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Exil

Geschrieben von Peter Gutting am 8. April 2020

Eine Reise nach Deutschland schildert der aus dem Kosovo stammende Regisseur Visar Morina in seinem Debüt „Babai“. Sein zweiter Film handelt nun von einem, der schon seit vielen Jahren hier angekommen ist, sich aber dennoch fremd fühlt. Ist das nun seine eigene Schuld? Oder doch die der anderen, die sich zwar tolerant geben, aber seit dem Stimmungsumschwung nach der Flüchtlingskrise jeden Menschen mit ausländischen Wurzeln kritisch mustern? Der Regisseur lässt beide Lesarten zu in seinem atmosphärisch dichten, thrillerartigen Drama.

Das Besprechungszimmer eines Pharmaunternehmens: Es ist Sommer, aber davon sieht man nichts. Die Sichtblenden der Fenster lassen nur milchiges Licht in den stickigen, gelbbraunen Innenraum. Irgendwo läuft im Hintergrund ein Ventilator, Schweiß tränkt Nackenhaare und Damenblusen. Ganz langsam fährt die Kamera von links nach rechts an den Gesichtern entlang. Einer nach dem anderen kommt ins Bild, nur der Vortragende nicht. Man sieht, wie sie zuhören, nicken, stille Sympathie bekunden. Nur einer kommt nicht ins Bild. Es ist der, der sich nicht auf den Vortrag konzentrieren kann. Der seine Kollegen wie von einem fremden Stern aus betrachtet, als wunderliche Wesen, aus deren Mimik und Gesten er nicht schlau wird. Selten ist das Gefühl des nicht Dazugehörens eindringlicher ins Bild gesetzt worden.

Äußerlich gesehen hat Xhafer (Mišel Matičević) wenig Grund zum Hadern. Der aus dem Kosovo stammende Chemieingenieur arbeitet in einem verantwortungsvollen, offensichtlich gut bezahlten Job. Mit seiner deutschen Frau Nora (Sandra Hüller) und den drei Kindern bewohnt er ein Häuschen in einer schmucken Vorortsiedlung. Nora muss nichts hinzuverdienen, sondern kann, soweit es die Familienarbeit zulässt, an ihrer Doktorarbeit schreiben. Aber die Ehe bekommt Risse, seit Xhafer beim Nachhausekommen eine tote Ratte an seinem Gartentor hat hängen sehen, offensichtlich ein Versuchstier aus seiner Firma.

Niemand kann eigentlich von seiner Rattenphobie wissen, nur dem Chef hat er beim Einstellungsgespräch davon erzählt. Hat der die Nachricht weitergetragen? Und betreibt der offensichtlich feindselige Kollege Urs (Rainer Bock) nicht nur Informationsverweigerung, sondern auch gezieltes Mobbing bis hinein in die Privatsphäre? Ehefrau Nora warnt Xhafer vor Verschwörungsphantasien, aber dessen Wahrnehmung verstrickt sich immer stärker in das, was in sein bereits vorgefertigtes Muster eines Komplotts passt. Es ist heiß, die Nerven liegen blank, die Schwüle gebiert Sinnestäuschungen.

Es wäre verlockend gewesen, aus dieser Grundkonstellation einen klassischen Thriller zu entwickeln, mit typischen Mustern zugespitzter Spannungsdramaturgie. Aber das Plus an Genre wäre ein Minus an Realismus geworden. „Exil“ geht einen anderen Weg. Der Film entwickelt seine formalen Anleihen beim Spannungskino konsequent aus der gesellschaftlichen Atmosphäre in Deutschland nach der Silvesternacht, als die Willkommenskultur gegenüber Geflüchteten in weiten Teilen der Bevölkerung in einen Generalverdacht umschlug. Xhafer spürt die Vorbehalte, kann sie aber nicht beweisen. Was soll schlimm daran sein, wenn man ihn fragt, ob er Schweinefleisch esse? Schließlich will die Mitarbeiterin nur Häppchen für eine kleine Feier besprechen. Und wie kann er den Firmenbesuchern Vorwürfe machen, wenn sich einer nach dem anderen mit Namen vorstellt und dann über Xhafers Nachnamen stolpert, den der Kosovo-Deutsche mehrfach wiederholen muss? Ist doch tatsächlich nicht so einfach wie Meier und Müller.

Konsequent nimmt die intensive, ruhig geführte Kamera (Matteo Cocco) die Perspektive des in die Enge Getriebenen ein. Längere ungeschnittene, aber bewegte Einstellungen schaffen Realitätsnähe, als ob der Zuschauer unmittelbar dabei wäre, wenn der minimalistisch, aber umso wirkungsvoller agierende Mišel Matičević in die nächste Stufe der Eskalation stolpert. Die Inszenierung gibt dem Publikum keinen Wissensvorsprung. Was wirkliches Mobbing ist und was Einbildung, wo die Realität aufhört und wo die Paranoia beginnt – es lässt sich nicht entscheiden. Nur die Ungewissheit ist gewiss, und damit eine Lage, die den Film über die konkrete Lage eines Migranten hinaus ins Universelle hebt.

„Exil“ ist kein typisches Sozialdrama über ausgewanderte Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien. Er sperrt seinen Helden nicht in die Opferrolle ein, sondern nimmt den Zuschauer mit auf einen faszinierenden und allgemeingültigen Trip in die Seelentiefen eines Menschen, dessen Wahrnehmung zwischen Wahrheit und Verzerrung oszilliert. Die sparsam eingesetzten Thriller-Elemente entfalten dabei umso wirkungsvollere, weil realistische Wirkungen.

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Wir vergeben daher 7,5 von 10 Filmpunkten.

Copyright: Alamode Film

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Länge: 121 min

Kategorie: Drama

Start: 01.07.2020

cinetastic.de Filmwertung: (7,5/10)

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Exil

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 121 min
Kategorie: Drama
Start: 01.07.2020

Bewertung Film: (7,5/10)

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