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Porträt einer jungen Frau in Flammen

Geschrieben von Peter Gutting am 22. September 2019

Mit einfühlsamen Porträts weiblicher Teenager hat sich Céline Sciamma einen Namen gemacht. Nun wendet sich die französische Regisseurin erstmals jungen Frauen jenseits der 20 zu und wechselt außerdem ins Kostümfach. Dennoch bleibt sie ihrer bisherigen Obsession treu: dem außerordentlich präzisen Blick auf weibliches Erleben, dem behutsamen, vorurteilsfreien Austasten von Geschlechterrollen und Begehren. Das macht ihren ersten Kostümfilm so aktuell und heutig, dass dem Zuschauer quasi zwei Filme in einem geboten werden, eine Erkundung weiblichen Kunstschaffens im 18. Jahrhundert sowie eine zeitlose Liebesgeschichte im Rhythmus von Zögern und Zulassen, von sinnlichen Blicken und scheuer Verletzlichkeit. Zu Recht einer der meistgelobten Filme in Cannes 2019, ausgezeichnet mit dem Drehbuchpreis.

„Ich weiß nicht, ob ich schwimmen kann“, sagt Héloïse (Adèle Haenel). Aber sie möchte es probieren, getreu dem optimistischen Motto, dass sich der Mensch schon helfen wird, wenn er ins Wasser fällt. Die Haltung zum nassen Element sagt viel über den Charakter der jungen Adligen, über Lebenshunger und Verletzlichkeit. Sie ist wörtlich gemeint und lässt sich zugleich als Metapher auf Héloïses mangelnde Erfahrung in Liebesdingen lesen. Im Gegensatz zu Marianne (Noémie Marchant) – die perfekt schwimmen kann, wie wir eingangs sehen – hat Héloïse noch nie geliebt, weder Mann noch Frau. Aber eines weiß sie ganz genau: dass sie wütend ist über die bevorstehende arrangierte Ehe mit einem Aristokraten aus Mailand.

Die damaligen Sitten wollen es so, dass die Zukünftige ihrem unbekannten, fernen Ehemann ein Porträt in Öl von sich schickt, um damit den Pakt zu besiegeln. Héloïse aber ist bockig und weigert sich, Modell zu sitzen. Ihre Mutter (Valeria Golino) ersinnt daher eine List. Die Malerin Marianne soll zum Schloss auf der einsamen Insel vor der Küste der Bretagne reisen und sich gegenüber Héloïse als Gesellschafterin ausgeben. Auf der Basis von gemeinsamen Spaziergängen, so der Auftrag, könnte Marianne aus dem Gedächtnis das Porträt malen, abends und heimlich, in einem eigens hergerichteten, abgeschotteten Teil des Schlosses. Doch allmählich entwickelt sich eine Zuneigung unter den ungleichen Frauen, die sich mit Unehrlichkeit und Verrat nicht verträgt.

Es scheint müßig zu betonen, dass gelungene Filme über das Malen meist selbst wie eine Abfolge von Gemälden komponiert sind. Aber es ist beinahe unmöglich, die exquisite filmische Landschafts- und Porträtkunst von Sciammas Kamerafrau Claire Mathon nicht zu loben. Der aufgewühlte Atlantik, die wilde Steilküste bei Quiberon, die karge Kälte eines lange unbewohnten Schlosses, die offenen Feuer und ihr goldenes Licht, das auf äußerlich gefasste, innerlich erschütterte Gesichter fällt – all das rahmt die Kamera zu klug gestaffelten Einstellungen, zu Eroberungen von Räumen, die ebenso für sich stehen wie für die Widerspiegelung feinster Gefühlsregungen.

Nur ein Beispiel: Einmal stehen Héloïse und Marianne an einer der berühmten Klippen, deren wilde Schönheit zuletzt auch Emily Atef in „3 Tage in Quiberon“ gefeiert hat. Beide schauen gerade hinaus aufs Meer, die Kamera steht seitlich, dadurch verdeckt Mariannes Gesicht das von Héloïse. Aber wenn Marianne den Kopf dreht und scheu zu Héloïse blickt, sehen wir auch deren Profil. Kein Schnitt, Marianne schaut erneut, und jetzt wendet auch Héloïse den Kopf, beide sehen einander direkt in die Augen, was ihnen am ersten Tag ihres Kennenlernens noch peinlich ist. Und doch enthält der kurze Blick schon alles, was folgen wird.

Neben einem Film über die Malerei, die Liebe und die kurze Utopie einer herrschaftsfreien Gemeinschaft, in die auch das Dienstmädchen Sophie (Luàna Bajrami) einbezogen wird, ist „Porträt einer jungen Frau in Flammen“ auch ein Film über das Kino. Nämlich über das Verhältnis des Schauens und Zurückschauens, über das feine Spiel von Blicken, von Schuss und Gegenschuss, das im besten Fall den Dialog überflüssig macht. Und kurioserweise lässt sich die neueste Arbeit von Regisseurin Céline Sciamma sogar als Film über die Musik verstehen. Und das, obwohl eine konventionelle Filmmusik fehlt und nur an ganz wenigen, dramaturgisch entscheidenden Stellen Gesang oder Instrumente eingesetzt werden. Das entspricht dem Lebensgefühl einer Zeit, als es noch kein Radio und keine Tonträger gab. „Wir klingt ein Orchester?“, fragt Héloïse, die in der Klosterschule nur geistliche Orgelmusik hören durfte. Marianne gibt darauf eine Antwort, die sich ins Gedächtnis einbrennt wie viele andere Momente eines wundervollen, trotz seines ruhigen Tempos immer spannenden Meisterwerks.

„Porträt einer jungen Frau in Flammen“ verspricht in seinem sperrigen Titel nicht zu viel. Entflammt sind nicht nur die Malerin und ihr Modell, sondern die ganze Inszenierung, die in Landschaften und Gesichter eine von innen leuchtende Intensität legt. Die eigentliche Handlung tritt zurück hinter das Arrangement von Blicken im utopischen Modell emanzipierter Weiblichkeit – eine kurze Zeitinsel im Meer des Patriarchats.

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Wir vergeben daher 8 von 10 Filmpunkten.

Copyright: Alamode Film

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Länge: 119 min

Kategorie: Drama, History, Romance

Start: 31.10.2019

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Porträt einer jungen Frau in Flammen

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 119 min
Kategorie: Drama, History, Romance
Start: 31.10.2019

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