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Der geheime Roman des Monsieur Pick

Geschrieben von Peter Gutting am 17. November 2019

Die französische Leichtigkeit ist sprichwörtlich, wurde im Kino aber zuletzt schamlos missbraucht. Nach den großen Komödienerfolgen wie „Ziemlich beste Freunde“ brachten die Verleiher jahrelang Nachahmerprodukte auf den deutschen Markt, die den speziellen Touch wortgewandter Spritzigkeit durch schale Wiederholungen bis zur Unkenntlichkeit entstellten. Seit einiger Zeit hat sich das Blatt glücklicherweise wieder gewendet, die Originalität des französischen Humors feiert ihr Comeback. Zum Beispiel in der Krimikomödie von Rémi Bezançon („C’est la vie – So sind wir, so ist das Leben“, 2008).

Das Ende der Welt – so lässt sich der Name für das bretonische Département Finistère ganz im Nordwesten des Landes übersetzen. Hier sind die Menschen meist mit dem Rad unterwegs, schauen aufs Meer, lassen sich die Haare von Wind zerzausen. Im fernen Paris dagegen hocken sie in vornehmen Wohnungen, vollgepackt mit Büchern. Oder sie lungern auf Partys, zuweilen gar in TV-Shows herum, wo sie scharfzüngige Kommentare von sich geben, immer auf der Jagd nach dem nächsten angesagten Trend. Die Trennung der Welten könnte nicht trefflicher zugespitzt werden als in einem Dialog zwischen der Bretonin und dem Pariser, der sich über die Literatur in den Regalen der Provinzfrau wundert. „Sie dachten wohl, dass man auf dem Land nicht liest“, sagt sie. Darauf er: „Im Gegenteil, Sie haben ja sonst nichts zu tun“.

Na klar, könnte man denken, schon wieder dieser Zusammenprall der Kulturen. Doch weit gefehlt. Der Humor in „Der geheime Roman des Monsieur Pick“ speist sich aus vielen Quellen. Die wechselseitigen Vorurteile von Bretonen und Parisern sind lediglich ein willkommener Mitnahmeeffekt für den eigentlichen Clou der Geschichte: In einem kleinen Dorf des Finistère existiert eine „Bibliothek der abgelehnten Bücher“. Tausende Manuskripte hat ein verschmähter Autor und Bibliothekar hier gesammelt, aber seit Jahren interessiert sich niemand dafür, nicht einmal die kaputten Lampen des Archivraums wurden nach dem Tod des Rächers verkannter Genies repariert. Als jedoch die junge Pariser Verlegerin Daphné (Alice Isaaz) und ihr erfolgloser Schriftstellerfreund Frédéric (Bastien Bouillon) beiläufig von der mysteriösen Bibliothek erfahren, ist die Neugierde geweckt. Die ehrgeizige Daphné entdeckt hier den titelgebenden Roman von Henri Pick, eines vor zwei Jahren verstorbenen Pizzabäckers. Die Liebesgeschichte wird sofort ein Knüller, ganz Paris ist hin und weg von der Schreibkunst des verkannten Genies. Nur Literaturpapst Jean-Michel Rouche (Fabrice Luchini) lässt sich von der grassierenden Euphorie nicht anstecken.

Jean-Michel kann einfach nicht glauben, dass jemand, den seine Frau nie hat lesen sehen, ein Werk mit feinen Anspielungen auf Vorbilder wie Alexander Puschkin verfasst haben könnte. Der ebenso gefürchtete wie verehrte Kritiker tritt in seiner TV-Sendung einen Skandal los, als er die Autorschaft von Henri Pick öffentlich bezweifelt. Der Widerspruchsgeist kostet ihn seinen Job, seine Frau verlässt ihn, die ganze Welt lacht nur noch über den Verfechter der altmodischen These, dass große Kunst nicht zwischen zwei Pizzen aus dem Ärmel zu schütteln sei. Aber Jean-Michel lässt nicht locker. Wie ein Besessener macht sich der Hobby-Detektiv auf die Suche nach dem wahren Autor – er hat ja jetzt Zeit. Unerwartete und ziemlich widerspenstige Unterstützung bekommt er von Joséphine Pick (Camille Cottin), der eingangs zitierten Bretonin und Tochter des Pizzabäckers.

Dem Krimiplot verdankt die Verfilmung des gleichnamigen Romans von David Foenkinos ihre Spannung. Aber die eigentliche Stärke der Komödie liegt in einem feinen Sinn für episodische Miniaturen, kleinen Geschichten am Rande der detektivischen Reise, die Regisseur Rémi Bezançon mit einem je eigenen Charme ausstattet. Mal spielen die wundersamen Begegnungen ins Gruselhafte, mal ins Mysteriöse, mal ins Romantische. Zusammengehalten werden sie von einem Schuss lakonischer Ironie, die sich über niemanden lustig macht, aber auch nichts wirklich ernst nimmt. Daher läge man falsch, wenn man die Komödie auf einen Thesenfilm über den Zeitgeist reduzieren würde, gemäß dem große Literatur nur dann auf den Bestsellerlisten landet, wenn sie marketingmäßig in eine rührende Geschichte über heimlich schreibende Autoren verpackt wird. Dieses Sinnieren über die Irrungen des modernen Superstar-Kultes – Talent hat angeblich jeder – steckt zwar durchaus in der unterhaltsamen Bücherwurm-Komödie, doch nur als einer von vielen anderen Denkanstößen, und zudem ganz ohne Moralkeule.

Regisseur Rémi Bezançon spielt in „Der geheime Roman des Monsieur Pick“ sein Talent fürs Episodische aus. Er führt eine ganze Menge Figuren zusammen und lässt mehrere Themen anklingen, um sie in einer verblüffenden Harmonie von schrägen und heiteren Tönen zusammenzuführen. Die spitzen Dialoge und die ebenso explosive wie knisternde Chemie zwischen Fabrice Luchini und Camille Cottin versprühen Esprit und Eleganz, wie sie (fast) nur die Franzosen beherrschen.

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Länge: 100 min

Kategorie: Comedy, Drama

Start: 26.12.2019

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Der geheime Roman des Monsieur Pick

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 100 min
Kategorie: Comedy, Drama
Start: 26.12.2019

Bewertung Film: (7,5/10)

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