen.

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Copyright: Prokino

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Länge: 88 min

Kategorie: Comedy

Start: 30.07.2020

cinetastic.de Filmwertung: (7/10)

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Auf der Couch in Tunis

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 88 min
Kategorie: Comedy
Start: 30.07.2020

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