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Walchensee forever

Geschrieben von Peter Gutting am 22. März 2020

Vor drei, vier Jahren war es schwer in Mode, dass Dokumentarfilmer vor und hinter der Kamera agierten. Sie griffen ein Thema auf, in dem sie selbst vorkamen, nahmen persönlich Stellung, waren als Individuen mit Haut und Haar greifbar. Danach ebbte die Welle so plötzlich ab, wie sie gekommen war. Nur noch vereinzelt gibt es heute diese Form, die immer in der Gefahr der Selbstbespiegelung steht. Ein besonders gelungenes Beispiel ist jedoch das Langfilmdebüt von Janna Ji Wonders. Und zwar deshalb, weil sie nicht nur von sich und ihrer Familie erzählt, sondern von einem ganzen Jahrhundert. Zurecht gewann der Film bei der Berlinale den Hauptpreis der Sektion „Perspektive Deutsches Kino“ sowie den Bayerischen Filmpreis.

„Wer bist du denn“, fragt die Mutter, eine Kamera haltend, ihre kleine Tochter. „Ich bin die Fee vom Walchensee“, antwortet die fünfjährige Janna Ji Wonders mit Blumen im Haar und festem Blick ins Objektiv. Es ist ein Geschenk, dass in der Familie immer schon gefilmt und fotografiert wurde, beginnend mit Wonders‘ Großvater, dem Seewirt mit der künstlerischen Ader, der dann nach München zog und ein Künstlerleben führte, weil es ihm an Deutschlands tiefstem und größten Alpensee zu eng wurde. Aus dem überquellenden Archiv hat Wonders die kleine Szene mit ihrer Mutter an den Anfang ihres Films gestellt. Dann tauschen Mutter und Tochter die Rollen. Wir befinden uns nun in der Gegenwart, der Zeit der Dreharbeit. Jetzt befragt die heutige Filmemacherin die Mutter über deren bewegtes Leben sowie über das der Großmutter und Urgroßmutter.

Man muss es gleich vorweg sagen: Es geht hier um viel mehr als um ein Familienalbum, das nur die Familie der Seetöchter, die Freunde und Bekannten interessieren würde. Es geht um wichtige Epochen des 20. Jahrhunderts, um den Zweiten Weltkrieg und wie er die Väter physisch und psychisch versehrte, um das vergleichsweise freie Leben in Abwesenheit der Männer. Es geht um die Protestgeneration der Hippies und ihre Suche nach Selbstverwirklichung, die bis heute nachwirkt, über Kommune-Erfahrungen, experimentelle Lebensformen, indische Philosophie und die spirituelle Selbsterfahrungsgruppe von fünf Frauen um den Alt-68er Rainer Langhans – eine davon Wonders Mutter Anna Werner. Aber es geht auch um die Frage, wie das alles zusammengehört, welche Muster sich von Generation zu Generation trotz aller Abgrenzungsversuche fortpflanzen. Und darum, was das alles mit dem Walchensee zu tun hat, diesem sinnlich eingefangenen Naturschauspiel, das zugleich als Projektionsfläche für romantische, heimatliche Sehnsüchte, aber auch Ängste dient.

Eines der schönsten Bilder erscheint kurz vor Ende des Films. Mutter, Großmutter und Tochter (also die Regisseurin) sitzen auf einer Bank am See, direkt beim Wasser, mit dem Rücken zur Kamera. Ganz klein und eingeschrumpelt wirkt die Oma, eingerahmt von Tochter und Enkelin. Es ist ein versöhnliches Bild, majestätisch prangen die Berge im Hintergrund, der See ruht still, es wird kurz nach Sonnenuntergang sein. Mögen Tochter und Mutter auch immer wieder ausbrechen aus der Enge, wieder zurückkehren und neu ausbrechen – die Oma war stets da, verbrachte ihr ganzes Leben am See, stand noch mit 88 am Herd. Jetzt ist sie biblische 105. Sie wird sterben während der Dreharbeiten. Und es wird Wonders‘ Tochter Rumi geboren werden – insgesamt also fünf Frauengenerationen, wenn man Omas Mutter Apa dazurechnet, die das familieneigene Ausflugscafé am Walchensee 1920 eröffnete.

Eine große Rolle spielen auch die, die längst nicht mehr da sind, früh verstorbene Schwestern. Omas Schwester wurde von der Spanischen Grippe dahingerafft, die zwischen 1918 und 1920 weltweit mehr als 25 Millionen Opfer forderte. Oma Norma, die Überlebende, hatte immer das Gefühl, sie müsse deshalb so brav und fleißig sein, weil die Familie kein weiteres Leid ertrage. Auch Mutter Anna Werner hatte eine früh verstorbene Schwester, die lebenslustig war, im Gegensatz zur ernsten und zurückhaltenden Anna. Frauke hieß sie, von ihr erfahren wir eine ganze Menge, weil sich mit ihr die wohl verrückteste Episode verbindet. Frauke war ein Naturtalent im Jodeln. Gemeinsam mit Anna am Hackbrett traten die Schwestern im Dirndl auf, es gibt Radioaufnahmen davon. Zugleich schrieb man das Jahr 1967. Die Seetöchter waren vom Zeitgeist voll infiziert, auch wenn ihre Musik nicht gerade die angesagteste war. Sie trampten durch die USA, landeten in Mexiko, experimentierten mit Drogen, gingen zu den 68ern nach San Francisco. Hippies mit Hackbrett, sozusagen.

„Walchensee forever“ ist einer der aufregendsten und ungewöhnlichsten Dokumentarfilme des noch jungen Jahres. Klar in der Struktur und bunt im Inhalt, stellt das Debüt von Janna Ji Wonders eine universelle Frage, die weit über ein filmisches Familienalbum hinausgeht: Gibt es so etwas wie ein Familiengedächtnis? Also so etwas wie einen Ort, eine Tradition oder eine Verpflichtung, die in den Nachgeborenen weiter wirkt, ohne dass es ihnen bewusst ist? Die Regisseurin reicht die Frage an den Zuschauer weiter, der in seiner eigenen Familie die Antwort finden muss.

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Wir vergeben daher 7,5 von 10 Filmpunkten.

Copyright: Farbfilm

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Länge: 110 min

Kategorie: Documentary

Start: 01.06.2020

cinetastic.de Filmwertung: (7,5/10)

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Info

Walchensee forever

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 110 min
Kategorie: Documentary
Start: 01.06.2020

Bewertung Film: (7,5/10)

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