cinetastic.de - Living in the Cinema

Wir Eltern

Geschrieben von Peter Gutting am 2. März 2020

Das Niemandsland zwischen Fiktion und Dokumentarismus ist spannendes cineastisches Terrain. Eine ganze Reihe von Regisseuren überschritt in den letzten Jahren den Grenzzaun zwischen Erfindung und echtem Leben, und zwar von beiden Seiten aus. Der Schweizer Regisseur Eric Bergkraut (62) war lange Zeit im Dokumentarischen zu Hause. Jetzt hat er gemeinsam mit seiner Frau, der Schriftstellerin Ruth Schweikert, seinen ersten Spielfilm gedreht. So lautet zumindest die offizielle Gattungsbezeichnung. In Wahrheit handelt es sich bei der Familienkomödie um ein doku-fiktionales Zwitterwesen der besonderen Art.

„Zieh‘ den Kopfhörer ab“, befiehlt der Vater. „Was sagst du“, fragt der Sohn. Das mag kein besonders origineller Gag sein. Doch der Dialog wirft einen scharfes Licht auf eine Lage, die fast alle Eltern und Kinder kennen. Irgendwann, im notwendigen Prozess der Abnabelung, hat man sich nichts mehr zu sagen. Lebt man in fremden Welten. Versteht den anderen nicht mehr. Dann ist es für die Kinder Zeit, auszuziehen und ihr eigenes Leben zu führen. Tun sie es nicht, wird das traute Familienheim zur Hölle. So wie bei den Kamber-Grubers. In der Küche stapelt sich das Geschirr, im Bad fliegen die Handtücher auf dem Boden rum, und die „Kinder“zimmer durchweht der süßliche Geruch von Marihuana. Räumen die Eltern den Dreck der 19-jährigen Zwillingssöhne irgendwann doch weg, schallt Ihnen Protest entgegen. „Mach‘ keinen Lärm, ich will schlafen.“ Und das mittags um 12.

Man muss zu Gott beten, dass so nicht der dokumentarisch echte Alltag von Eric, Ruth, Elia, Ruben und dem noch kindlichen Nachzügler Orell Bergkraut aussieht. Zunächst spricht einiges dafür, denn fast alle Familienmitglieder sind vor der Kamera zu sehen, nur Mutter Ruth lässt sich durch die Schauspielerin Elisabeth Niederer vertreten. Vieles wirkt echt, so als würde sich die Familie selbst spielen. Tatsächlich kennen sie viele der dargestellten Gefühle, Konflikte und Streits aus dem eigenen Miteinander. Aber ihr Film spitzt den ganz normalen Wahnsinn derart zu, dass daraus Kunst wird: eine sehenswerte Mischung aus Satire, Milieustudie und Familienaufstellung. Beides stimmt also: die Darstellung ist zugleich echt und erfunden. Die realen Familienmitglieder haben im Film andere Namen und sprechen geschriebene Dialoge, sind aber trotzdem – bis auf die Mutter – eine authentische Familie.

Was also tun, wenn es sich die erwachsenen Söhne im „Hotel Mama und Papa“ bequem gemacht haben? Der bisherigen liberalen Erziehungspraxis folgen und auf gemeinsam vereinbarte Absprachen und Regeln setzen? Oder ins Autoritäre verfallen und auch mal das Motto „Solange du die Füße unter meinen Tisch streckst…“ anklingen lassen? Vater und Mutter ziehen alle Register, erstellen Punktelisten, verfallen in Drohungen, setzen schließlich Ultimaten und sind doch nicht in der Lage, den vielfach überschrittenen roten Linien Konsequenzen folgen zu lassen. In ihrer Not greifen sie zu einer ebenso überraschenden wie unterhaltsamen List – mit ebenso komischen wie ernüchternden Folgen.

Zwischen Pseudodokumentation und erst gemeinten Interviews mit realen Erziehungsexperten entfaltet „Wir Eltern“ einen eigenen Sound. Die Kamera (Stéphane Kuthy) mischt sich unter die Akteure, wandert in ungeschnittenen Einstellungen um sie herum, macht sich dabei unsichtbar und erweckt den Eindruck, als schaue der Zuschauer durchs Schlüsselloch seiner künstlerisch-intellektuellen, linksliberalen Nachbarsfamilie. Zugleich stimmt das komödienspezifische Timing, scharfe Dialoge setzen Pointen. Nur der etwas bedächtige, typisch schweizerdeutsche Rhythmus verströmt auch im größten Chaos ein gelassenes Karma. Dass sich der deutsche Verleih entschied, den Dialekt beizubehalten und mit Untertiteln zu arbeiten, ist eine weise Entscheidung.

Bisweilen legt die in kurzer Zeit produzierte Tragikomödie die falsche Fährte eines Thesenfilms. Die Problematiken der Nesthocker, des verschärften Leistungsdrucks oder der Überforderung durch ein aufgeklärtes, feministisch inspiriertes Familienmodell scheinen auf. Doch zum Glück werden solche, von Experten vorgetragenen Theorieansätze nicht dogmatisch durchdekliniert. Sie ziehen nur weitere Ebenen in eine Arbeit ein, die auch dann funktioniert, wenn man sie lediglich als nachdenkliche Komödie oder als schräges Familienporträt genießen würde.

„Wir Eltern“ ist ein filmisches Zwitterwesen mit spezifisch schweizerdeutschem Charme. Die erste gemeinsame Arbeit des Ehepaars Ruth Schweikert und Eric Bergkraut lässt im Kosmos der von ihr selbst gespielten Kleinfamilie universelle Themen und aktuelle gesellschaftliche Tendenzen aufscheinen. Zusammengehalten werden die unterschiedlichen Ebenen von einem trockenen, eher zum Schmunzeln als zum Schenkelklopfen reizenden Humor.

  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1

Wir vergeben daher 7,5 von 10 Filmpunkten.

Copyright: WFilm

Kommentare

Keine Kommentare vorhanden.

Mit Facebook Anmelden um zu Posten!

Anmelden

Länge: 96 min

Kategorie: Comedy, Drama

Start: 16.07.2020

cinetastic.de Filmwertung: (7,5/10)

  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1

Leser Filmwertung: (nan/10)

  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10

Film bewerten!

Gewinnspiele

Gewinne Kinokarten, BluRays, DVDs,
Fan Packages und mehr!

Gleich mitmachen

Info

Wir Eltern

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 96 min
Kategorie: Comedy, Drama
Start: 16.07.2020

Bewertung Film: (7,5/10)

  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1

Leser Filmwertung: (nan/10)

  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10

Film bewerten