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Meine wunderbar seltsame Woche mit Tess

Geschrieben von Peter Gutting am 3. Oktober 2019

Aus den Niederlanden kommen seit vielen Jahren Kinderfilme, die Unterhaltung mit einem Bezug zur realen Lebenswelt kombinieren. Das hat nicht zuletzt mit der besonderen Förderung des heimischen Filmangebots speziell für junge Zuschauer zu tun, die es den Regisseurinnen und Regisseuren erlaubt, kontinuierlich in diesem Bereich zu arbeiten. Leider sind viele dieser Filme in Deutschland nur auf Festivals zu sehen. Doch das Regiedebüt von Steven Wouterlood schaffte es, neben einem deutschen Koproduzenten auch einen hiesigen Verleih für sich zu gewinnen.

Sommer, Sonne, Strand: Von oben schaut die Kamera auf Sam (Sonny Coops van Utteren), dem am ersten Ferientag auf der Nordseeinsel Terschelling nichts zu seinem Glück zu fehlen scheint. Die scheinbar düsteren Gedanken über den Tod, die ihm durch den Kopf gehen, ändern nichts an der guten Stimmung. Offenbar beschäftigen sie den fantasiebegabten Zehnjährigen ähnlich wie viele andere kuriose Dinge, etwa das nutzlose Wissen, dass Kakerlaken sieben Tage ohne Kopf weiterleben können. Oder dass Heringe sich mittels Furzen verständigen. Dann fährt die Kamera weiter nach oben und gibt den Blick auf das größere Stück Sand frei, aus dem Sam in den Himmel blinzelt. Erst jetzt wird sichtbar, dass sich der Junge tatsächlich eine Grube wie ein Grab gegraben hat, um das Phänomen der Sterblichkeit nicht nur gedanklich, sondern auch sinnlich zu erkunden.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Sam ist keineswegs depressiv. Auch die Spur zu seiner Mutter (Suzan Boogaerdt), die im abgedunkelten Zimmer auf der Couch liegt, führt in die Irre – nichts weiter als eine ausgewachsene Migräne. Der Junge lebt in einer wohlbehüteten Familie, sein Vater (Tjebbo Gerritsma) ist ein echter Witzbold und die Ferienwoche auf Terschelling verspricht ein großer Spaß zu werden. Sam spinnt einfach gern rum, er beschäftigt sich mit Tiefsinnigem genauso wie mit Abseitigem oder niemals zu Ergründendem, zum Beispiel mit der Frage, ob der letzte Dinosaurier wusste, dass nach ihm keiner seiner Art mehr kam. Der Junge weiß, dass er deshalb für seltsam gehalten wird. Und staunt nicht schlecht, als er auf jemanden trifft, der noch seltsamer zu sein scheint als er: Das Mädchen Tess (Josephine Arendsen) ist die Tochter der Sprechstundenhilfe von der Arztpraxis, in die Sams Bruder nach einem Knöchelbruch beim Strandfußball gebracht wird. Tess will unbedingt wissen, ob sich Sam mit Zebrafischen auskennt. Da muss selbst er passen, aber aus der wunderbar seltsamen Begegnung entwickelt sich eine Freundschaft der tragikomischen Art.

Aus der eigenen Kindheit weiß jeder, wie merkwürdig sich die Welt manchmal anfühlt. Stellt sie doch viele Fragen, auf die selbst Erwachsene keine vernünftige Antwort wissen. Meist heißt es dann, Kinder seien „für so etwas“ noch zu klein. Nicht so Regisseur Steven Wouterlood in seiner Verfilmung des Kinderbuchs von Anna Woltz. Bei ihm paart sich die Ferienlandschaft aus Dünen, Radwegen und Strand mit existenziellen Fragen, die nicht nur „seltsame“ Kinder wie Sam und Tess umtreiben. Neben dem Tod spielen Einsamkeit, Verlust und die Suche nach den eigenen Wurzeln eine wichtige Rolle. Tess hat nämlich ihren Vater nie kennengelernt. Nun aber heckt sie einen perfekten Plan aus, um den Erzeuger samt aktueller Freundin auf die Insel zu locken und ihn heimlich daraufhin auszuspionieren, ob es sich lohnen würde, ihn näher kennenzulernen.

„Meine wunderbare Woche mit Tess“ strickt aus dieser Konstellation keine klassische Abenteuerhandlung. Vielmehr wagt sich der Film an etwas, was man im Erwachsenenbereich als „charakter-getriebenes“ Drehbuch bezeichnen würde. Die Handlung entwickelt sich aus den Ecken und Kanten zweier selbstbewusster Kinder, die gerade wegen ihrer je eigenen „Seltsamkeit“ auch mal heftig aneinander geraten. Der Film verzichtet dabei auf die üblichen Spannungsstereotypen und verschafft sich Raum, kindliche Fantasiewelten genauso ernst zu nehmen wie handfeste lebenspraktische Probleme. Mit seinem Humor und der liebevollen Charakterzeichnung gleicht er aus, was ihm an fremdgesteuerter Action fehlen mag.

„Meine wunderbare Woche mit Tess“ reiht sich nahtlos ein in das qualitativ hochstehende Kinderfilmschaffen der Niederlande. Regisseur Steven Wouterlood scheut sich in seinem unterhaltsamen Debüt nicht, Acht- bis Zehnjährige mit lebensphilosophischen Fragen zu konfrontieren. Er begegnet seinem Publikum auf Augenhöhe und schafft es, schwere Themen wunderbar leicht zu verpacken.

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Länge: 82 min

Kategorie: Family

Start: 23.04.2020

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Meine wunderbar seltsame Woche mit Tess

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 82 min
Kategorie: Family
Start: 23.04.2020

Bewertung Film: (8/10)

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