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Die Wache

Geschrieben von Peter Gutting am 30. Oktober 2019

Wer viele Filme sieht, kann dem Immergleichen nicht entgehen. Genres, Schubladen, Regie-Handschriften – vieles kennt man bereits. Aber nicht ein so schräges wie wundersames Werk wie die neue Arbeit von Quentin Dupieux. Der Franzose scheint einen Heidenspaß zu haben, alle Regeln auf den Kopf zu stellen, selbst die der Komödie, als die sich der höchst vergnüglich entgleiste Polizeifilm noch am ehesten fassen ließe. Vielleicht hängt die Lust, sich mehr Freiheiten zu nehmen als andere Filmemacher, damit zusammen, dass Dupieux bereits eine Karriere als Musiker vorzuweisen hat. Dort tritt er unter dem Pseudonym „Mr. Oizo“ in Erscheinung.

Ein Dirigent schwingt den Taktstock. Nichts Außergewöhnliches. Der Mann ist hochkonzentriert, wiegt sich in der Musik und gibt die Einsätze mit Gesten, die man schon von anderen Kapellmeistern gesehen hat. Nicht recht erklärlich erscheint allerdings die Tatsache, dass der gute Mann am Pult außer einer Badehose lediglich Schuhe und Socken trägt. Eine Vorsichtsmaßnahme gegen den Klimawandel? Wohl kaum. Die Orchestermusiker jedenfalls tragen konventionelle schwarze Kleider und Anzüge, ohne großartig zu schwitzen. Trotzdem geht es hier nicht mit rechten Dingen zu. Die Polizei fährt vor, verhaftet den Dirigenten. Das Orchester spielt weiter, als wäre nichts gewesen.

Aha, mag man sich denken. Die fahren also jetzt zu der titelgebenden Polizeiwache und dort wird man mehr über die Motive des unkonventionellen Badehosenliebhabers erfahren. Denkste. Die Eingangssequenz hat mit der folgenden Handlung rein gar nichts zu tun. Höchstens so viel, dass Hauptkommissar Buron (Benoît Poelvoorde) genau das Stück im Radio hört, das zuvor das Orchester aufgeführt hatte. Der Apparat macht sozusagen da weiter, wo der Filmschnitt die Live-Performance verließ. Das könnte etwas zu bedeuten haben, muss es aber nicht. Multitalent Dupieux, der auch für Montage und Kamera verantwortlich zeichnet (für Drehbuch und Regie sowieso), liebt es, das Publikum an der Nase herumzuführen. Das macht er virtuos. Alles kann passieren in herrlich skurrilen 73 Minuten, die mit knapper Not als abendfüllender Film durchgehen können – eine Wundertüte, prall gefüllt mit Scherzartikeln und ein paar wohl dosierten Knallbonbons. Außer Kraft gesetzt werden nicht nur die Gesetze des Films, sondern gleich noch die von Raum und Zeit. Und die der Biologie sowieso.

Eine Inhaltsangabe grenzt in diesem Fall an Geheimnisverrat. Vielleicht sollte man aber neben dem bereits erwähnten Hauptkommissar Buron auch dessen Gegenpart im scharfzüngigen Schlagabtausch vorstellen, der nur selten die nächtliche Polizeiwache im muffigen 1970er-Ambiente verlässt. Es handelt sich um einen Verdächtigen namens Louis Fugain (Grégoire Ludig). Der erinnert mit Frisur und Schnauzer irritierend an den 1980er TV-Helden „Magnum“, ist aber ansonsten ganz friedlich und unauffällig: ein gutmütiger Zeitgenosse, der glaubt, dass alles ein Missverständnis sei. Warum aber, um alles in der Welt, musste dieser bislang unbescholtene Bürger mitten in der Nacht aus dem Haus treten und direkt vor einen Toten laufen, der in einer riesigen Blutlache lag? Und damit dem hyperaktiven, dem Jagdtrieb verfallenen Kommissar eine derartige Vorlage liefern?

Es soll nicht verschwiegen werden, dass in die Handlung auch noch der einäugige Polizist Philippe (Marc Fraize) und dessen Ehefrau Fiona (Anaïs Demoustier) verwickelt sind. Deren Rolle vorab zu skizzieren, wäre jedoch erheblicher Spaßverderb. Kein Geheimnis ist hingegen die Einschätzung, dass man dem Regisseur nicht alles glauben darf. Zum Beispiel nicht die Auskunft, es gebe keine Bedeutung in dem, was er tue. Das Schönste in der Kunst sei es, „nicht zu denken“. Damit stapelt Quentin Dupieux eindeutig zu tief. Zumindest ein ernstes Thema ist im Feuerwerk schwarzen Humors kaum zu übersehen: die Erfahrung, einer mächtigen Autoritätsperson hilflos ausgeliefert zu sein, mag diese auch total durchgeknallt erscheinen. Eine derartige Ohnmacht ist filmisch nur selten so prägnant auf den Punkt gebracht worden. Wer will, kann natürlich auch sein Bedeutungssuchorgan abschalten und hemmungslosem Nonsens frönen. Etwa folgendem Dialog: „Sie haben eben dreimal ‚sozusagen‘ gesagt“. Antwort: „Hab‘ ich auch gehört“ – sozusagen.

„Die Wache“ ist ein kleiner Film mit großen Schauspielern. Was auf den ersten Blick als reine Blödelei erscheint, könnte sich zum Geheimtipp im Komödienfach entwickeln. Regisseur Quentin Dupieux scheut in seinem sechsten Langfilm kein Risiko. Er stellt sämtliche Erwartungen und Erzähl-Konventionen genüsslich auf den Kopf.

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Copyright: Little Dream Entertainment

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Länge: 73 min

Kategorie: Comedy

Start: 12.12.2019

cinetastic.de Filmwertung: (7/10)

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Die Wache

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 73 min
Kategorie: Comedy
Start: 12.12.2019

Bewertung Film: (7/10)

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