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Looking at the Stars

Geschrieben von Peter Gutting am 9. Februar 2020

Klassisches Ballett sieht federleicht aus, ist aber Produkt harter Arbeit und jahrelanger Disziplin. Es hat etwas zu tun mit perfekt synchronisierten Bewegungen und einem ganz eigenen Gefühl für den Raum. Kaum vorstellbar, dass man so tanzen könnte ohne das Sehvermögen. Und doch gibt es sie, die erste Ballettschule der Welt für Blinde. Die (sehende) Tanzlehrerin Fernanda Bianchini hat sie vor 25 Jahren in São Paulo gegründet. Welche lebensverändernden Erfahrungen sie dort ihren Schülerinnen und Schülern vermittelt, zeigt der Dokumentarfilm ihres Landsmannes Alexandre Peralta.

Immer an der Wand entlang, so tastet sich Geyza Pereira durch den Vorraum der Tanzschule vorwärts zur Trainingshalle. Dort nimmt eine Betreuerin sie bei der Hand, führt sie zur Übungsstange an ihren Platz neben den anderen Schülerinnen. Wenige Sekunden später schwebt sie durch den Raum und dreht sich anmutig um die eigene Achse. Nicht jedes Mal klappt die Pirouette, bei der Wiederholung verliert Geyza das Gleichgewicht und kommt ins Straucheln. Unverändert bleibt jedoch ihr Gesichtsausdruck: ein seliges Lächeln, eine tiefe Befriedigung auch im Scheitern.

Mit wenigen Bildern fängt Regisseur Alexandre Peralta ein, was die heute 33-Jährige Geyza so formuliert: „Tanzen hat mich verwandelt“. Natürlich ist die im Alter von neun Jahren durch eine Krankheit Erblindete im Alltag unsicher, muss sich vorsichtig durch ihre Wohnung tasten. Aber auf der Bühne ist sie in ihrem Element – eine Erfahrung, die aufs gewöhnliche Leben zurückwirkt. Eigentlich hätte es gar keines Interviews bedurft, das der Film nicht im klassischen Format „redender Köpfe“ zeigt, sondern den Tanz- und Straßenszenen unterlegt. Geyzas Erfahrung steckt in den ruhigen, klug komponierten Einstellungen, die die nonverbale Ausdruckskraft der kontrollierten körperlichen Expressivität genussvoll ausschöpfen. Dabei konnte der bereits 2016 fertiggestellte Film das jüngste Schicksal der tapferen jungen Frau nicht berücksichtigen, über das im Dezember 2019 eine TV-Dokumentation berichtete: Wie sie durch eine erneute Infektion des Gehirns, die beim ersten Mal zum Erblinden führte, ins Koma fiel und sich trotzdem zurück auf die Tanzbühne kämpfte.

Geyza ist so etwas wie das Aushängeschild der Schule, die erste blinde Ballerina und zwischenzeitlich sogar eine der 33 Tanzlehrer, die bis auf sie alle sehen können. Eine innige, zärtliche Freundschaft verbindet Geyza mit Fernanda, der Gründerin der Schule. Seit 17 Jahren tanzt Geyza bei Fernanda, und wenn man den beiden zusieht, kann man ahnen, worin die einzigartige, von der Gründerin entwickelte Methode der überwiegend durch Spenden finanzierten Schule besteht. Die wesentliche Kommunikation zwischen Lehrer und Schüler geschieht über Berührung. Will der Lehrer eine neue Bewegung einüben, so stellt er sich eng vor den Schüler. Mit den Armen und dem ganzen Körper vermittelt er, worum es geht. Dann wechseln sie die Position. Hinter der Schülerin stehend, korrigiert die Lehrerin die ersten Nachahmungsversuche.

Der Film beschränkt sich nicht auf Lehrmethoden und öffentliche Auftritte, die naturgemäß als Höhepunkte mit besonders eindrücklichen Bildern inszeniert sind. Es geht auch um das Leben und die Geschichte zweier Tänzerinnen, die die Kamera auch in intimen privaten Sphären zugelassen haben. Neben Geyza lernt der Zuschauer die vierzehnjährige Thalia kennen, ein von der Mutter umsorgtes Mädchen auf dem Weg zur jungen Frau und in die Selbstständigkeit. Besonders ihr begegnet der Film mit einer unverkrampften Normalität, als ein typischer Teenager mit all den Hoffnungen und Zweifeln, die die Schwelle zum Erwachsenenleben mit sich bringt. Thalia geht auf eine „normale“ Schule, sie ist eine von zwei Blinden in einer Klasse von Sehenden. Das bekommt sie zu spüren, ihre Mitschüler sind längst nicht so vorurteilsfrei wie der Film. Es zählt zu den berührendsten Momenten, wenn Thalia den Anfeindungen trotzt, indem sie sich auf ihre Stärken besinnt, das Tanzen und ihre Leidenschaft fürs Schreiben.

Trotz seines Interesses für persönliche Schicksale ist „Looking at the Stars“ auch ein Tanzfilm. Und zwar einer, der nur am Rande die unerbittliche Strenge streift, auf die das klassische Ballett nicht verzichten kann. Denn für die blinden Schülerinnen und Schüler geht es erst in dritter oder vierter Linie ums Leistungsprinzip. Viel wichtiger sind ihnen der eigene, geschützte Raum, in dem sie über sich hinauswachsen und etwas vollbringen, das ihnen niemand zugetraut hätte, vielleicht nicht einmal sie selbst. „Schau‘ nach oben, wo die Sterne sind“, sagt einmal eine Lehrerin, als sie die Kopfhaltung korrigiert. Sie meint es ganz wörtlich, aber der Film macht daraus auch eine Metapher. Wenn sie tanzen, erobern sich diese Menschen ein Stück vom Himmel.

„Looking at the Stars“ ist ein Tanzfilm, aber kein gewöhnlicher. Die visuell ausgefeilte Dokumentation über die weltweit erste Tanzschule für Blinde bietet zärtliche Einblicke in die Bedeutung, die klassisches Ballett und andere Tanzformen für die Persönlichkeitsentwicklung haben können. Besonders wenn es sich um Menschen handelt, die durch ein körperliches Handicap in ihrer Selbstständigkeit eingeschränkt sind.

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Länge: 90 min

Kategorie: Documentary

Start: 13.02.2020

cinetastic.de Filmwertung: (7,5/10)

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Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 90 min
Kategorie: Documentary
Start: 13.02.2020

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