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Der Unschuldige

Geschrieben von Peter Gutting am 17. Oktober 2019

Manchmal ist es gar nicht verkehrt, wenn Regisseure ihre eigenen Filme erläutern. Natürlich sollte der Zuschauer Thema und Handlung auch ohne Hilfe verstehen können. Aber ein kleiner Hinweis vor der Vorstellung darf erlaubt sein. Im Falle des zweiten Films von Simon Jaquemet lautet der Tipp des Schweizer Regisseurs so: „Man soll sich einfach fallen lassen und sollte nicht zu sehr nachdenken“. Gesagt hat er das im Interview mit dem Onlinemagazin „Outnow.ch“. Man kann es jedem Zuschauer nur wärmstens ans Herz legen. Denn der Film gehört zum Ungewöhnlichsten und Eigenwilligsten, was das deutschsprachige Kino zu bieten hat.

Eine Szene im Winter. Fahles blaues Licht, ein Parkplatz, überall Beton. Die Kamera zeigt das Gesicht einer Frau von der Seite. Dann folgt sie ihr, nur der Hinterkopf ist zu sehen. Die Frau geht ein paar Schritte, dann zuckt sie zusammen, scheint völlig verstört zu sein. Warum? Hat es etwas mit dem Mann zu tun, der im Hintergrund nur undeutlich zu sehen ist? Konnte sie ihn aus der Entfernung von vielleicht 20 bis 30 Metern wirklich zweifelsfrei erkennen?

Schon zu Beginn bleibt vieles unklar. War der Mann wirklich derjenige, den Ruth (Judith Hofmann) zu sehen glaubte? Der Zuschauer wird es nie erfahren. Der Film ist so gedreht, dass Andreas (Thomas Schüpbach), Ruths früherer Geliebter, sowohl eingebildetes Phantom als auch reale Person sein könnte. Sicher ist nur, dass Andreas 20 Jahre im Gefängnis saß, weil er angeblich seine Erbtante des Geldes wegen umgebracht hat. Ruth hat an seine Unschuld geglaubt und mit Freunden für seine Freilassung demonstriert. Aber irgendwann hat Andreas den Kontakt zu ihr abgebrochen, wollte keine Besuche mehr. Ruth fand damals Halt in einer Freikirche. Sie heiratete Hanspeter (Christian Kaiser) und hat mit ihm zwei pubertierende Töchter. Alles scheint gut, doch richtig wohl zu fühlen schien sich Ruth in diesem Leben nie. Und jetzt, da Andreas aus der Haft entlassen wurde, ist sowieso alles anders. Überall glaubt sie den Geliebten zu sehen. Nur die in der Kirche erlebte Sicherheit hindert sie daran, den letzten Schritt zu tun.

Regisseur Simon Jaquemet, dessen Debüt „Chrieg“ (2014) bereits kontrovers aufgenommen wurde, legt gleich zwei falsche Fährten. Nein, es geht nicht um die Frage, ob Andreas unschuldig ist oder nicht. Und der Film rechnet auch nicht mit Freikirchen ab, selbst wenn er die sektiererischen Praktiken in Ruths Religionsgemeinschaft drastisch zuspitzt. Im Zentrum hingegen steht eine Frau, deren große Liebe mit Anfang 20 abrupt zerstört wurde und die nun, zwei Jahrzehnte später, mit den Strukturen, die sie zunächst aufgefangen haben, nicht mehr klarkommt.

Atmosphärisch ist Ruths Lebenskrise mit großer Intensität eingefangen. Die entsättigten Farben, das kalte Licht, das luxuriöse, aber steril wirkende Eigenheim der Familie entwickeln den Sog einer lauernden Gefahr, die mehr von innen als von außen kommt. Nachts joggt Ruth mit Stirnlampe durch den dunklen Wald. Sogar in den Keller geht sie mit dem schwachen Licht an ihrem Kopf, durchwühlt alte Dokumente über ihre Zeit mit dem Geliebten, wie eine Einbrecherin, die das Licht scheut. Und dann ist da noch Ruths Arbeitsstelle. Die Wissenschaftlerin beteiligt sich an Kopftransplantationen, die an Affen erprobt werden. Ihrem Chef geht es um Querschnittgelähmte, denen man so einen neuen Körper verschaffen könnte. Dennoch wirkt das Ganze, als würde einem Gesunden ein neuer Kopf aufgesetzt – ein Gefühl, das möglicherweise auch Ruth beschlichen hat.

Der Regisseur hat Recht. Denkt man über die Versatzstücke der Handlung nach, wird man sich an Ungereimtheiten und Fehlkonstruktionen stoßen. Lässt man sich allerdings auf den Thrill des doppelten Bodens ein, erschließt sich die (Psycho)-Logik einer im falschen Leben gefangenen Frau mit großer Wucht. Vor allem deshalb, weil Judith Hofmann hinter der kalten Fassade stets ein brennendes Verlangen nach echtem Leben spüren lässt. Die Schauspielerin lässt sich mit wundersamem Feingefühl auf Widersprüche ihres Charakters ein, bügelt sie glatt mit der stillen Kraft der Sympathie. Dafür bekam Judith Hofmann sehr zu Recht den Schweizer Filmpreis für die beste Darstellerin. Denn sie macht vergessen, dass es am Ende egal ist, ob sie ihren Geliebten nur herbeifantasiert oder tatsächlich trifft. Entscheidend ist die berührende Reise aus der blauen Kälte in ein warmes, menschenfreundliches Licht.

„Der Unschuldige“ ist ein Film für Zuschauer, die sich überraschen lassen wollen. Regisseur Simon Jaquemet verlangt jedem einzelnen die Entscheidung ab, was er für real halten möchte und was nicht. Somit ist der Film auch nach Verlassen des Kinosaals keineswegs zu Ende, trotz oder gerade wegen gewagten Konstruktionen in der Handlungsführung.

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Länge: 114 min

Kategorie: Drama

Start: 14.11.2019

cinetastic.de Filmwertung: (6,5/10)

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Info

Der Unschuldige

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 114 min
Kategorie: Drama
Start: 14.11.2019

Bewertung Film: (6,5/10)

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