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Ein verborgenes Leben

Geschrieben von Peter Gutting am 5. Dezember 2019

„Der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir“ waren zwei Dinge, die den Philosophen Immanuel Kant nicht nur erfreuten, sondern zum Nachdenken anregten. Ähnliches kann man vom Filmemacher Terence Malick sagen, dem philosophischsten unter den lebendenden Regisseuren. Die Natur hat es dem öffentlichkeitsscheuen US-Amerikaner in fast allen seinen Filmen angetan. Sie wird überhöht, gefeiert, in ihrer Schönheit zelebriert. So auch in Malicks berührendem neuen Werk, das auf der Lebensgeschichte des eher unbekannten Nazi-Gegners Franz Jägerstätter basiert. Der österreichische Bauer verweigerte im März 1943 den Wehrdienst und wurde im August desselben Jahres von den Nazis ermordet. Er berief sich dabei auf sein Gewissen. Ein Fakt, den Malick zu einer grundlegenden filmischen Studie über jenen faszinierenden „inneren Gerichtshof“ jedes Menschen ausbaut.

Über den Wolken – das meint in Malicks Film nicht das Flugzeug, sondern das österreichische Bergdorf Sankt Radegund, in dem Jägerstätter (August Diehl) mit seiner Frau Fani (Valerie Pachner) lebte. Imposante Felsspitzen (gedreht in Südtirol), sattgrüne Wiesen, wogende Kornfelder. Eine Familie, die eins ist mit sich selbst und der Gemeinschaft. Die zusammen arbeitet, feiert und betet. Die herumtollt und die Arbeit auf dem Feld als Berufung begreift, als ein Glück, hier oben zu leben und auf die Wolken herabschauen zu dürfen, dem Himmel so nah. Keine Spur von Gottes Verfluchung: „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen“. So wie die schwebende, sanft bewegte Kamera von Jörg Widmer diese Landschaft und ihre Menschen verehrt, darf man sich getrost das Paradies vorstellen.

Wie im Paradies muss man sich über Gut und Böse keine Gedanken machen. Aber die Dinge ändern sich und die Weitwinkelobjektive der Kamera – eine durchgehende stilistische Eigenheit – zeigen die Menschen nun weiter voneinander getrennt, als das menschliche Auge sie wahrnehmen würde. Was zuvor für das Eingebettetsein des Menschen in seine Welt stand (selbst in Großaufnahmen ist immer auch die Umgebung im Bild), wird nun zur Metapher auf eine zerfallende, auseinanderbrechende Gesellschaft. Franz Jägerstätter war zwar schon 1940 kurz beim Militär und hatte damals auch den Eid auf Hitler geleistet. Aber was er in den wenigen Wochen sah, bevor er wegen der Unabkömmlichkeit auf seinem Hof wieder heimdurfte, wühlt sein Gewissen auf: „Sie töten Unschuldige und überfallen ein Land nach dem anderen“. Für ihn ist klar: Bei einem erneuten Einberufungsbefehl wird er keinen Eid auf Hitler mehr leisten. Das führt zu Zerreißproben der Dorfgemeinschaft und zeitweise auch der Ehe. Aber es bedeutet für den Franz Jägerstätter, wie ihn Malick sieht, eine innere Reise ans Licht, während ihn im Äußeren sein Weg in die Hölle führt.

Im Unterschied zu anderen Widerstandskämpfern hält sich der Franz Jägerstätter des Films nicht an weltanschaulichen Überzeugungen fest. Nicht einmal die katholische Kirche, in der er ehrenamtlich den Messdienst versieht, gibt ihm Halt und Rückendeckung. Letztlich besteht seine tiefe religiöse Überzeugung in einem einzigen Satz: Gott hat uns den freien Willen gegeben, damit wir unserem Gewissen folgen. Ganz im Sinne von Kant zeigt sich das Gewissen umso reiner, je mehr es einhergeht mit Verzicht auf körperliche und seelische Bedürfnisse, bis hin zum Verlust des Lebens. Das ist die Erfahrung und der Prozess, den Jägerstätter durchmacht, und allein der innere Weg zur selbstbestimmten Freiheit rechtfertigt die Filmlänge von fast drei Stunden bei äußerlich überschaubarer Handlung. Es ist, als würde man das Leben Jesu Christi verfilmen, mit dem kleinen Unterschied, dass von Christus die Worte „Mein Gott, warum hast du mich verlassen“ überliefert sind. Franz Jägerstätter dagegen verzweifelt nicht, nicht einmal in der dunkelsten Stunde.

Der Zuschauer sieht somit zwei Filme in einem, die eng miteinander verzahnt sind. Der eine handelt von der historischen Person, die von August Diehl überragend verkörpert wird in einer Bescheidenheit und Demut, die man von dem eher auf missionarische Helden festgelegten Schauspieler („Der junge Karl Marx“, 2017) kaum erwartet hätte. Der andere reflektiert die überzeitliche und grundsätzliche Bestimmung des Menschen, sich nach einem inneren Kompass zu richten, selbst wenn dies äußeres Unglück, Misshandlung und Tod mit sich bringt. Beides wird in einer Wucht und Bildgewalt miteinander verwoben, dass sich die Frage des Zuschauers nach Gewissensentscheidungen in seinem eigenen Leben kaum vermeiden lässt. Fluchtwege wie die des historischen Abstands oder einer religiösen Einstellung, die man nicht teilt, verschließt „Ein verborgenes Leben“ mit eindringlicher Konsequenz.

Selten war der Hinweis auf wahre Geschehnisse so wichtig wie bei „Ein verborgenes Leben“. Die Wirklichkeit verleiht Terence Malicks philosophischer Reflexion auf das Gewissen Bodenhaftung. Ohne das großartig zurückgenommene Spiel von August Diehl und Valerie Pachner müsste man den bildgewaltigen, religiös grundierten Film von Terence Malick ins Reich der Heiligenlegenden verweisen. In dem engmaschigen Netz aus historisch verbürgter Wahrheit und einer zeitlosen Grundbestimmung des Menschseins entsteht jedoch der bislang zugänglichste von Malicks philosophischen Filmen.

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Länge: 173 min

Kategorie: Biography, Drama, Romance

Start: 30.01.2020

cinetastic.de Filmwertung: (7,5/10)

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Ein verborgenes Leben

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 173 min
Kategorie: Biography, Drama, Romance
Start: 30.01.2020

Bewertung Film: (7,5/10)

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