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Vom Gießen des Zitronenbaums

Geschrieben von Peter Gutting am 5. Dezember 2019

Viele große Komiker spielen in ihren eigenen Filmen die Hauptrolle. Der frühe und mittlere Woody Allen ist dafür ein gutes Beispiel, aber auch Charlie Chaplin oder Buster Keaton. Um wirklich witzig zu sein, muss man eben jedes Detail kontrollieren können. Viel schmaler als das der Genannten ist das Werk des arabisch-israelischen Regisseurs Elia Suleiman. Zehn Jahre sind seit „The Time that remains“ vergangen. Aber das Warten hat sich gelohnt. Suleimans neue Tragikomödie ist ein ästhetisch ausgefeilter, hintersinnig böser Blick auf die Absurditäten unserer Zeit.

Die Szene ist ein Klassiker: Im Rückspiegel taucht ein Polizeiauto auf. Kein gutes Omen für einen Palästinenser, der durch israelisches Gebiet auf dem Weg zum Flughafen ist. Unvermeidlich setzen die Uniformierten zum Überholen an, aber was dann geschieht, sprengt alle Erwartungen. Der Wagen bleibt auf der linken Spur, direkt neben dem mutmaßlich Verfolgten. Doch die Polizisten interessieren sich überhaupt nicht für den Palästinenser. Sie veranstalten eine Art Modeschau mit Sonnenbrillen. Setzen sie auf, schauen in den Spiegel, reichen sie dem Beifahrer, tauschen sie, setzen wieder eine neue auf und können gar nicht genug kriegen. Was für friedliche, selbstverliebte Zeitgenossen – könnte man denken. Wenn da nicht der schlussendliche Kameraschwenk auf den Rücksitz wäre: Hinten sitzt eine Frau mit verbundenen Augen und gefesselten Händen.

Die Szene ist typisch für die Vielzahl von Sketchen, die Suleiman lose zu Spielfilmlänge verknüpft. Zum einen ist da der Regisseur und Hauptdarsteller selbst: ein staunender Zeitgenosse mit Strohhut, der kaum etwas sagt, nicht eingreift, regungslos dasitzt und keine Emotion zeigt, außer sich abgrundtief zu wundern. Dann gibt es das heitere, kuriose Element: Überraschungseffekte und Verfremdungen, die an etwas Bekanntem anknüpfen und es dann ins Groteske verzerren. Und schließlich ist da noch der bittere Nachgeschmack: die Erkenntnis, dass es sich eben doch nicht um einen Wohlfühlfilm handelt, der von der Lust lebt, Menschen für zwei Stunden aus ihrem Alltag zu reißen.

Umgekehrt könnte man sagen, „Vom Gießen des Zitronenbaums“ reiße einen in den Alltag hinein, und zwar auf eine angenehme, nicht bedrückende Art. Denn in den fremdartigen Situationen, die Elia Suleiman mit seinem Pokerface á la Buster Keaton betrachtet, scheint plötzlich etwas Vertrautes auf, etwas, das der Zuschauer mit seinem eigenen Leben verbindet, in einem freien, assoziativen, geistesblitzartigen Erkenntnismoment. Eine klassische Handlung brauchen diese fein ausgeklügelten, auf visuellen Witz gebürsteten Episoden nicht. Verbunden werden sie eher äußerlich durch die Reise des Hauptdarstellers von Nazareth nach Paris, New York und wieder zurück. Suleiman will in den Weltstädten Geld für seinen Film auftreiben. Aber man lässt ihn abblitzen. Für die palästinensische Sache – sein Herzensanliegen – gäbe es nur Geld, wenn das Drehbuch das Klischee vom unterdrückten, wütenden Volk bedienen würde. Eigenständiges, mehrdimensionales Denken wie im Film, den wir sehen, ist nicht gefragt.

Nicht jede kleine Episode mündet in einen Gag, das macht den Film wenig vorhersehbar. Aber jede dieser Miniaturen ist ein kleines Kunstwerk für sich. Ob es sich um das erstaunlich leere und altehrwürdig schöne Paris handelt, durch das plötzlich – in einer Straße im Hintergrund – ein Panzer rollt. Oder um einen Supermarkt in New York, in dem eine Frau mit Baby den Einkaufswagen schiebt und wie selbstverständlich ein Gewehr über der Schulter hängen hat (plötzlich schleifen alle irgendwelche Maschinengewehre oder Panzerfäuste mit sich herum). Oder ob im heimatlichen Nazareth der Nachbar unter scheinheiligen Ausreden recht ungeniert den fremden Zitronengarten okkupiert (wie die Israelis mit der Scheibchentaktik ihrer Siedlungspolitik). Jedes Mal ist es nicht das Was der Alltäglichkeit, sondern das Wie der künstlerischen Umsetzung, das den leisen Charme lakonischen Humors erzeugt. Schon in meist starren Kamerablicken lauert der abgründige Witz einer Welt, die aus den Fugen geraten ist – ausgezehrt durch wachsende Unsicherheit und einen ebenso wachsenden Polizeiapparat. Dabei muss man nicht unbedingt Suleimans Ansicht teilen, dass Palästina überall sei. Denn er hat seinen Film so deutungsoffen gestaltet, dass jeder Zuschauer sein ureigenes Absurdistan entdecken wird.

„Vom Gießen des Zitronenbaums“ ist ein Film für Freunde des leisen Humors. Voll von politischen Anspielungen, aber genauso erfüllt von den Absonderlichkeiten des modernen Alltags, ist der dialogarme Film ein Fest für die Augen. Regisseur Elia Suleiman hat jede Einstellung bis aufs Kleinste auf ihre humorvolle Abgründigkeit hin komponiert. Er selbst bleibt dabei als Hauptdarsteller ein verwunderter Beobachter, der den Zuschauer einlädt, gemeinsam den Kopf zu schütteln und den Humor als Waffe zu betrachten – gegen die Zumutungen einer absurden Welt.

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Länge: 97 min

Kategorie: Comedy

Start: 16.01.2020

cinetastic.de Filmwertung: (8/10)

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Vom Gießen des Zitronenbaums

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 97 min
Kategorie: Comedy
Start: 16.01.2020

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