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A rainy Day in New York

Geschrieben von Peter Gutting am 20. Oktober 2019

Eigentlich sollte man glauben, Woody Allen habe über seine Heimat New York bereits alles gesagt. „Der Stadtneurotiker“ (1977) und „Manhattan“ (1979) sind zwei Hommagen an den Schauplatz, wie sie liebevoller nicht sein könnten. Irgendwie schien es unausweichlich, dass der passionierte Metropolenliebhaber später auf London, Barcelona, Rom und Paris auswich, wo er auch eine bessere Förderung für seine Filme bekam. Aber seit „Café Society“ (2016) ist der Regisseur auch filmisch zurück in der Stadt, die niemals schläft. Für seinen neuen Film hat ihr der 83-Jährige einen Aspekt abgewonnen, den er früher nur angetippt hatte: Wie schön dort der Regen sein kann.

Beim Küssen muss sich Gatsby (Timothée Chalamet) mit der Note vier zufriedengeben – auf einer Skala von eins bis zehn. Das findet zumindest Chan (Selena Gomez), die forsche Schwester seiner Ex. Aber der junge Mann kennt halt noch moralische Skrupel, als er zufällig über den Filmset an einer New Yorker Straßenecke stolpert, wo ein Kumpel von Gatsby einen „modernen Film-Noir-Klassiker“ drehen will. Gatsby wird kurzerhand zu Hauptdarstellerin Chan in ein Auto verfrachtet – als Komparse, der nichts reden muss. Nur Küssen halt. Gatsby kriegt die Lippen nicht auseinander und muss an seine aktuelle Freundin Ashleigh (Elle Fanning) denken. Chans Prinzip dagegen: Wenn schon, dann richtig. Ganz egal, dass sie den Ex ihrer älteren Schwester für einen verträumten Schwächling hält. Aber, oh Wunder: Als beim dritten Take der Regen einsetzt, klappt es mit dem Filmkuss schon besser.

Ob das ein Zeichen ist, lässt sich vorerst nicht sagen. Denn Gatsby ist mit seiner aktuellen Flamme Ashleigh (Elle Fanning) nach „Big Apple“ gekommen. Nur für ein Wochenende. Die beiden leben und studieren nämlich in der Provinz, an einem unbedeutenden College, das der aus New York stammende Gatsby die „Ruhe in Frieden-Uni“ nennt. Ashleigh ist super aufgeregt, weil sie für die College-Zeitung ein Interview mit ihrem Lieblingsregisseur Roland Pollard (Liev Schreiber) in Manhattan führen darf. Gatsby freut sich, ihr in der restlichen Zeit seine Heimatstadt zeigen zu können. Aber wie bei nahezu jedem Paar aus der Feder von Autor Woody Allen kommt alles anders als gedacht.

Spätestens seit Anfang der 1980er Jahre ist klar, dass der bekennende Stadtneurotiker eigentlich immer denselben Film macht. Und seine Lieblingsthemen und Obsessionen nur leicht variiert, gerade so, dass die Wiederholung möglichst wenig auffällt. Das gelingt mal besser und mal schlechter. Die Komödie „A rainy Day in New York“ zählt aber mindestens zu den Top 15 im Werk des Workaholics, der fast jedes Jahr etwas Neues abliefert. Bereits die Besetzung ist ein Coup: Timothée Chalamet (23, „Call me by your Name“) und Elle Fanning (21, „Die Verführten“) zählen zu den hoffnungsvollsten Talenten des schauspielerischen Nachwuchses im Weltkino.

Allen könnte mindestens ihr Opa sein, was ihn nicht davon abhält, sein filmisches Alter Ego auf beide Charaktere zu verteilen. Chalamet ist als Gatsby ein Liebhaber des gepflegten Jazz und alter Hollywoodfilme. Irgendwie ist der junge Mann aus der Zeit gefallen, spielt zudem saugut Poker und sieht mit seinen schwarzen Locken und dem abgetragenem Fischgrätjackett ein bisschen aus wie der junge Allen, als der selbst noch als Vorzeige-Intellektueller durch seine Filme geisterte. Nur der hibbelige, überdrehte Charakterzug des Regisseurs fehlt dem jungen Mann. Diese Eigenschaften darf Elle Fanning auskosten, die herrlich kurios über die Stränge schlägt. Natürlich verpasst Allen der aus Arizona stammenden Filmfigur ein paar Seitenhiebe gegen die sonnigen Südstaaten, aber zugleich darf sie ihre Naivität als hysterisches Landei derart ins Extrem treiben, dass man schon wieder den Hut ziehen muss vor der schauspielerischen Leistung einer derart scharf gezeichneten Karikatur. Und wenn Fanning in einer Art Theatermonolog laut über sich selbst nachdenkt, lässt ihre Verblendung sogar nachvollziehbare menschliche Tragik aufscheinen.

In seiner Abneigung gegen Sonnentage macht der Regisseur den Regen zu einem dritten Hauptdarsteller. Kameramann Vittorio Storaro („Apocalypse now“) steuert dazu ein weiches, verträumtes Licht mit erstaunlich wenig Grau bei. Vor allem in den Innenräumen dominieren warme Gelb- und Brauntöne, wobei die Komödie sowieso keine dokumentarische Abbildung des vergötterten „alten“ New York anstrebt, sondern eine märchenhafte Überhöhung. „Die Realität ist für Leute, die nichts Besseres hinbekommen“, sagt Gatsbys Kusspartnerin Chan einmal. Der Satz dürfte dem Melancholiker und Eigenbrötler Allen aus dem Herzen sprechen. Was Besseres bekommt der allemal hin. Und wenn es nur ein Regen „bigger than life“ ist, für den er Bilder kreiert und Songs zusammenstellt, die es mit seinen beiden früheren Stadtporträts locker aufnehmen können.

Woody Allen könne jeden Schauspieler kriegen, den er haben wolle, lautet ein Gerücht. In seinem neuen Film hat er sich für zwei Nachwuchsstars entschieden, denen es nichts ausmacht, die Macken des Meisters erfrischend neu zu interpretieren. „A rainy Day in New York“ feiert mit bekannt scharfem Dialogwitz das Kino und die Liebe. Eine nostalgische Komödie für Melancholiker und solche, die es werden wollen.

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Wir vergeben daher 8 von 10 Filmpunkten.

Copyright: Filmwelt, Gravier Productions, Jessica Miglio

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Länge: 92 min

Kategorie: Comedy, Romance

Start: 05.12.2019

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A rainy Day in New York

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 92 min
Kategorie: Comedy, Romance
Start: 05.12.2019

Bewertung Film: (8/10)

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