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Kids Run

Geschrieben von Peter Gutting am 5. März 2020

Kinder aus der Unterschicht haben es meist schwer im Film. Am erschütterndsten ist wohl die fiktive Handlung in „Das Kind“ (2005) der Brüder Dardenne. Ein junger Vater verkauft seinen neugeborenen Sohn. Dass es auch anders geht, davon ist Barbara Ott seit langem überzeugt. Bereits ihr preisgekrönter Kurzfilm „Sunny“ (2013) zeigte einen 17-Jährigen, der verzweifelt einen Job sucht, um seine kleine Familie ernähren zu können. In ihrem Debütspielfilm baut die Regisseurin das Motiv zu einem spannenden und berührenden Mix aus Drama und Boxergenre aus.

„Papa“, flüstert der kleine Junge, „da draußen schreit einer“. Papa ist sofort wach, nimmt den Kleinen in den Arm. Dann brüllt das Baby, wieder ist Papa zur Stelle. Eine Mama gibt es in dem allein erziehenden Haushalt nicht. Schnitt: Die kleine Familie tritt aus dem Haus. „Hey“, wird Papa angeraunzt, „zahl‘ endlich deine Miete“. Der Ton ist rau in der Plattenbausiedlung, das Milieu prekär. Papa kann die Familie mit seinen Gelegenheitsjobs nicht über Wasser halten. Trotzdem kommt es für ihn nicht in Frage, die beiden älteren Kinder zu ihrer überforderten, psychisch labilen Mutter zu geben. Und auch das Baby, das er mit einer anderen Frau hat, soll so viel Zeit wie möglich mit ihm verbringen.

Der allein erziehende Vater Andi, gespielt von Nachwuchsstar Jannis Niewöhner, ist alles andere als ein „Softie“. Er brüllt Sohn Ronny (Giuseppe Bonvissuto) gnadenlos an, wenn er morgens zu lange herumtrödelt. Und er verlangt von der kleinen Tochter Nikki (Eline Doenst), dass sie den Haushalt schmeißt, wenn Andi arbeiten muss. Der junge Mann taugt nicht zur Identifikation, vor allem wenn der stets brodelnde Vulkan voller Aggressionen wieder einmal explodiert. Aber genau das macht den Film und seinen Hauptdarsteller so faszinierend. Jede Sekunde kann alles passieren, von zärtlicher Berührung bis hartem Zuschlagen.

Eine rührt Andi aber garantiert nicht an. Das ist Sonja (Lena Tronina), die Mutter des Babys, die Andi zugunsten eines reichen Mercedes-Fahrers verlassen hat. Die Ex darf ihm die schlimmsten Vorwürfe machen: Dass er nichts auf die Reihe kriege, dass er nie für eine Familie werde sorgen können. Kurz: Dass ein stabiles Leben in einigermaßen geordneten Verhältnissen mit ihm nicht möglich sei. Ex-Boxer Andi steckt die verbalen Attacken weg wie einst die Schläge im Ring. Und er fasst einen Plan, vor dem ihn alle warnen. Um Sonja zurückzugewinnen und die Mietschulden zu bezahlen, will er wieder in den Ring steigen. Es locken 5000 Euro Preisgeld.

Was das bedeutet, zeigt die realistische Handkamera schon in der Eingangssequenz. Sie ruht auf den nackten Rücken, registriert jedes Muskelzucken, fängt unerbittlich den Knall ein, wenn ein schwerer Treffer den Kopf trifft, zoomt auf das Blut, das bis auf den Oberkörper spritzt, den Arm hinunterläuft. „Kids run“ ist ein körperbetonter Film in jeder Hinsicht. Wie der Titel schon sagt, sind Andi und die Kinder immer gehetzt. Sie laufen durch die trostlose Plattenbausiedlung, an der Leitplanke einer tosenden Straße entlang, sehen den Bus schon heranfahren, erwischen ihn im letzten Augenblick- oder auch nicht. Was Andi bewegt, kann man weniger seiner oft starren Miene entnehmen als vielmehr der Art, wie er geht, wie er sich auf den nächsten Kampf vorbereitet, wie er den Kopf einzieht bei Sonjas Anschuldigungen.

In ihrer genauen Milieuzeichnung geht es der Regisseurin (Jahrgang 1983), die nahe der tschechischen Grenze aufgewachsen ist, nicht um ein Sozialdrama im Sinne der Anklage. Statt auf das Elend zu fokussieren, nimmt sie das Potenzial in den Blick, das in Andi und Sonja steckt: die Kraft, es trotz aller Rückschläge immer wieder neu zu versuchen. Und vor allem: nie aus dem Blick zu verlieren, was für die Kinder das Beste ist. Dass Barbara Ott bei der Verfilmung ihres eigenen Drehbuchs Jannis Niewöhner als Hauptdarsteller gewinnen konnte, ist ein Geschenk für den Film. In einer Mischung aus Verletzlichkeit und innerer Stärke verleiht der Vaterdarsteller, der vor kurzem noch einen Sohn spielte (in „Jonathan“, 2016), dem Film ein irritierendes Flackern, ein vielschichtiges Labyrinth ganz unterschiedlicher, kaum bewusster Gefühle und innerer Antriebe.

„Kids run“ ist eine gelungene Mischung aus Familiendrama und Boxerfilm. Regisseurin Barbara Ott spürt dem neuen Verständnis der Vaterrolle in einem Milieu nach, wo man es am wenigsten erwarten würde. Mit dem überragenden Hauptdarsteller Jannis Niewöhner im Zentrum gelingt eine unterhaltsame, anrührende Charakterstudie.

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Copyright: Farbfilm

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Länge: 104 min

Kategorie: Drama

Start: 26.11.2020

cinetastic.de Filmwertung: (7/10)

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Kids Run

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 104 min
Kategorie: Drama
Start: 26.11.2020

Bewertung Film: (7/10)

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