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Crescendo – #makemusicnotwar

Geschrieben von Peter Gutting am 17. November 2019

Das klassische Orchester ist ein oft bewundertes Phänomen: Eine Vielzahl von Menschen kreiert ein harmonisches Ganzes. Auch im Film dient die Brücken bauende Kraft der Musik oft als Metapher für Verständigung und humanen Fortschritt. Man denke etwa an „Kinshasa Symphony“ (2010) und viele andere Dokumentar- und Spielfilme. Der aus Israel stammende, seit langem in Deutschland lebende Regisseur Dror Zahavi nimmt nun den Palästina-Konflikt zum Aufhänger eines Musikprojekts. Im wirklichen Leben gibt es dafür das Vorbild des Dirigenten Daniel Barenboim, der vor 20 Jahren das „Orchester des west-östlichen Divans“ gründete, zu gleichen Teilen aus Israelis und Arabern bestehend. Zahavis fiktive Handlung spielt darauf an, löst sich aber von dem Vorbild, um eine spannende Frage zu stellen: Kann es überhaupt gelingen, junge Menschen beider Völker gemeinsam musizieren zu lassen? Oder ist die humanistische Mission zum Scheitern verurteilt?

Aus dem Fenster tönen die „Vier Jahreszeiten“ von Vivaldi, aber auf der Straße kümmert sich niemand um das anspruchsvolle Werk des italienischen Komponisten. Es tobt eine bürgerkriegsähnliche Schlacht in dem palästinensischen Ort, in dem die junge Layla (Sabrina Amali) Geige übt. Wie besessen lässt sie den Bogen über die Saiten fliegen, auch dann noch, als von der Straße her schon Tränengas ins Zimmer weht. Die junge Frau trotzt der politischen Lage mit eiserner Willenskraft. Sie schließt das Fenster, zerschneidet eine Zwiebel, atmet deren Dämpfe ein, lindert so die Atemnot – und widmet sich wieder ihrer Violine.

Nimmt man nur diese Szene, könnte man dem israelischen Regisseur Parteilichkeit für die Palästinenser unterstellen. Aber das täuscht. Sein Film stellt die Sichtweisen beider Kontrahenten wie ein neutraler Schiedsrichter vor. Alle Argumente kommen zur Sprache, jede Seite darf ihr Anliegen mit gleicher Leidenschaft und in einem ausgewogenen Verhältnis von Filmminuten ausbreiten. Dass das so ist, hängt mit der Konstruktion der Geschichte zusammen. Als unparteiischer Vermittler soll der weltberühmte deutsche Dirigent Eduard Sporck (Peter Simonischek) im Rahmen von Nahost-Friedensverhandlungen – sozusagen als kulturelles Beiprogramm – ein Orchester formen, das zu gleichen Teilen aus jungen Palästinensern und jungen Israelis besteht. Der Mann ist skeptisch, lässt sich aber breitschlagen.

Ein erstes Vorspiel findet in Tel Aviv statt. Dort schäumen die Konflikte sofort über. Also verlegt man die Proben nach Südtirol, in eine abgeschiedene Idylle, bewacht nur von den majestätisch thronenden Gipfeln der Dolomiten. Trotzdem: „Gute Luft allein wird nicht reichen“, befindet Sporck, den Leylas Vater nur den „Porsche“ auf dem Gebiet der Musik nennt. Der sanfte Autorität verströmende Dirigent versucht es mit deeskalierender Gruppenarbeit, die zuweilen an therapeutische Übungen erinnert.

„Crescendo – #makemusicnotwar“ tut viel, um der kitschverdächtigen Illusion entgegenzuwirken, mit Musik gehe alles besser. Er lässt beide Seiten mit voller Wucht ineinander krachen, lässt sie in einer sehenswerten gruppendynamischen Übung all ihre Wut herausschreien, untermauert die Unversöhnlichkeit mit visuellem Einfallsreichtum und findet in der ausgleichenden, väterlichen Figur von Sporck einen Skeptiker, der das mögliche Scheitern immer mitdenkt.

Dennoch lässt der Film die pazifistische Botschaft seines Untertitels wie eine Fanfare erklingen. Ebenso wie in der Musik die Anweisung „Crescendo“ für „lauter werden“ steht, setzt auch der Film auf Steigerung. Der in Bildern, Dialogen und einer naiven Liebesgeschichte steckende Ruf nach Vernunft, Verständigung und Frieden wird unüberhörbar. Leise Töne bleiben auf der Strecke. Eine Melodie, die sich der Zuschauer selbst aus Zwischentönen zusammensetzen könnte, geht im Fortissimo humanistischer Trompeten unter.

Man mag den pazifistischen Überzeugungswillen als Predigt für die Überzeugten empfinden. Ernstlich kritisieren kann man ihn nicht. Wer für die gute Sache Propaganda macht, muss ästhetische Einwände nicht fürchten. Deshalb wird man dem berührenden Drama seine friedensbewegte Naivität nachsehen, wenn man nicht auf der Seite von Kriegstreibern steht. Es ist eben dieser Traum, der besonders in Deutschland gerne geträumt wird, weil er Schuldgefühle besänftigt: Dass die Juden wenigstens in Israel in Ruhe leben dürfen. Dass sie dort weder Opfer noch Täter sind.

„Crescendo – #makemusicnotwar“ ist ein bewegendes Polit- und Musikdrama, das in seinen stärksten Momenten die Kraft der Musik über den wortreichen Austausch weltanschaulicher Argumente stellt. Er lässt in der Abgeschiedenheit der Südtiroler Berge eine humanistische Utopie aufscheinen, ohne die realpolitischen Gegebenheiten zu verdrängen. Allerdings ist Dror Zahavi zu sehr TV-Regisseur, um dem Zuschauer seine eigenen Schlussfolgerungen zu überlassen.

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Copyright: Camino

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Länge: 102 min

Kategorie: Music

Start: 16.01.2020

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Crescendo – #makemusicnotwar

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 102 min
Kategorie: Music
Start: 16.01.2020

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