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Romys Salon

Geschrieben von Peter Gutting am 5. Dezember 2019

Vor heiklen Themen hat die niederländische Kinder- und Jugendfilmregisseurin Mischa Kamp keine Scheu. 2014 erzählte sie mit „Jongens“ eine homosexuelle Liebesgeschichte unter 15-Jährigen – etwas, das es so noch nie im niederländischen Fernsehen zu sehen gab. Wegen der sensiblen Herangehensweise und dem unaufgeregten Ton des TV-Films interessierten sich auch Kinoverleiher für ihn und brachten das Drama in die niederländischen Lichtspielhäuser und auf internationale Festivals. In ihrer neuen Arbeit beleuchtet die Regisseurin das Thema Alzheimer bewundernswert feinfühlig aus kindlichem Blickwinkel.

Oma Stine (Beppie Melissen) kann die Geldscheine drehen und wenden, wie sie will – die Kasse ihres Frisörladens stimmt einfach nicht. Weil es natürlich nicht an ihren Rechenkünsten liegen kann, muss kurzerhand eine neue Kasse her. Die spuckt die Summe aus Einnahmen und Ausgaben auf Knopfdruck aus, wenn man denn klarkommt mit den neumodischen Dingern. Aber egal, Stine ist froh, dass die neue Rechenmaschine für die nächsten 20 Jahre halten wird, wie sie stolz ihrer Kundin verkündet. „Wollen Sie so lange arbeiten?“, lautet prompt die Frage. „Ich bin doch erst 69“, antwortet Stine empört.

Dass Oma schon in Rente sein könnte, interessiert Enkelin Romy (Vita Heijmen) wenig. Für die Zehnjährige ist entscheidend, dass Oma so abweisend und kratzbürstig ist. Die Geschäftsfrau kann es offenbar nicht lassen, auch im Privatleben Leute herumzukommandieren. Entsprechend reserviert ist das Verhältnis zu ihrer Tochter Margot (Noortje Herlaar) und deren Tochter. Romy sieht ihre Oma höchstens mal zum Haareschneiden. Ansonsten macht sie lieber einen Bogen um sie.

Das ändert sich, als Romys Vater Willem (Guido Pollemans) zuhause auszieht und Romys Mutter einen Vollzeitjob annehmen muss. Nach der Schule hat Romy ab sofort in den großmütterlichen Salon und die darüber liegende Wohnung zu gehen, egal, ob es den unmittelbar Betroffenen nun passt oder nicht. Oma und Enkelin fügen sich mürrisch der neuen Lage, wissen aber nichts miteinander anzufangen. Das ändert sich erst, als die neue Kasse den Laden ziert, mit der Romy als Kind des digitalen Zeitalters viel besser klarkommt als ihre Großmutter. Nach und nach weiß Oma Stine die Hilfe des kleinen Naturtalents zu schätzen – und zwar nicht nur in digitalen, sondern ganz alltagspraktischen Dingen, nämlich auch nach zwei Minuten noch zu wissen, was man gerade gesagt hat oder tun wollte.

Für das zehnjährige Mädchen hat Omis zunehmende Vergesslichkeit viele gute Aspekte. Die alte Dame wird nachsichtiger, erzählt mehr von alten Zeiten und sieht sich immer weniger als Respektsperson, eher als gute Freundin, mit der man viel Quatsch machen kann. Das ist der komödiantische Aspekt der Geschichte, den auch schon Til Schweigers „Honig im Kopf“ in einer anders gelagerten Konstellation weidlich ausgenutzt hat. Regisseurin Mischa Kamp haut allerdings nicht derart auf die Pauke wie Schweigers themenverwandte Komödie. Ihre Verfilmung des gleichnamigen Kinderbuchs von Tamara Bos, die auch das Drehbuch schrieb, hält sich ganz an die kindliche Perspektive. Natürlich wird hier und da das Tempo angezogen – etwa in der Montagesequenz einer ausgelassenen Shoppingtour – und selbstverständlich sollen vor allem die jungen Zuschauer etwas zu lachen haben. Aber „Romys Salon“ tut nichts allein um der Komödie willen, sondern bleibt nah an der Realität und dem, was ein Kind davon begreifen kann.

Austariert wird der komödiantische Aspekt zudem durch eine schonungslose Genauigkeit im Erleben der von Alzheimer betroffenen selbst: der schleichende Verlauf, die quälenden Fragen, die anfängliche Verdrängung, die Schmerzen der Erkenntnis, die unsägliche Angst, aber auch die heiteren Momente, wenn alte Menschen wieder wie Kinder werden. Oma-Darstellerin Beppie Melissen verleiht ihrer Figur eine beeindruckende Intensität und trägt viel dazu bei, dass der respektvoll fotografierte Film so grandios die Balance hält zwischen einem ernsten Thema und seiner leichten, wenn auch nicht verharmlosenden Verpackung. Obwohl eindeutig für Kinder geschrieben und inszeniert, entfaltet die genau recherchierte und realistische Tragikomödie auch für erwachsene Zuschauer ihren Reiz.

„Romys Salon“ ist ein weiteres Beispiel für die anhaltende Stärke des niederländischen Kinder- und Jugendfilms. Sein Stoff stammt aus der unmittelbaren Lebenswelt, er nimmt das kindliche Erleben ernst, ohne es mit Märchen- oder Abenteuerfantasien abzuspeisen. Regisseurin Mischa Kamp beweist einmal mehr, dass Unterhaltung und Realismus kein Widerspruch sein müssen.

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Copyright: Farbfilm

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Länge: 90 min

Kategorie: Drama

Start: 30.01.2020

cinetastic.de Filmwertung: (7,5/10)

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Romys Salon

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 90 min
Kategorie: Drama
Start: 30.01.2020

Bewertung Film: (7,5/10)

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