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Lindenberg! Mach dein Ding

Geschrieben von Peter Gutting am 16. Januar 2020

Beim Thema „Udo“ mussten sich Musikliebhaber seit den 1970er Jahren entscheiden. Wer für Udo Lindenberg war, hatte für Udo Jürgens meist nur Spott und Hohn übrig. Interessanterweise sind die Lieder der beiden Künstler nun fast zeitgleich im Kino. „Ich war noch niemals in New York“ ist ein überdrehter Kreuzfahrttrip zu den Evergreens der zwölf Jahre älteren Schlagerikone, während „Lindenberg! Mach‘ dein Ding“ überwiegend im Heimathafen Hamburg vor Anker liegt. Die Filme mögen sonst wenig gemein haben, aber Komödien und Wohlfühlfilme sind sie allemal, auch jenseits der jeweiligen Fangemeinde.

Parallelmontage: Ein junger Mann will hoch hinaus, und das gleich zweimal. Erst läuft er über den Kamm einer Düne, dann steht er oben an der Bühnentreppe. Die Schnapsflasche in der Hand, kann er den Sturz weder hier noch da vermeiden. Er kullert hinunter, bleibt reglos liegen. Es sieht nicht gut aus. Doch der Trinker ist hart im Nehmen. Er steht auf, denn „Hinterm Horizont geht’s weiter“. Dort warten die spannenden Abenteuer des Lindenberg-Lebens. Die will der kleine Udo keineswegs verpassen.

Die Fallhöhe zwischen oben und unten umreißt den zentralen Handlungsstrang der unterhaltsamen Mischung aus Filmbiografie, Komödie und Musicalanleihen. Sie konzentriert sich auf den Udo ohne Hut (Jan Bülow), der 1946 im westfälischen Gronau geboren wurde und 1973 in Hamburg seinen Durchbruch als Rockstar feierte. In Zeitsprüngen aufgeraut, erzählt Regisseurin Hermine Huntgeburth den Aufstieg vom Jungen aus kleinen Verhältnissen zum Rockstar. Sie beleuchtet die schwierige Beziehung zum Vater (Charly Hübner), das innigere Verhältnis zur Mutter (Julia Jentsch), die Schwärmerei für die drei Jahre ältere Susanne (Ella Rumpf), die zur Inspiration für den Hit „Cello“ wurde, und die Streits mit Musiker-Kumpel und engem Freund Steffi Stephan (Max von der Groeben). Dabei trifft die Inszenierung den schnoddrigen Ton, der zum Markenzeichen des Musikers wurde, wie den Nagel auf den Kopf.

Im teils liebevoll, teils witzig rekonstruierten Zeitkolorit der 1970er verortet der Film die zentrale Botschaft „Mach‘ dein Ding“, die damals etwas anderes bedeutete als heute. Während die moderne Selbstoptimierungsgeste inzwischen zu zwanghafter Hysterie ausartet, hatte der kleine Udo in seinem unbändigen Freiheitsdrang noch mit veritabler Unfreiheit zu kämpfen. Auch der Film selbst kann sich nicht einfach über Grenzen hinwegsetzen, er wird eingeschränkt durch die Erwartungen der Fans, durch die Marktgesetze einer auf die Kinokasse schielenden Produktion und durch den selbst auferlegten Anspruch, den Film nur im Einverständnis mit dem zur Marke gewordenen Rockstar zu machen.

Innerhalb der gesetzten Grenzen nutzt „Lindenberg! Mach‘ dein Ding“ seine Freiheiten so klug wie „Bohemian Rhapsody“ (2018), an den er wegen des Zeitkolorits und des unbedingten Aufstiegswillens des Protagonisten erinnert. Regisseurin Hermine Huntgeburth und das Drehbuchteam halten sich zwar streng konventionell an das dramaturgische Muster der Heldenreise, aber sie lockern die Erzählform auf, indem sie die Chronologie verlassen und den Film mehr wie einen Song gestalten, mit Wiederholungen als Refrain, mit Leitmotiven und einem schrägen Grundton, der mehr über Udo Lindenberg erzählt als tausend Dialoge.

Mit dem bislang relativ unbekannten Jan Bülow haben die Filmemacher zudem ein Talent ans Set und ans Mikro geholt, von dem man sicher noch viel hören und sehen wird. Der Schauspieler singt Songs wie „Andrea Doria“, „Mädchen aus Ostberlin“ oder „Hoch im Norden“ selbst, ohne in eine reine Kopie abzugleiten. Seine Sprache ist frech und vernuschelt wie die des echten Udo, und doch bleibt seine Darstellung eine Interpretation, keine Imitation. Gerade in der Konfrontation mit Detlef Buck, der einen herrlich verkommenen Musikmanager spielt, oder im Duett mit Saskia Rosendahl, die die junge Ostberlinerin gibt, läuft Jan Bülow zu Hochform auf. Seine Energie und sein Draufgängertum lassen spüren, wie viel Spaß die Dreharbeiten gemacht haben müssen.

„Lindenberg! Mach‘ dein Ding“ erfindet die filmische Rockstarbiografie nicht neu. Aber die Komödie von Hermine Huntgeburth beweist innerhalb der Mainstreamgrenzen Mut, Kreativität und Herzblut. Dass im Rückblick ein Leben wie das von Udo Lindenberg schon an sich filmreif wirkt, lässt sich aufgrund der offenkundigen Heldenverehrung nicht vermeiden. Aber wer diese Vorgaben als Zuschauer akzeptiert, wird bei der Reise durch Udos frühe Jahre viel Spaß haben.

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Länge: 139 min

Kategorie: Biography, Music

Start: 16.01.2020

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Lindenberg! Mach dein Ding

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 139 min
Kategorie: Biography, Music
Start: 16.01.2020

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