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Pferde stehlen

Geschrieben von Peter Gutting am 17. Oktober 2019

Schwarzer Humor und nervenzerreißender Thrill waren bisher die Markenzeichen des norwegischen Regisseurs Hans Petter Moland. Etwa, wenn er seinen Darsteller Stellan Skarsgård als „Ein Mann von Welt“ (2010) in einen schrägen Rachefeldzug wider Willen schickt. Oder wenn derselbe Schauspieler als entgleister Schneepflugfahrer die örtlichen Drogendealer beiseiteschiebt, die seinen Sohn auf dem Gewissen haben – in „Einer nach dem anderen“ (2014). Nun schlägt Moland einen ganz anderen Ton an: ernst, nachdenklich, episch. Seine Verfilmung des norwegischen Erfolgsromans „Pferde stehlen“ von Per Petterson ist ein reifes, bildgewaltiges Werk über die großen, nie endgültig zu beantwortenden Fragen des Lebens.

Eine Kamera auf Tauchgang: Wild wirbelt die Gischt durcheinander, reißt alles mit – eine nicht zu bändigende, alles verschlingende Kraft. Dann abrupter Tempowechsel. Plötzlich erscheint die Welt unter Wasser gemächlicher – ein ruhiges, fast meditatives Dahinströmen. Schnitt: In den Blick gerät der Gebirgsbach, der beinahe senkrecht nach unten stürzt und in den breiten Fluss mündet. Ein Naturschauspiel von erhabener Schönheit, das man auch als Metapher lesen kann. Manchmal überstürzt sich alles im Leben, gibt es wilde, chaotische Phasen. Und danach ändert der Gang des Schicksals seine Richtung. Oder sind statt fremder Mächte eigene, selbst gewählte Entscheidungen dafür verantwortlich? Spielen wir eigentlich die Hauptrolle in unserem Leben? Oder schauen wir zu, wie andere über uns entscheiden?

Solche Fragen beschäftigen den 67-Jährigen Trond Sander (Stellan Skarsgård), der vor drei Jahren seine Frau bei einem Autounfall verloren hat. Trond saß am Steuer. Aus dem Off beteuert er, dass ihn keine Schuld treffe. Aber seine Miene und sein ganzer mentaler Zustand sprechen eine andere Sprache. Ebenso wie die Entscheidung, die er getroffen hat: Ende 1999 zieht er in eine Blockhütte bei einem kleinen Dorf in Nordnorwegen. Er kennt hier mutmaßlich keinen Menschen, meidet die Gesellschaft und verbringt den Silvesterabend des Jahrtausendwechsels im Bett. Doch dann weckt ihn ein Dorfbewohner, der seinen Hund ruft. Er stellt sich als Lars (Bjørn Floberg) vor. Trond merkt bald, dass beide sich kennen – aus einem Sommer vor 51 Jahren.

In Rückblenden erzählt der Film vom damals 15-Jährigen Trond (Jon Ranes). Davon, wie er mit seinem Vater (Tobias Santelmann) Bäume fällte, wie er seinen besten Freund verlor und die erste Liebe erlebte. Und davon, wie er zwei lebensentscheidende Geheimnisse seines Vaters aufdeckte. Der Film tut dies so scheibchenweise, als sei sein Regisseur beim großen Landsmann und Dramatiker Henrik Ibsen in die Lehre gegangen, ohne dabei das ganz eigene der Filmkunst, die Meisterschaft der Montage, zu vernachlässigen. Die Schnitte springen zwischen 1948 und 1999 hin und her, streifen dabei ein paar andere Zeitepochen, nehmen die Einzelteile des Geschehens auseinander, um sie erst ganz am Schluss wieder vollständig zusammenzusetzen.

Eindrucksvoller noch als der Schnitt von Jens Christian Fodstad und Nicolaj Monberg ist die Kameraarbeit von Rasmus Videbæk, für die der Film bei der Berlinale 2019 einen Silbernen Bären erhielt. Sie kreiert ein sinnliches Naturschauspiel, rückt Bienen und Adlern auf die Pelle, lässt den Wind durch das Getreide fegen und scheint sich sogar in den Regen zu verlieben, der Vater und Sohn zu einer gemeinsamen Dusche im Freien verlockt. Unschuldige Reinheit und zerstörerische Elementarkräfte feiern eine lebensphilosophisch aufgeladene Hochzeit, fast wie beim mystischen Naturbeschwörer Terence Malick. Mit dem Unterschied allerdings, dass die Verbeugung vor dem Ursprünglichen und Unberührten in „Pferde stehlen“ nie zum Selbstzweck wird. Die visuelle Finesse ist zwar nicht einfach nur die Dienstmagd der Erzählung, sie sieht aber auch nicht arrogant auf das bloß Narrative herab.

Per Pettersons Roman sei filmisch angelegt, lobt der Regisseur die Vorlage. Aber auch das Umgekehrte gilt: Hans Petter Moland filmt literarisch. Für die eigentlich unfilmischen inneren Monologe findet er eine geniale Lösung. Zum einen übersetzt er sie in Landschaftsbilder oder stumme Blicke, so wie bei Literaturverfilmungen üblich. Zugleich streut er an manchen Stellen hörbaren inneren Monolog ein – Gedanken des Hauptdarstellers, die dieser im Off formuliert. Das würde normalerweise amateurhaft wirken und dazu führen, dass sich das Gesehene auf der Tonebene doppelt. Aber in diesem Fall spricht die herausragende Visualität des Films derart für sich, dass auch das Wort frei wird für eine Vielstimmigkeit von Bild und Ton.

„Pferde stehlen“ ist eine episch angelegte Reflexion über die Frage, ob der Mensch Sklave vergangener Ereignisse bleibt oder der Held seines eigenen Lebensromans werden kann. Regisseur Hans Petter Moland erzählt in grandiosen Bildern von einem Sommer, in dem sich alles ändert. Und von einem Winter, in dem ein alternder Mann seiner Erinnerung und seinem Schmerz begegnet.

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Länge: 123 min

Kategorie: Drama, Mystery

Start: 21.11.2019

cinetastic.de Filmwertung: (7,5/10)

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Pferde stehlen

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 123 min
Kategorie: Drama, Mystery
Start: 21.11.2019

Bewertung Film: (7,5/10)

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