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German & Jews – Eine neue Perspektive

Geschrieben von Peter Gutting am 22. März 2020

Dieser Film genießt die Gnade der frühen Geburt. Spätestens nach dem versuchten Massenmord an Juden beim Anschlag in Halle hätte man ihn so nicht mehr drehen können. Aber die Dokumentation von Janina Quint wurde bereits 2016 fertig gestellt. Sie steht unter dem Eindruck eines weltoffenen, liberalen Deutschlands, das gerade seine Tore für mehr als eine Millionen Flüchtlinge geöffnet hatte. Inzwischen hat sich die positive Sichtweise auf ein verändertes Verhältnis zwischen Deutschen und Juden mindestens eingetrübt. Juden haben wieder Angst im Land des Holocaust. Dennoch ist die dokumentarische Arbeit nicht vergeblich, sondern vielleicht wichtiger denn je. Denn sie zeigt, wie viel sich verändert hatte, bevor das Wiedererstarken des Antisemitismus das Rad der Geschichte ein Stück weit zurückdrehte.

Eine festlich gedeckte Tafel irgendwo in Berlin. Man hebt die Gläser, die Stimmung ist entspannt, freundlich, zugewandt. Die Gäste sprechen von sich, erzählen persönliche Geschichten, teilen Erinnerungen bis hin zu Traumata. Aber die meisten von ihnen kannten sich zuvor gar nicht. Und die Beziehung der Kulturen, aus denen sie stammen, ist ein wahres Minenfeld, gepflastert mit Schuld, Hass und Verdrängung. Noch immer ist es peinlich, über das Unfassliche zu sprechen, was vor mehr als 75 Jahren geschah. Dennoch tasten sie sich heran, die hier beisammen sitzen: deutsche Nicht-Juden, deutsche Juden, Kinder von Holocaust-Überlebenden, die nach 1945 im Land der Täter blieben, eingewanderte Juden aus Russland, bis hin zu Übersiedlern aus Israel. Es ist ein Gespräch, das nicht auf einen Nenner zu bringen ist. Zu schwierig, komplex und emotional sind die angerissenen Themen.

Organisiert haben dieses private Treffen zwei Filmemacherinnen aus den USA. Regisseurin (und Nichtjüdin) Janina Quint ist in Deutschland aufgewachsen, lebt mit ihrer Familie aber seit langem in New York. Produzentin Tal Recanati ist Jüdin, wurde in den USA geboren und wuchs dort sowie in Israel auf. Irgendwann unterhielten sich die beiden über ein Phänomen, das sie nicht mehr los ließ. Wie kann es sein, fragten sie sich, dass einerseits viele Juden noch große Vorbehalte haben, überhaupt einen Fuß nach Deutschland zu setzen, dass aber andererseits in Berlin gerade die am schnellsten wachsende jüdische Gemeinde außerhalb von Israel entsteht? Um die komplexe Entwicklung zu beleuchten, veranstalteten sie das besagte Abendessen. Das Gespräch war so interessant, dass es sich letztlich zum Filmprojekt weitete: mit zusätzlichen Einzelinterviews der Gesprächsteilnehmer sowie durch Statements von Experten, etwa dem inzwischen verstorbenen jüdischen Historiker Fritz Stern, dem ehemaligen Ratsvorsitzenden der evangelischen Kirche Wolfgang Huber und dem Sozialpsychologen Harald Welzer.

Trotz aller Wenn‘s und Aber‘s durchzieht den Film eine hoffnungsvolle Botschaft. Sie lautet, dass die Deutschen ihre Vergangenheit Schritt für Schritt aufgearbeitet haben, dass sich vor 70 Jahren niemand das moderne, weltoffene Berlin des Jahres 2015 hätte vorstellen können. Es ist eine Diagnose, die von außen kommt – das macht sie in dieser Deutlichkeit erst möglich. Wenn ein aus Deutschland vertriebener Jude wie Fritz Stern ein solches Lob äußert, stellt er den Deutschen natürlich keinen Persilschein aus. Der sogenannten Schlussstrich-Debatte wird im Film deutlich widersprochen. Aber ist es eben nichts, was dem Enkel eines Nazi-Großvaters über die Lippen kommen könnte.

Unterbrochen und überblendet werden die vielen, meist auf Englisch geführten und deutsch untertitelten Interviews mit visuell stimmungsvollen Aufnahmen vom jüdischen Leben in Berlin, von Friedhöfen, Mahnmalen und Versammlungsstätten. Das verschafft Verschnaufpausen in einer wortreichen, vom Bedürfnis nach dem großen Bogen getriebenen Bestandsaufnahme. Doch die visuellen Intermezzi reichen nicht, um den Eindruck zu widerlegen, dass weniger vielleicht mehr gewesen wäre: weniger Interviewpartner, weniger Redebeiträge, weniger geschichtliche Aspekte, stattdessen mehr Konzentration auf Einzelschicksale und noch persönlichere, noch intimere Erzählungen. Dennoch hat der Film seine Relevanz und Bedeutung. Ist doch der Blick auf das Verhältnis von Deutschen und Juden auf Täterseite oft von Verdrängung und Wegsehen getrübt, selbst in der zweiten und dritten Generation. Hier zeigen zwei Filmemacherinnen aus den USA, dass es anders geht. Dass man sich zusammensetzen und miteinander sprechen kann, wie vorsichtig, behutsam und peinlich berührt auch immer.

Die Dokumentation von zwei US-Filmemacherinnen lebt vom fremden, unbefangenen Blick. Sie schaut ein Stück weit aus der Ferne auf das erstaunliche Phänomen, dass sich heute in Berlin die am schnellsten wachsende jüdische Gemeinde außerhalb Israels bildet. In seinem Untertitel formuliert der Film die Hoffnung auf eine neue Perspektive im Verhältnis beider Völker. Diese Veränderung sensibel aufzuspüren und nachzuzeichnen ist ein Verdienst – gerade angesichts des aktuell wachsenden Antisemitismus.

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Copyright: WFilm

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Länge: 76 min

Kategorie: Documentary

Start: 16.05.2020

cinetastic.de Filmwertung: (6,5/10)

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German & Jews – Eine neue Perspektive

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 76 min
Kategorie: Documentary
Start: 16.05.2020

Bewertung Film: (6,5/10)

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