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Einsam zweisam

Geschrieben von Peter Gutting am 30. Oktober 2019

Es gibt Spielfilmregisseure, die von Städten so erzählen können wie von Menschen. Zu ihnen zählt der Franzose Cédric Klapisch. Schon zweimal hat er Paris zu einer Art Hauptdarsteller gemacht. In „… und jeder sucht sein Kätzchen“ (1996) war es ein Quartier abseits der touristischen Höhepunkte, in dem eine ganz eigene Subkultur der kleinen Leute gefeiert wird. Danach zeigte „So ist Paris“ (2008) die Metropole auch von ihrer glanzvollen Seite. Der neue Film wiederum konzentriert sich auf eine Häuserzeile, von der man in der Ferne den Montmartre leuchten sieht, das Milieu der Reichen und der Künstler. Im Film jedoch geht es wiederum um die, die eher im Schatten leben als im Glanz der Großstadt. Eine Tragikomödie mit dem bewährten Charme von Klapischs unverwechselbaren Milieustudien.

Rémy (François Civil) ist Mélanie (Ana Girardot) noch nie begegnet, jedenfalls nicht bewusst. Doch ihre Stimme kennt er, seit er sie in der Badewanne hat singen hören. Zwar leben die beiden 30-Jährigen in verschiedenen Häusern. Aber ihre Wohnblöcke grenzen direkt aneinander. Und aus dem Bad dringt durch einen Luftschacht der Gesang auf wundersame Weise hinüber zu einem, der genauso der Melancholie verfallen ist wie die einsame Sängerin. Sie leben beinahe zusammen, aber sie verfehlen sich stets. Der Zuschauer sieht sie nebeneinander in der Metro sitzen, dieselbe Apotheke besuchen und im selben Lebensmittelladen einkaufen. Er begleitet die jungen Leute in Parallelmontagen an ihre jeweiligen Arbeitsplätze und kann einigermaßen sicher sein, dass sie sich auf dem Heimweg wieder über den Weg laufen.

Weil man sie so gut kennenlernt, würde man gern Kuppler spielen und die Seelenverwandten einander vorstellen. Aber der Film ist so gebaut, dass er erst in den allerletzten Einstellungen verrät, ob der Wunsch in Erfüllung geht. Etwa 108 von 110 Minuten ist alles möglich: Dass sie sich finden oder auch nicht. Wie nebenbei erfährt man stattdessen eine ganze Menge über andere Dinge: über die kleinen Händler und die großen Firmen, über die Kuriositäten moderner Arbeitsplätze und die Spleens stromlinienförmiger Personalchefs. Kurz: über das so prekäre wie wunderbare Leben von Pariser Stadtneurotikern.

Die Idee, zwei Menschen in der Großstadt aneinander vorbeilaufen zu lassen, hat schon einmal hervorragend funktioniert: in „Medianeras“ (2011) von Gustavo Taretto über Buenos Aires. Es ist nicht bekannt, ob Cédric Klapisch das Werk seines argentinischen Regiekollegen kennt. Aber er dreht die Konstellation einen Tick weiter. Hier wie dort haben die Protagonisten psychische Probleme. Cédric Klapisch belässt es jedoch nicht bei Ängsten, Schlafstörungen und Depressionen, unter denen Rémy und Mélanie leiden. Er schickt sie zu – jeweils verschiedenen – Therapeuten. In gewisser Weise biegt die Handlung dann in Richtung Couch ab, ohne sich darüber lustig zu machen. Auf dem schmalen Grat zwischen Satire und Aufklärung löst Klapisch die Peinlichkeit, die einer Krankheit wie Depression noch immer anhaftet, federleicht in Luft auf. In seiner warmherzigen Mischung aus Humor und Einfühlung entkommen sogar die Seelendoktoren (Camille Cottin und François Berléand) der Karikatur, zu der sie im Kino oft verdammt sind.

Man täte „Einsam Zweisam“ aber Unrecht, wenn man den Film vor allem als eine sensible Couchkomödie begreifen würde. Das ist er zwar auch, aber zugleich viel mehr. In die Geschichte der Nichtbegegnung webt Klapisch liebevolle Episoden und Nebenfiguren, die einen gleichberechtigen Stellenwert erlangen, ohne den Haupterzählstrang ganz zu verdrängen. Der Franzose erweist sich einmal mehr als Virtuose eines vielschichtigen Stadtteilporträts, in dem das Komische mit dem Traurigen genauso zusammenfließt wie das Kuriose mit dem Normalen, das Abwegige mit dem Alltäglichen, nicht unähnlich seinem „Kätzchen“-Film. Für Kenner von Klapischs Werks gibt es übrigens hier ebenfalls ein Kätzchen. Aber selbst der junge Stubentiger kann Rémy und Mélanie nicht wirklich zusammenbringen. Das kann, wenn überhaupt, nur der pure Zufall.

„Einsam Zweisam“ erzählt von kleinen Leuten mit großer Anteilnahme. Aus der pfiffigen Idee, die Paradoxie des Großstadtlebens anhand zufälliger Nicht-Begegnungen zu illustrieren, entwickelt Regisseur und Drehbuchautor Cédric Klapisch das unterhaltsame Porträt einer Generation der 30-Jährigen. Eine Tragikomödie, eingebunden in einen Erzählteppich über die vielen Facetten von Paris.

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Wir vergeben daher 8 von 10 Filmpunkten.

Copyright: StudioCanal Deutschland

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Länge: 110 min

Kategorie: Comedy, Drama, Romance

Start: 19.12.2019

cinetastic.de Filmwertung: (8/10)

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Einsam zweisam

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 110 min
Kategorie: Comedy, Drama, Romance
Start: 19.12.2019

Bewertung Film: (8/10)

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