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Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien

Geschrieben von Peter Gutting am 2. März 2020

Es gibt Zeiten, in denen sich die große Bandbreite des Kinos besonders ins Bewusstsein drängt. Da drehen einerseits Regisseure einen Film komplett ohne Schnitt, in einer einzigen Einstellung. Andere wieder schaffen aus vorhandenem Material etwas Neues, ganz allein durch die Montage. Sie brauchen kein Set und keine Kamera, alles geschieht (bis auf das Drehbuch) fast ausschließlich im Schneideraum. Eine solche Virtuosin am Schnittcomputer ist Bettina Böhler. 2018 zeichnete die langjährige Cutterin (oder wie man heute sagt: Editorin) erstmals auch als Co-Regisseurin verantwortlich, in der Dokumentation „Searching for Ingmar Bergman“ von Margarethe von Trotta. Nun legt sie ihre erste eigene Doku vor – ein ebenso warmherziges wie humorvolles Porträt des vor zehn Jahren verstorbenen Filmemachers, Theatermanns und Aktionskünstlers Christoph Schlingensief.

Ohne Zweifel war Schlingensief ein Besessener, vergleichbar einem seiner Inspiratoren (das Wort „Vorbilder“ lehnte er ab) Rainer Werner Fassbinder. Unermüdlich meldete er sich künstlerisch und politisch zu Wort, mischte sich ein bis zur Erschöpfung. Nicht zuletzt deshalb treibt eine Szene dem Publikum die Tränen in die Augen, in der er dem Interviewpartner sein Leben erklärt, indem er mit dem Filzstift verschiedene Kurven auf ein großes Blatt Papier zeichnet. „Das ist meine Lebenslinie“, erklärt er. Also der Bereich, in dem sich seine Persönlichkeit natürlicherweise wohl fühlt. Das andere sei der Toleranzbereich, also die Grenzüberschreitung, die er immer wieder suche, die er aber noch aushalte und die für ihn sogar gesund sei. Manchmal schieße er auch darüber hinaus und gerate in die Sphäre der Entartung, die er dann so schnell wie möglich wieder verlassen müsse. Im Jahr 2050, fährt er fort, hoffe er, immer noch Grenzüberüberschreitungen in den Toleranzbereich zu wagen, aber nie mehr in der Entartung. In dieser Mitte des Jahrhunderts wäre er 90 geworden. Gestorben aber ist er, wie die meisten im Publikum wissen, schon mit 49.

Regisseurin Bettina Böhler ist im selben Jahr geboren wie Christoph Schlingensief, nämlich 1960. Ihr Name verbindet sich vor allem mit Regisseuren der Berliner Schule, also mit Christian Petzold, Angela Schanelec und Valeska Grisebach. Aber vor dieser Phase der vorzugsweise langen Einstellungen, des ruhigen, bedächtigen Rhythmus‘ hatte sie unter anderem zwei Filme von Schlingensief geschnitten, „Terror 2000“ (1992) und „Die 120 Tage von Bottrop“ (1997). Schon die Titel verraten, dass dies eine komplett andere Art von Kino war: experimentell, wild, verrückt. Ein Gewitter aus Provokation, schlechtem Geschmack und Tabubrüchen, formal alle andere als ruhig, sondern eine Herausforderung an die Montage, die das Chaos von Doppeldeutigkeiten, Anspielungen und Überblendungen zu bändigen hatte.

Eigentlich darf man nichts wörtlich nehmen bei Schlingensief. Jeder Satz kann bei ihm auch sein Gegenteil bedeuten, politische Aktion ist zuweilen identisch mit Selbstinszenierung, alles wird infrage gestellt, auch der Künstler selbst. Umso bewundernswerter ist es, wie Böhler diesen Wust an Widersprüchen, dieses Chaos an Abgründen und künstlerischer Selbsttherapie bändigt, ohne es zu zähmen. „Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien“ arbeitet, wie der Künstler selbst, mit Vieldeutigkeiten.

Und doch gibt Bettina Böhler dem Material auch eine chronologische Form, bietet Erklärungen und Einordnungen an, ohne sie dem Zuschauer vorzuschreiben. Die Montagekünstlerin verbindet die Komplexität zahlloser Widersprüche und eines „positiven Dilettantismus“ (Schlingensief) mit einer wohltuenden Rationalität und Strukturiertheit. Vielleicht hat sie sich dabei an der Theorie der sechs Kinder orientiert, mit der Schlingensief seinen Ängsten und Abgründen auf die Schliche zu kommen sucht, obwohl man auch hier nicht weiß, ob er das wirklich ernst meint. Jedenfalls geht die Theorie so: Seine Eltern hätten sich sechs Kinder gewünscht, aber nur ihn bekommen. Also müsse er sechs Kinder gleichzeitig verkörpern. Von denen tickten drei „sachlich“ und drei seien „balla-balla“.

Klar ist jedenfalls, dass Böhler ihrem früh verstorbenen Kollegen und Freund ein Denkmal setzen möchte. Das tut sie mit beeindruckender Souveränität und Meisterschaft über das Material. Nur eines hat sie in dem Bemühen übersehen, möglichst alle wichtigen Stationen des viel zu kurzen, aber künstlerisch exzessiven Lebensweges abzubilden: Schlingensief ist ein Selbstreflektierer und Selbstinszenierer, der sein Publikum mit staunenswerten Wortschwallen schwindelig redet. 124 Minuten Filmlänge entwickeln sich daher zur Überdosis. Was beim filmischen Dreisprung (Böhler zeichnet für Regie, Buch und Montage verantwortlich) eigentlich die Aufgabe der Cutterin sein sollte – nämlich das Kürzen -, ist der Regisseurin nicht vergönnt gewesen.

„Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien“ ist ein Porträt nicht nur für Fans des exzentrischen Provokateurs. Auch wer sich bislang nicht für die Filme und Theaterarbeiten des vorzugsweise mit Strubbelfrisur auftretenden Experimentalkünstlers interessierte, lernt in Böhlers Film einen Menschen kennen, der ähnlich wie Rainer Werner Fassbinder Politik und Gesellschaft stets kritisch hinterfragte. Und der in der Kunst einen Weg sah, seine inneren Dämonen produktiv nach außen zu lenken.

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Länge: 124 min

Kategorie: Documentary

Start: 01.06.2020

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Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 124 min
Kategorie: Documentary
Start: 01.06.2020

Bewertung Film: (7/10)

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