cinetastic.de - Living in the Cinema

Sorry We Missed You

Geschrieben von Peter Gutting am 9. Dezember 2019

Auf seine alten Tage ist Ken Loach noch einmal richtig erfolgreich. Sein Film „Ich, Daniel Blake“ über die Absurditäten des britischen Sozialhilfesystems gewann 2016 die Goldene Palme in Cannes und wurde sogar im Parlament diskutiert. Nun bringt er wieder ein Sozialdrama über unhaltbare Zustände in die Kinos, nämlich über die Ausbeutung angeblich selbstständiger Paketboten. Es wäre zu wünschen, dass sich die Öffentlichkeit mit dem Skandal ebenfalls beschäftigt. Dann hätte der bekennende Sozialist wohl sein wichtigstes Ziel erreicht. Dennoch ist das neue Werk des 83-Jährigen kein reines Pamphlet, sondern bietet berührende und humorvolle Unterhaltung.

Es ist immer wieder erstaunlich, welche Wortschöpfungen die schöne neue Arbeitswelt kreiert. Eine sogenannte „Ich-AG“ konnte man vor einigen Jahren in Deutschland gründen, wenn man arbeitslos wurde und als letzten Ausweg das Ein-Mann-Unternehmen sah. Zwar hat sich die Idee gründlich blamiert und wird so nicht mehr weiterverfolgt. Doch das Wort „Selbstständigkeit“ behält seinen Reiz. Auch für Familienvater Ricky (Kris Hitchen), der bislang so ziemlich alles probiert hat, was Anpacken und harte Arbeit erfordert: Jobs als Klempner, Betonmischer, Straßenbauer und sogar als Friedhofsarbeiter. Seinen Traum, nämlich ein eigenes Haus für Frau und Kinder, hat er damit nicht erreicht. Sein eigener Herr zu werden, könnte die letzte Chance sein, das ersehnte Ziel doch noch zu erreichen. Und es könnte zu seinen Stärken passen: Fleiß, Einsatz, Zuverlässigkeit und keine Scheu vor Überstunden.

Ohne sich groß über die realen Verhältnisse schlau zu machen, bewirbt sich Ricky als selbstständiger Fahrer bei einem Paketdienst. Ob er den Lieferwagen mitbringt oder sich von der Firma leiht, fragt ihn der Boss (Ross Brewster). Ricky muss nicht lange überlegen. Kostet doch der Leihwagen 75 Pfund pro Tag und der Kredit für den eigenen Van „nur“ 400 Pfund im Monat. Dass Benzin, Verschleiß oder Reparaturen dann auf seine Kappe gehen, irritiert Ricky nicht. Er hat es immer geschafft, also wird er es auch diesmal hinbekommen.

Was Ricky nicht weiß, erfährt er am ersten Arbeitstag. Sollte er einmal krank sein, wird er nicht nur nicht bezahlt. Er muss auch einen Ersatzfahrer besorgen und zusätzlich 100 Pfund Strafe zahlen. Sollte er seinen mobilen Handscanner verlieren oder beschädigen, kostet ihn das 1000 Pfund. Und wenn er es öfter nicht schafft, die Pakete pünktlich im vorgeschriebenen Zeitfenster von einer Stunde abzuliefern, ist er seinen Job los. Natürlich sind das Fakten, die speziell für Großbritannien gelten. Doch wer einmal einen Zeitungsartikel über deutsche Paketdienste gelesen hat, weiß, dass Ausbeutung keine Grenzen kennt. Sondern nur immer neue und perfidere Modelle, die die Öffentlichkeit vom realen Geschehen abschirmen.

Natürlich kann man Ken Loach und seinem Drehbuchautor Paul Laverty vorhalten, dass sie sich für den Job von Rickys Ehefrau Abby (Debbie Honeywood) ein ähnlich perfides Arbeitsmodell ausgesucht haben. Die ambulante Krankenschwester wird nicht nach Stunden, sondern nur nach der Anzahl tatsächlich betreuter „Klienten“ bezahlt, gemäß einem sogenannten Zero-Hour-Vertrag. Dadurch wird die drohende familiäre Katastrophe recht vorhersehbar, wenn beide Eltern nun täglich 14-Stunden arbeiten und die elfjährige Liza Jane (Katie Proctor) sowie der pubertierende Seb (Rhys Stone) dann keinerlei Probleme mehr machen dürfen.

Aber der Blick hinter die Kulissen der Arbeitswelt ist selten geworden im Spielfilm. Somit ist es allein schon ein großes Verdienst, untragbare Missstände in populärer Form aufzudecken. Zudem würzt „Sorry we missed you“ die Handlung mit einer guten Portion Humor, ohne dass dies als kalkulierte Strategie der Auflockerung wahrnehmbar wäre. Seine hohe Überzeugungskraft und unsentimentale Emotionalität verdankt der Film aber der Auswahl und dem glaubhaften Zusammenspiel der Darsteller. Kris Hitchen und Debbie Honeywood stiegen beide erst mit 40 hauptberuflich ins Schauspielfach ein, haben also viel Erfahrung in anderen Berufen, Kris Hitchen zum Beispiel als selbstständiger Klempner. Das merkt man seinem Spiel in jeder Einstellung an. Seine „Echtheit“ als Vater, der mit harter Arbeit über die Runden kommen muss, sowie die Authentizität der anderen Familienmitglieder machen die Konstruiertheit der Ausgangslage über weite Strecken vergessen.

Wenn der Paketbote zweimal klingelt, geschehen in den prekären Arbeitsverhältnissen der Postmoderne ganz andere Dinge als im „Postmann“-Film vor fast 40 Jahren. Ken Loach fördert in seinem neuen Sozialdrama Zustände zutage, die der Internet-Besteller zwar ahnt, aber lieber verdrängt. Ohne den Zuschauer zu quälen, führt der Altmeister des britischen Realismus haltlose Arbeitsbedingungen vor Augen, die zum Nachdenken über das eigene Kaufverhalten zwingen.

  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1

Wir vergeben daher 7 von 10 Filmpunkten.

Copyright: NFP

Kommentare

Keine Kommentare vorhanden.

Mit Facebook Anmelden um zu Posten!

Anmelden

Länge: 101 min

Kategorie: Drama

Start: 30.01.2020

cinetastic.de Filmwertung: (7/10)

  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1

Leser Filmwertung: (nan/10)

  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10

Film bewerten!

Gewinnspiele

Gewinne Kinokarten, BluRays, DVDs,
Fan Packages und mehr!

Gleich mitmachen

Info

Sorry We Missed You

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 101 min
Kategorie: Drama
Start: 30.01.2020

Bewertung Film: (7/10)

  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1

Leser Filmwertung: (nan/10)

  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10

Film bewerten