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Über die Unendlichkeit

Geschrieben von Ronny Dombrowski am 16. Januar 2020

Der Schwede Roy Andersson zählt zu den eigenwilligsten Filmemachern der Gegenwart. Schon sein Lebenslauf ist ungewöhnlich. Nach dem Misserfolg des zweiten Spielfilms „Giliap“ 1975 legte er eine lange Pause ein, verdiente seine Brötchen in der Werbung und machte damit so viel Geld, dass er beim Langfilmcomeback im Jahr 2000 mit „Songs from the second Floor“ keine Kompromisse mehr eingehen musste. Damit fährt er bis heute gut, zumindest bei jenen, die seine ganz eigene Mischung aus skurrilem Humor und gedankenschwerer Tragik schätzen gelernt haben.

Der 76-Jährige ist ohne die Liebe zur Malerei kaum angemessen zu würdigen. Jede seiner späten Arbeiten versucht, der bildenden Kunst so nahe wie möglich zu kommen. Seine Einstellungen sind strenge Rahmen mit klar komponiertem Bildaufbau, in denen sich lange verweilen lässt. Oft bewegen sich nicht einmal die Schauspieler, alles ordnet sich der künstlerischen Wirkung stilisierter Tableaus unter. „Ich möchte wirklich Filme machen, die so ergiebig sein können wie Bilder“, erklärt Andersson im Interview des Pressehefts. Dabei sei er sogar eifersüchtig auf die in seinen Augen überlegenen Möglichkeiten der Malerei.

Allerdings vermag ein Bild im Museum wohl kaum einen so großen Bogen zu spannen wie folgende Szene aus „Über die Unendlichkeit“. Ein Student liest seiner Freundin aus einem Lehrbuch über Physik vor. Energie gehe nie verloren, wandle nur ihre Form, heißt es da. Das findet der junge Mann so fantastisch, dass er die Geliebte mit einem schrägen Geständnis konfrontiert. Vielleicht würden sich ihre Energien in Millionen Jahren erneut begegnen, diesmal vielleicht in Form einer Kartoffel. Wäre das nicht wunderbar? Daraufhin die Freundin: Ich wäre lieber eine Tomate.

Wollte man das Thema des Films in wenige Worte fassen, so könnte es im Kern in dieser einzigen Szene stecken. Es wäre nicht weniger als das Ganze der menschlichen Existenz, mit all ihrer Freude und Trauer, mit Liebe und Tod, Überschwänglichkeit und banalem Alltag. Aber dann hätte man eine knappe Zusammenfassung und nicht das, worauf es dem Künstler wirklich ankommt: auf die Art, wie die beiden einander gegenübersitzen, wie sich ihre Blicke nicht treffen, sondern jeder in seinen eigenen Kosmos versunken scheint. Und darauf, wie die Sichtbarkeit der kargen kleinen Bude die verborgene Romantik jungen Glücks in sich aufscheinen lässt.

Erstmals in seinem Werk setzt Roy Andersson eine Erzählerstimme ein. Das gibt ihm die Möglichkeit, auch auf die letzten Reste einer durchgehenden Handlung zu verzichten und noch episodenhafter zu erzählen als in seinen früheren Filmen. Der Regisseur vergleicht die weibliche Erzählerin mit Scheherazade aus den Märchen von Tausendundeiner Nacht. Der Frau aus dem Off gehen die Geschichten genauso wenig aus wie der orientalischen Erzählerin. Sie erhebt ihre Stimme bei jeder neuen Szene und macht klar, dass die nun zu sehende Einstellung äußerlich nichts mit der vorhergehenden zu tun hat. Was die neuen Akteure dennoch mit ihren Schicksalsgenossen aus den anderen lebenden Bildern gemein haben, darf sich der Zuschauer selbst zusammenreimen. Es ist eine Interpretationsaufgabe, die nie an ein Ende kommen wird. Die aber ihren Reiz aus dem wendungsreichen Humor des Regisseurs zieht – und aus der Frage, ob hinter einer scheinbar abschließenden Pointe nicht noch eine weitere Überraschung lauert.

Wer sich auf den eigenwilligen Stil Anderssons einlässt, wird nicht nur mit wunderschönen Bildern belohnt. Im Kosmos des Regisseurs regiert eine warmherzige Faszination für die Widersprüche, die Schönheit und manchmal auch die Absurdität der menschlichen Existenz. Mit distanzierter Ironie verfehlt man den Kern der ästhetischen Wahrheit ebenso wie im bloßen Warten auf den nächsten Lacher. Der ganze Reiz erschließt sich am besten mit einer offenen, zugeneigten Haltung. Dann kann man sich auch an den vermeintlich „kleinen“ Details freuen. Etwa an dem Vater, der seiner Tochter mitten im heftigen Regenguss mit Engelsgeduld die Schuhe zubindet – und dabei seinen Schirm weglegt, komplett nass wird, während das umhegte Töchterlein den eigenen Schirm behält. Oder an den drei Mädchen, die im Radio eines Gartenlokals besungen werden – und die dann tatsächlich ins Bild gelaufen kommen und so ausgelassen zu tanzen beginnen, wie es das Lied prophezeit hatte.

Auf den neuen Film von Roy Andersson passt das Prädikat „alles außer gewöhnlich“. Für Kinobesucher, die eine durchgängige Handlung erwarten, ist das eine große Herausforderung. Wer jedoch bereit ist, sich auf eine der ungewöhnlichsten Seherfahrungen der Filmgeschichte einzulassen, oder wer sich an den letzten drei Arbeiten des Schweden freuen konnte, wird bei „Über die Unendlichkeit“ sicher grenzenlos ins Schwärmen geraten.

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Länge: 78 min

Kategorie: Drama

Start: 19.03.2020

cinetastic.de Filmwertung: (7/10)

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Geschrieben von Ronny Dombrowski

Länge: 78 min
Kategorie: Drama
Start: 19.03.2020

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