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Intrige

Geschrieben von Peter Gutting am 16. Januar 2020

Was haben die Filmemacher Terence Malick und Roman Polanski gemeinsam? Auf den ersten Blick nichts. Der Amerikaner pflegt eine ausgefeilte Optik mit Hang zur Überstilisierung, der Pole hingegen stellt seine Bildsprache meist in den Dienst seiner immer spannenden und oft humorvollen Geschichte. Und doch fällt bei den neuesten Arbeiten der beiden Altmeister ein gemeinsames Motiv ins Auge: das Interesse an Männern, die konsequent ihrem Gewissen folgen. Bei Polanski ist dies der Offizier Marie-Georges Picquart, der eine wesentliche Rolle bei der antisemitischen Affäre um den angeblichen jüdischen Verräter Alfred Dreyfus spielte. Der Film greift die französische Staatskrise Ende des 19. Jahrhunderts auf, um ihr eine erstaunlich aktuelle Brisanz abzugewinnen.

Zwei Männer, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten: hier Alfred Dreyfus (Louis Garrel), fadengerade, ehrgeizig und obrigkeitshörig bis zum Kadavergehorsam. Dort Picquart (Jean Dujardin), lässig, selbstbewusst und lebenslustig. In einer ersten Begegnung beschwert sich Dreyfus über seinen Ausbilder Picquart, dass er ihm eine schlechte Note gegeben habe. Das könne nur damit zusammenhängen, dass Picquart etwas gegen Juden habe. Ja, er möge keine Juden, gesteht der Ausbilder. Aber er verbitte sich die Unterstellung, er verwechsle seine private Meinung mit dienstlicher Voreingenommenheit. Ein Wortwechsel, der klarmacht, für wie aufgeblasen Picquart den jungen Streber hält. Und wie wenig er mit ihm zu tun haben möchte.

Das Schicksal aber will es, dass Picquart von Dreyfus nicht loskommt. In den obersten Rängen des französischen Militärs gibt es 1895 einen Verräter, der Informationen an den deutschen Feind durchsteckt. Der Verdacht konzentriert sich auf vier Offiziere. Ohne große Untersuchung und mit schlampigen Indizien kommen Geheimdienst und Kriegsminister zum Schluss, dass es sich nur um den Juden Alfred Dreyfus handeln könne. Er wird unter dem Jubel des judenfeindlichen Mobs in lebenslange Haft und Verbannung geschickt.

Kurz danach muss der an Syphilis erkrankte Geheimdienstchef seinen Posten räumen. Picquart wird zu seinem Nachfolger berufen, obwohl er vom Spionage-Geschäft keine Ahnung und wenig Lust auf den Job hat. Aber Befehl ist Befehl. Und so ist es ausgerechnet Picquart, der auf Ungereimtheiten in den vermeintlich abgeschlossenen Ermittlungen gegen Dreyfus stößt. Damit bringt er seine Chefs in eine heikle Lage. Die wollen den Justizskandal vertuschen und bauen auf den grassierenden Judenhass der Bevölkerung. Ausgerechnet der private Antisemit Picquart wird nun zu einer Art Whistleblower, der sich im Gewissenskonflikt auf die Seite der Wahrheit schlägt.

Auch wer im Geschichtsunterricht wenig Interesse am Frankreich des 19. Jahrhunderts zeigte, ahnt, dass dieser Fall auf realen Geschehnissen basiert. Roman Polanski sieht sie durch die Brille des Romanautors Richard Harris, mit dem er schon bei „Der Ghostwriter“ (2011) zusammengearbeitet hatte. Dabei entwickeln beide (Harris ist bei „Intrige“ auch Drehbuchautor) ein ironisch funkelndes Faible für historisierende Details und Kuriositäten, die aus heutiger Sicht einfach nur lustig sind. So gibt es bei der Geheimdienstbehörde genau ein Telefon, das im Flur hängt und offenkundig selten benutzt wird. Das Abhören geschieht mit einem simplen Apparat, bestehend aus langer Schnur plus Ohrmuschel. Und der Portier, der das Haus der Militärgeheimnisse bewacht, leidet an notorischer Schlafkrankheit.

Hinter der historischen Fassade, die eine zurückhaltende Kamera in entsättigten Farben und düsterer Atmosphäre einfängt, steckt zugleich eine List. Indem er so tut, als sei er nur an einer Geschichtslektion über die moralische Krise der Dritten Republik interessiert, die im theatralischen „J’accuse“ des Schriftstellers Emile Zola gipfelte, überlässt es der Film dem Zuschauer, die Parallelen zur aktuellen Weltlage aufzudecken. Als da sein könnten: aufflammender Antisemitismus, Behinderung der Justiz, Verfolgung von Whistleblowern, Willkürherrschaft selbstherrlicher, obwohl demokratisch gewählter Regierungen. Eindeutig aus der filmischen Analyse herzuleiten sind solche Interpretationen nicht, man kann auch auf ganz andere Ideen kommen. Aber gerade diese Deutungsoffenheit macht den spannenden, humorvollen, herausfordernden Blick auf eine vergangene Epoche so charmant und raffiniert. Ein echter Polanski eben. Und einer von den guten, vergleichbar mit „Der Ghostwriter“.

„Intrige“ ist ein historischer Spionagethriller mit erstaunlich aktuellen Bezügen. Der aus einer jüdischen Familie stammende Polanski, dessen Mutter in Auschwitz ermordet wurde, spürt dem grassierenden Antisemitismus im ironisch gebrochenen Gewand des 19. Jahrhunderts nach, ohne das Unterhaltungsbedürfnis des Publikums zu vernachlässigen.

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Copyright: Weltkino

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Länge: 132 min

Kategorie: Drama, History, Thriller

Start: 06.02.2020

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Intrige

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 132 min
Kategorie: Drama, History, Thriller
Start: 06.02.2020

Bewertung Film: (8/10)

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