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Mein Ende. Dein Anfang

Geschrieben von Peter Gutting am 17. Oktober 2019

Der Name Aron endet auf den Buchstaben „n“. Der Name Nora beginnt mit einem „n“. Sein Ende ist sozusagen ihr Anfang. Nicht nur das. Wenn man den einen Namen rückwärts liest, erhält man den Namen des anderen. Kann es Zufall sein, dass sich Aron und Nora ineinander verlieben? Oder sind sie von einer höheren Macht füreinander bestimmt? Das bleibt offen im ebenso nachdenklichen wie emotionsgeladenen Debüt von Mariko Minoguchi. Klar ist jedoch, dass sich die in München geborene Tochter eines Japaners und einer Deutschen nicht mit einfachen erzählerischen Lösungen zufriedengibt. Ihr beim Filmfest München hochgelobtes Drama besticht durch eine raffinierte Struktur. Das ist sehenswert, wirft aber auch Fragen auf.

Haferflocken, eine einzige Packung Hafenflocken. Das ist alles, was Aron (Julius Feldmeier) bedeutungsvoll aufs Förderband der Supermarktkasse legt. Die Cerealien sind eine Art Aufmerksamkeitsbeweis. Kassiererin Nora (Saskia Rosendahl) isst sie nämlich gern zum Frühstück. Und das kleine, nebensächlich dahingesagte Detail hat sich der Doktorand der Physik, der die junge Frau kürzlich auf einem Münchner U-Bahnhof angesprochen hat, gut gemerkt. Aron meint es ernst. Dass er Nora stalken würde, weist er lässig zurück. Eher schon verführt er sie mit der ungezwungenen, jungenhaften Selbstsicherheit eines Sohns aus reichem Hause, dem im Leben wenig Steine in den Weg gelegt werden.

Der Flirt im Supermarkt zählt zu den vielen eindringlichen Miniaturen, die der ersten Verliebtheit eine federleichte filmische Sprache leihen. Nichts da von suggestiven Blicken, bedeutungsvollen Sätzen, süßen Geigenklängen beim Picknick im grünen Gras. Stattdessen verspielte Alltagsszenen, sorgloses Rumalbern, kindisch anmutende Neckereien. Und dann der Schock: Beim gemeinsamen Bankbesuch gerät das Paar in einen Überfall. Aron stirbt.

Da ist der Film erst eine gefühlte Viertelstunde alt. Und die zitierte Szene mit den Haferflocken kommt erst noch. Regisseurin Mariko Minoguchi erzählt die Liebesgeschichte nämlich rückwärts, ähnlich wie François Ozon im Beziehungsdrama „5 x 2 – Fünf mal zwei“. Aber nicht nur das. Hinzu kommen zwei vorwärts laufende Erzählstränge. Einer davon dreht sich um Trauerarbeit und der andere um die Familie von Natan (Edin Hasanovic), den Nora nach Arons Tod kennenlernt. Übrigens ist auch Natan ein Name, der sich vorwärts und rückwärts lesen lässt. Nora glaubt, ihn aus einem früheren Leben zu kennen, wie in einem Déjà Vu.

Die große Kunst von „Mein Ende. Dein Anfang“ liegt darin, die Erzählstränge und Zeitebenen so zu verschränken, dass sie einen filmischen Sog erzeugen. Die Regisseurin rechnet mit den Seherfahrungen des Zuschauers, mit der Gewöhnung an Rück- und Vorausblenden, an Parallelmontagen, an falsche Fährten und an die Lust, einen Film von seinem Ende her in ganz neuem Licht zu sehen. Trotzdem zeugt es von großem Talent, das Puzzle intuitiv so überschaubar zu halten, dass der Zuschauer an der Komplexität nicht verzweifelt. „Avantgardistische Unterhaltung“, habe ihr Vater den Stil des Films genannt, erzählte die Regisseurin in einem Interview. Dem ist wenig hinzuzufügen. Höchstens, dass zum Avantgardistischen noch die Bausteine der Relativitätstheorie zählen, über die Aron seine Doktorarbeit schreibt. Und zum Unterhaltsamen die bekannten Elemente von Krimi und Thriller.

Was aber bleibt, wenn man der formalen Meisterschaft auf den inhaltlichen Zahn fühlt? Was will der Film erzählen, welche Themen ansprechen? Das Gefühl der Schmetterlinge im Bauch? Die großen Lebensfragen von Schuld und Sühne, von Trauer und Verlust, von Rache oder Vergebung? Das ist alles da, wenn man versucht, die Erzählstränge in eine lineare Form zu bringen. Aber es ist wenig, was wirklich als authentische Erfahrung dem Leben abgeschaut wäre, mit Ausnahme der zärtlich-verspielten Liebesgeschichte vielleicht. Eher handelt es sich um Bausteine des Kinos selbst, samt der dazugehörigen Emotionalisierungspotenziale: die überlebensgroße Liebe, das furchtbare Schicksal, der unfassbare Verrat. Isoliert man die einzelnen Fäden des Erzählteppichs, schnurren sie im Grunde auf Klischees zusammen. Nur merkt man das erst nach dem Abspann, weil man zuvor mehr mit dem Zusammensetzen des Puzzles beschäftigt ist als mit dem eigentlichen Gesamtbild.

„Mein Ende- Dein Anfang“ ist das bemerkenswerte Debüt einer talentierten Regisseurin, die ihr Handwerk nicht auf der Filmhochschule, sondern in Praktika und Assistenzen gelernt hat. Mariko Minoguchi jongliert virtuos mit Erzählstrategien und Genreelementen. Aber ihr Film streift die Grenze zur formalistischen Spielerei. Bricht man den Kinozauber auf seinen inhaltlichen Kern herunter, verpufft mehr, als man während der Vorstellung dachte.

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Länge: 111 min

Kategorie: Drama

Start: 28.11.2019

cinetastic.de Filmwertung: (6/10)

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Mein Ende. Dein Anfang

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 111 min
Kategorie: Drama
Start: 28.11.2019

Bewertung Film: (6/10)

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