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Was gewesen wäre

Geschrieben von Peter Gutting am 30. Oktober 2019

Ist über die ehemalige DDR alles gesagt? Offenbar nicht, wenn man an einige der eindringlichsten deutschen Filme der letzten Jahre denkt. Rund 30 Jahre nach dem Mauerfall scheint die Zeit gekommen, vom Alltäglichen zu erzählen, von individuellen Schicksalen, die für sich stehen und nicht bloß abstrakte Begriffe wie Unrechtsstaat bebildern wollen, wie etwa Andreas Dresen in „Gundermann“ oder Andreas Goldstein im zu wenig beachteten „Adam und Evelyn“. Das Regiedebüt des langjährigen Produzenten Florian Koerner von Gustorf reiht sich ein in den Ansatz des leisen, alltagsnahen Erzählens, ohne jedoch die Stringenz der genannten Beispiele zu erreichen.

Jahrhundertelang gab es zwischen den Orten Buda und Pest keine befestigte Brücke. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts setzte der liberale Reformer Graf István Széchenyi den Bau der Kettenbrücke durch. Angeblich hatte er dafür auch private Gründe: Er musste eine Woche lang warten, um zum Begräbnis seines Vaters ans andere Ufer zu kommen. Zudem wird ihm eine Liebschaft zu einer Dame jenseits der Donau nachgesagt.

Als Paul (Ronald Zehrfeld) seiner neuen Geliebten Astrid (Christiane Paul) diese Anekdote erzählt, hat er nichts anderes im Sinn, als die Freundin aufzuheitern. Er ahnt nicht, welcher Hintergedanke in der Erzählung von der natürlichen Flussgrenze zwischen den beiden Teilen dessen steckt, was wir heute als Touristenattraktion und ungarische Hauptstadt kennen. Denn Grenzen, etwa zwischen Ost- und Westeuropa, spielen seit langem keine Rolle mehr. Wenn man wie Paul und Astrid in Berlin lebt, scheint es unwichtig zu sein, wo man die ersten 20 Jahre seines Lebens verbracht hat. Und doch hat Paul für die erste gemeinsame Städtereise bewusst Budapest vorgeschlagen – die Stadt, die für Ex-DDRlerin Astrid in ihrer Jugend eine so große Bedeutung hatte.

Kaum haben sich die beiden im berühmten, aber inzwischen etwas heruntergekommenen Hotel Gellért einquartiert, ist die Grenze wieder da. Sie geht mitten durch die frische Liebe der Endvierziger. Astrid hat im Hotelrestaurant Julius (Sebastian Hülk) erspäht, ihre erste große Liebe damals im Sommer in der DDR. Sie erstarrt vor Entsetzen, macht auf dem Absatz kehrt und läuft auf die Straße. Nicht nur daran merkt Paul, dass die alte Geschichte, die damals abrupt durch die Teilung des Kalten Krieges endete – Julius ging in den Westen, Astrid blieb im Osten -, keineswegs zu Ende ist. Was soll er tun? Und wie wird sie sich entscheiden?

Die beiden erfahrenen Darsteller Christiane Paul und Ronald Zehrfeld brauchen keine großen Gesten, um die Gefühlswirrungen des verpatzten Wochenendes authentisch auf die Leinwand zu bringen. In ruhigen Einstellungen gibt ihnen die einfühlsame Kamera von Reinhold Vorschneider einen sicheren Rahmen, um das emotionale Hin und Her auch ohne Gefühlsausbrüche und heftige Dialoge knapp und präzise einzufangen. Dadurch gewinnt die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Gregor Sander Zeit, sich in ausführlichen Rückblenden der komplizierten Teenagerliebe zwischen Astrid und Julius zu widmen. „Bei ihm schaltet mein Gehirn aus“, sagt das junge Mädchen einmal über den sprunghaften und undurchsichtigen Musiker. Das ist nur zum Teil als Kompliment gemeint. Denn ihr Gehirn würde Astrid vermutlich verraten, dass Julius Probleme hat, sich festzulegen. Dass er immer ein offenes Hintertürchen braucht. Womöglich hätte Astrid irgendwann ihr Gehirn wieder eingeschaltet. Aber dafür blieb damals keine Zeit. Die politischen Umstände ließen es nicht zu.

Trotz überzeugender Besetzung und klarer Bildsprache hat „Was gewesen wäre“, auch Schwächen. Das wird besonders deutlich, wenn man das Drama mit anderen Werken zum selben Thema vergleicht. Etwa mit Christian Petzolds „Barbara“, der sich ebenfalls mit der Frage „gehen oder bleiben“ beschäftigt. Regisseur von Gustorf hat diesen Film produziert, wie auch andere Arbeiten von Petzold. Von ihm hätte er sich abschauen können, wie der Minimalismus des Andeutens große emotionale Wucht erzeugt. Stattdessen neigt die Romanverfilmung, zu der Autor Gregor Sander selbst das Drehbuch geschrieben hat, zum Auserzählen. Und das trotz einer Bildsprache, die in ihrer Ruhe und Klarheit an die „Berliner Schule“ erinnert. Das könnte damit zusammenhängen, dass der Film auch fürs Fernsehen funktionieren soll – Koproduzenten sind WDR und Arte. Dort zumindest hat die gewählte dramaturgische Deutlichkeit ihren berechtigten Platz.

„Was gewesen wäre“ vereint Licht und Schatten. Zu den Pluspunkten des Liebes- und Geschichtsdramas zählen die schauspielerischen Leistungen und die Kamera von Reinhold Vorschneider. Negativ schlägt die erzählerische Strategie zu Buche. Sie klappert zu viele Stationen der Romanvorlage ab, statt sich an den narrativen Minimalismus etwa eines Christian Petzold zu halten.

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Copyright: Farbfilm

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Länge: 89 min

Kategorie: Drama, Romance

Start: 21.11.2019

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Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 89 min
Kategorie: Drama, Romance
Start: 21.11.2019

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