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Bombshell – Das Ende des Schweigens

Geschrieben von Peter Gutting am 31. Januar 2020

Die Me-Too-Bewegung wird hierzulande in erster Linie mit den Vergewaltigungs- und Missbrauchsvorwürfen gegen den Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein in Verbindung gebracht. Weniger bekannt ist der Skandal, der 2016, mehr als ein Jahr zuvor, den Fernsehboss Roger Ailes zu Fall brachte. Diesen ersten großen Erfolg der Me-Too-Bewegung hat nun der Regisseur Jay Roach nach einem Drehbuch von Charles Randolph („The big Short“) verfilmt.

Beim konservativen US-Sender „Fox News“, bei dem Frauen jahrzehntelang belästigt und missbraucht wurden, geht es zu, wie man sich das als Medien-Laie so vorstellt: Leute laufen wild durcheinander, gestikulieren und rufen sich über mehrere Abteilungen der Großraumbüros etwas zu. Da trifft es sich gut, dass Starmoderatorin Megyn Kelly (Charlize Theron) gerade eine Führung durch die Räumlichkeiten des Senders macht und ein wenig Ordnung in das Chaos bringt. An wen sich die einflussreiche Frau eigentlich wendet, wird zunächst nicht ganz klar, eine Besuchergruppe ist nicht in Sicht. Aber weil sie des Öfteren direkt in die Kamera spricht, dämmert es dem Zuschauer im Kinosessel. Diese Führung richtet sich speziell an ihn. So erfährt er, dass Senderboss Roger Ailes (John Lithgow) im zweiten Stock residiert, als eine Art übergriffiger Alleinherrscher, der sich bei seinen Besuchen in den Niederungen des Nachrichtengeschäfts Sprüche wie diesen leistet: „Ziehen Sie ein kürzeres Kleid an“. Ailes stellt grundsätzlich nur Frauen mit schönen Beinen ein. Und er macht, wie seit der Me-Too-Bewegung jeder weiß, noch viel sexistischere Dinge.

Das Hochhaus hat allerdings noch weitere Stockwerke. Ganz oben herrscht Medienmogul Rupert Murdoch (Malcolm McDowell). Und wenn man, wie Megyn Kelly, dem damaligen Präsidentschaftskandidaten Donald Trump ein paar unbequeme Fragen zu seinem Frauenbild stellen will, kann man sich mit etwas Glück bei Murdoch das Okay holen und muss sich nicht von Trump-Spezi Ailes in die Moderation pfuschen lassen. Indem der Film so weit ausholt, stellt er eine wichtige Sache klar: Es geht ihm nicht nur um die Schicksale dreier Frauen, sondern vor allem um ein System. Um das System sexistischen Machtmissbrauchs, das sich als so erschreckend „normal“ herausstellt, wie es auch bei Weinstein zutage trat. Und wie es vermutlich noch in unzähligen anderen Institutionen der Macht vorherrscht, die vor der Me-Too-Bewegung zittern.

Was dieses System mit den Ohnmächtigen macht, zeigt „Bombshell“ in aller Widersprüchlichkeit an drei Journalistinnen, die sich lange Zeit nicht anders zu helfen wissen, als sich auf die eine oder andere Weise mit den „Gegenleistungen“ für einen Karrieresprung zu arrangieren. Zwei von ihnen – Megyn Kelly und Gretchen Carlson (Nicole Kidman) – sind reale Personen, deren Lebenslauf man auf Wikipedia nachlesen kann. Die dritte – Kayla Pospisil (Margot Robbie) – ist eine fiktive Figur, deren Geschichte die Filmemacher bei ihren Recherchen aus den Berichten mehrerer Frauen zusammengesetzt haben.

Bleibt die Frage, wie sich die tagesaktuelle Debatte in ein unterhaltsames Filmformat übersetzen lässt. Voyeuristisch? Melodramatisch? Kämpferisch? „Bombshell“ entscheidet sich stattdessen für das Thrillerformat – und das, obwohl der Ausgang der Geschichte im Prinzip klar ist. Erstaunlicherweise verfährt der Film so ähnlich wie „The Big Short“, der Film über die Auslöser der Finanzkrise. Er deckt die Mechanismen auf, die ein – hier komplett anderes und einfacheres – System am Laufen halten, und sucht nach den Schwachstellen, die es zum Einsturz bringen. Und zwar in einer hektischen, schnell geschnittenen Montage unterschiedlicher Akteure und Perspektiven. Das führt streckenweise zu einem Overkill an Informationen. Immer neue Akteure treten auf, juristische Finessen spielen eine Rolle. Und der Gesamtkomplex, dessen Unübersichtlichkeit bei „The big Short“ der Sache geschuldet schien, wirkt zuweilen unnötig verkompliziert.

Ein Pluspunkt der filmischen Strategie ist sicherlich die enorme Spannung, die dadurch erzeugt wird. Zu den weniger erwünschten Nebenwirkungen zählt allerdings die hohe Dialogdichte, die manchmal eine nicht vorhandene Tiefgründigkeit vortäuscht – ganz einfach, weil der Zuschauer kaum nachkommt, das Gesagte auf sich wirken zu lassen. Statt von einem Wortgefecht zum anderen zu hetzen, hätte sich der Film noch intensiver auf die karrieretechnischen Zwickmühlen und moralischen Dilemmata seiner drei Protagonistinnen einlassen können. Und sich stärker auf die visuelle Kraft vielsagender Einstellungen verlassen, wie in dem schönen Bild, als sich das Trio zufällig im Fahrstuhl begegnet und man meint, die konkurrenzgetriebenen Gedanken lesen zu können: „Zu wem will die denn?“

Gemessen an den Risiken tagesaktueller Stoffe macht „Bombshell“ einen guten Job. Der Thriller über den Beginn der Mee-Too-Bewegung vermeidet Voyeurismus und stellt stattdessen die Systemfrage: Wie kann es sein, dass alle vom sexuellen Machtmissbrauch wissen und dennoch das böse Spiel mitspielen? Und was braucht es, um das System zum Einsturz zu bringen?

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Wir vergeben daher 7 von 10 Filmpunkten.

Copyright: Wild Bunch Germany

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Länge: 109 min

Kategorie: Biography, Drama

Start: 13.02.2020

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Bombshell – Das Ende des Schweigens

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 109 min
Kategorie: Biography, Drama
Start: 13.02.2020

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