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Als wir tanzten

Geschrieben von Peter Gutting am 5. Dezember 2019

Premiere unter Polizeischutz: Als der neue Film des aus Georgien stammenden Schweden Levan Akin in Tiflis gezeigt wurde, verletzten homophobe Demonstranten zwei Ordnungshüter. Eine bessere Werbung für das Tanzdrama um eine schwule Liebe lässt sich kaum denken, zumindest in westlichen Ländern, wo keine ähnlichen Proteste drohen. Aber es ist nicht das Politikum, das das Werk herausragen und in die Nähe eines Klassikers wie „Billy Elliot – I will dance“ (2000) rücken lässt. Es ist die visuelle Meisterschaft, in der die Faszination für den Tanz mit einer genauen Sozialstudie und einer Kritik traditioneller Männerbilder verschmilzt.

Wenn Merab (Levan Gelbakhiani) den traditionellen georgischen Volkstanz zelebriert, ist die Kamera immer nah bei seinem Gesicht. Mehr als für alles andere interessiert sie sich für das innere Feuer, das den Tanzschüler antreibt. Für seinen Ehrgeiz, seine eiserne Disziplin, aber auch für die tiefe innere Erfüllung, die ihm die tägliche Quälerei bedeutet. Merab scheint dann alles um sich herum zu vergessen, sich komplett aufzulösen in den athletischen Sprüngen, den kunstvollen Drehungen und den eleganten Figuren seiner Armbewegungen. Der junge Mann tanzt seit seiner Kindheit mit Mary (Ana Javakishvili) zusammen. Aber man muss die beiden nur wenige Sekunden vergleichen, um den Unterschied zu spüren: hier routinierte Vollendung, Frucht jahrelangen Trainings, dort lodernde Leidenschaft. Klänge es nicht so kitschig, würde man sagen, Merab tanze um sein Leben.

Merkwürdigerweise kann das jeder spüren, nur der Lehrer nicht, der die jungen Leute auf eine Karriere im Georgischen Nationalensemble vorbereitet. Ihm ist der schmächtige Merab nicht männlich genug, „zu lasch“ für eine uralte Mischung aus Volkstanz und Ballett, in dem die Männer kriegerische Posen mit Leichtigkeit auf Zehenspitzen kombinieren. In keiner anderen Tanztradition würde man Merab sein unübersehbares Talent für das Grazile, das leicht Feminine zum Vorwurf machen. Dabei ist ihm selbst ist gar nicht bewusst, was seine Anmut jenseits des körperlich Fragilen ausmacht. Das ändert sich, als Irakli (Bachi Valishvili), der Neue aus der Provinz, den Trainingssaal, betritt. Mit seiner nonchalanten Männlichkeit wird er nicht nur Merabs Konkurrent um die Hauptrolle, sondern auch Objekt seines bislang schlummernden Begehrens.

Regisseur Levan Akin erzählt die behutsame Annäherung der beiden Männer mit zärtlicher Sinnlichkeit, als Naturereignis, das wie selbstverständlich über zwei Verliebte gleichen Geschlechts hereinbricht. Wie in einer Blase, wie losgelöst von dem feindlichen Umfeld haben Levan und Irakli nur noch Blicke füreinander, obwohl die Nebenstränge der Filmhandlung eindringlich vor der Gefahr warnen. Doch die Körper der Liebenden haben dafür weder Augen noch Ohren. Sie tanzen miteinander, selbst wenn sie gerade nicht trainieren. Und immer dann, wenn auch noch Musik erklingt und die Körper sich in der Sprache des Tanzes ausdrücken dürfen, entlädt sich die Spannung in einem Furioso der Emotionen.

Levan Gelbakhiani, der Darsteller des Merab, ist kein gelernter Schauspieler, sondern Tänzer. Trotzdem wurde er völlig zu Recht bei mehreren Festivals als bester Schauspieler ausgezeichnet und wurde für den Europäischen Filmpreis nominiert. Man muss ihm nur dabei zuschauen, wie er nach Hause geht, als ihm zum ersten Mal klar ist, dass seine Gefühle erwidert werden. Mit welcher Leichtigkeit er da übers Pflaster schwebt, wie sein Lächeln genährt wird von einem Überschwang, der durch nichts zu erschüttern ist. So schön ist das innere Leuchten der ersten Verliebtheit schon lange nicht mehr auf der Leinwand entzündet worden.

Dabei erschöpft sich „Als wir tanzten“ keineswegs in der relativ jungen Konstellation „boy meets boy“. In jeder Einstellung wird auch die Neugier deutlich, mit der Regisseur Levan Akin in das Land seiner Wurzeln gereist ist. Der Filmemacher bewahrt sich einen unvoreingenommenen, fast kindlichen, aber keineswegs naiven Blick. Er findet in der Tradition des Volkstanzes einen visuell bestechenden Zugang zu den kulturellen Wurzeln in all ihrer Widersprüchlichkeit. Und er registriert sehr genau die Unzufriedenheit mit der sozialen und wirtschaftlichen Lage, die Sehnsüchte nach dem Verlassen des Landes in Richtung Westen. Aber auch dies ist ein komplexes Gefühl, das sich vor allem in der Figur von Merabs Tanzpartnerin und Freundin Mary verdichtet. Deren Familie hat einmal in England gelebt. Mary raucht deshalb britische Zigaretten und bietet sie freigiebig feil, immer mit dem Hinweis, dass sie viel besser schmecken als die hiesigen. Irgendwann wundert sich Merab über den schier endlosen Vorrat. Da bekennt Mary, dass in der ausländischen Packung längst heimische Kippen stecken. Allein die Vorstellung des Fremden hilft ihr, das Leben Zuhause besser zu genießen.

„Als wir tanzten“ ist mehr als nur ein schwuler Coming-Out-Film in einem homophoben Land. Der schwedische Regisseur Levan Akin vereint die Neugier auf die Heimat seiner Eltern mit einer komplexen Kulturstudie und einer visuellen Meisterschaft, in der widersprüchliche Gefühle in einer sinnlichen Schwebe gehalten werden: die Liebe zu den kulturellen Wurzeln und die Gewissheit, dass die Heimat ein feindlicher Ort ist.

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Copyright: Salzgeber

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Länge: 110 min

Kategorie: Drama, Romance

Start: 01.07.2020

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Als wir tanzten

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 110 min
Kategorie: Drama, Romance
Start: 01.07.2020

Bewertung Film: (8/10)

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