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Stillstehen

Geschrieben von Peter Gutting am 6. April 2020

Mit der Psychiatrie kennt sich Regisseurin Elisa Mishto aus. Vor zwölf Jahren drehte sie die Dokumentation „States of Mind“ mit einer Pflegerin und drei Kranken. Die Patienten, die sie dort getroffen hat, sind oft zum Nichtstun verdammt beziehungsweise wollen auch gar nicht aktiv sein. Sie leben in ihrer eigenen Welt, passen nicht ins Hamsterrad gewöhnlicher Rollenerwartungen. So eine ist auch die Hauptfigur im ersten Spielfilm der in Berlin lebenden Italienerin. Sie möchte einfach nicht dazugehören, egal was kommt. In Mishtos Film ist das ebenso komisch wie befremdlich.

Ein gediegenes Direktorenbüro, dunkles Holz, schwere Sessel. Julie (Natalia Belitski) kennt sich aus im Sprechzimmer von Psychiater Dr. Hermann (Martin Wuttke). Zielsicher steuert sie das Regal mit dem Whiskey an, den der Seelendoktor so liebt. Sie schnüffelt an dem Getränk und stellt fest, dass es nicht so teuer sein kann wie der Edelbrand, den Julie dem Doktor bei ihrem letzten Aufenthalt in der Klinik geschenkt hatte. Was damit passiert sei, will sie wissen. Darauf der Psychiater, ganz ruhig und abgeklärt: „Ich hatte keine Gelegenheit ihn zu trinken, nachdem Sie ihn bei unserem letzten Zusammentreffen durch das Fenster geworfen hatten.“

Der verbale Schlagabtausch verrät viel über die junge Frau, auf die das Wort von der „Drehtürpsychiatrie“ ganz gut passt. Mal ist sie für ein paar Wochen drin, dann darf sie wieder gehen und das Leben fortführen, das hier wie da aus Nichtstun besteht. Einem ganz bewussten Nichtstun wohlgemerkt. Es resultiert, wie Julie eingangs erklärt, aus einer Abscheu vor dem Fleiß der Ameisen und vor ihrem tumben Bedürfnis, pausenlos zu rennen und zu arbeiten, selbst wenn der Ameisenhügel schon in Flammen steht und alles sinnlos geworden ist. Julie will auf keinen Fall eine Ameise sein.

Also trägt sie Tag und Nacht ekelhaft gelbe Putzhandschuhe, damit sie jeder für ein bisschen verrückt hält. Aber ist sie wirklich so harmlos, wie sie tut? Das weiß niemand, Dr. Hermann nicht und auch nicht Agnes (Luisa-Céline Gaffron), die neue Pflegerin, die sich seit der neuerlichen Einweisung um Julie kümmern muss. Auf den ersten Blick ist Agnes das Gegenteil von Julie: angepasst, zurückhaltend, brav. Aber hinter der Fassade lodert eine ähnliche Lust am Aufbegehren wie bei Julie. Von der ersten Sekunde an knistert es zwischen den beiden Frauen. Nichts kann so bleiben, wie es ist.

Der Psychiatrieklassiker „Einer flog über das Kuckucksnest“ (1975) von Miloš Forman ist ein aufklärerisches Drama über die Missstände der Nervenheilanstalten. „Stillstehen“ zeigt eine ähnliche Szenerie, aber als Komödie. Da gibt es Rainer (Giuseppe Battiston), den langhaarigen, vollbärtigen Bär von einem Mann, der nie ein Wort spricht und sich das Geschehen um sich herum anschaut, als käme es von einem anderen Stern. Und da ist Katrin (Katharina Schüttler), die immer eine Modezeitschrift vor der Nase hat und ständig nach der (verbotenen) Schere verlangt, um sich eine neue Frisur zu schneiden. Zusammen mit zwei kabarettreifen Auftritten von Rüdiger Vogel als blasierter Reinigungsunternehmer und Leslie Malton als Katrins überkandidelte Mutter entwickelt der Film vielversprechende Ansätze zu skurrilem, leicht angeschwärzten Humor.

Aber mit ihren streng stilisierten, ins Surreale überhöhten Bildern geht es Elisa Mishto in der Verfilmung ihres eigenen Drehbuchs um mehr als Komik. Sie bürstet Frauenbilder gegen den Strich, räumt auf mit dem Nettsein, der Gewaltlosigkeit, der einfühlsamen Fürsorge für alle und jeden. Weder die nichts tuende Julie noch die bemühte, aber überforderte Agnes taugen als Identifikationsfiguren. Das wäre kein Problem, würden ihre Figuren aus sich heraus verständlich. Doch es scheint, als lege die Regisseurin auf eine charaktergetriebene Handlung weniger Wert als auf verschiedene thematische Versatzstücke, die auf zwei Frauen verteilt werden. Bei Julie ist es das Experiment mit dem Nichtstun: Wie es sich anfühlt, sich von allem loszusagen, in einer Mischung aus Freiheit, Arroganz und Sinnlosigkeit. Bei Agnes, die eine dreijährige Tochter hat, ist es das tabuisierte Thema Mutterschaft: Die junge Frau kommt mit dem Kind nicht klar, findet keinen emotionalen Draht zu ihm, hat Schuldgefühle und verdrängt sie mit ausgiebigem Haschischkonsum.

„Stillstehen“ verfügt über einige Pluspunkte: starke schauspielerische Leistungen, eindrückliche visuelle Einfälle und schlagfertige Dialoge. Weniger überzeugend ist der Mix aus Komödie, Frauenpower á la „Thelma und Louise“ und lebensphilosophischer Reflexion über die Möglichkeit kompletter Verweigerung. Sowohl die Charaktere als auch die Handlung wirken zuweilen ein wenig plakativ und konstruiert.

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Wir vergeben daher 6,5 von 10 Filmpunkten.

Copyright: Farbfilm

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Länge: 91 min

Kategorie: Drama

Start: 14.05.2020

cinetastic.de Filmwertung: (6,5/10)

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Stillstehen

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 91 min
Kategorie: Drama
Start: 14.05.2020

Bewertung Film: (6,5/10)

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